Von Jonas Kappner

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27. Februar 2022 um 07:10

Brunchgeschichten: Weshalb männliche E-Mountainbiker toxisch sind

In dieser Brunchkolumne fragt sich Jonas, was er an einem Tag, an dem der russische Staatspräsident einen Angriffskrieg gestartet hat, schreiben soll. Er beschliesst, toxische Menschen ins Visier zu nehmen – und landet bei einer Anekdote über «Testosteron gesteuerte E-Mountainbiker» auf der Allmend.

Illustration: Zana Selimi

Heute fällt es mir ziemlich schwer, ein passendes Thema für diese Brunchgeschichte zu finden. Das liegt zum einen daran, dass ich nicht oft auf der Redaktion arbeite. Eigentlich gar nicht. Zum anderen, dass heute nicht Sonntag ist. Sondern Donnerstag, der 24. Februar 2022. Der Tag, an dem der russische Staatspräsident einen Angriffskrieg gestartet hat. Um Gebietshoheit zu erlangen. Um seinen Machtbereich zu erweitern. Um sein Ego zu pushen. Um was weiss ich…

Worüber soll man an so einem Tag schreiben? Vielleicht über Typen wie Putin. Über toxische Menschen, die aus falschen Motiven und Abwesenheit von Empathie nur ihr eigenes eingeschränktes Weltbild durchsetzen wollen. Putin ist natürlich eine Ausnahmeerscheinung, wenn man sich die Gesamtheit aller toxischen Menschen vor Augen führt. Sich selbst würde er wahrscheinlich auch eher der Kategorie Halbgott zuordnen, als sich als normalen Erdenbewohner zu bezeichnen. Oder Gott?

Tatort Allmend

Jetzt aber weg vom Krieg. Weg von Putin. Bleiben wir aber mal bei ausgeprägten Egos und ihren Verhaltensweisen. Tatort: Allmend Brunau. Für alle, die sie nicht kennen: Das Gebiet «Allmend Brunau, Höckler und Gänziloo» ist ein Naherholungsraum für die Bevölkerung. Der Ort bietet sich an für Spaziergänge mit und ohne Hund, für Picknicks und zum Ausruhen. Auch eignet sich die weitläufige Fläche für Sportarten wie Fussball, Laufen, Reiten oder Velofahren.

Per Definition hört sich das doch erst mal klasse an. Und auch in der Umsetzung funktioniert es meiner Meinung nach super. Viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Hobbies und Bedürfnissen verbringen friedlich und glücklich ihre Zeit in diesem wunderschönen «Naherholungsraum». Wären da nicht: Die Testosteron gesteuerten E-Mountainbiker (hier gendere ich mal nicht, da es sich aus meiner Erfahrung eindeutig um ein eher männliches Phänomen handelt).

Vom Tatort zum konkreten Tatbestand. Hauptprotagonisten: Zwei circa 50-jährige Männer auf E-Mountainbikes, ein Kinderwagen mit dazugehörigem Anhang und eine Spaziergängerin mit einem schon etwas in die Jahre gekommen Labrador (ach, Labradore sind schon immer sehr herzig). Das ist passiert: Die Allmend ist weitläufig und gut einzusehen. Direkt neben der Gänziloobrücke schlängelt sich ein Weg hinab von den Ausläufen des Uetlibergs auf die weitläufige Wiese der Allmend. 

Für manche amateurhafte Extrem:Freizeitsportler:innen ist dies anscheinend eine Einladung, mal auszutesten wie gut das zwar schon in die Jahre gekommene, aber subjektiv noch immer junge Reaktionsvermögen noch funktioniert. Das Problem: Der Schotterweg ist nur drei bis vier Meter breit. An diesem konkreten Tag liefen meine Hündin Bella und ich unseren gewohnten Pfad direkt über die grosse Weide. 

Auf dem Weg vor uns: Ein Kinderwagen, zwei Menschen und ein tapsiger Labrador, der den Wegesrand erkundigte. Noch in geraumer Ferne, erkannte man zwei bergab fahrende Velos. Es war schnell zu erkennen, dass das Tempo zu hoch war. Bella rief ich vorsichtshalber schon einmal zu mir, obwohl wir uns noch gut 50 Meter hinter dem zukünftigen «Tatort» befanden. Die Frau mit Hund überholte gerade den Kinderwagen, als die beiden Ikonen des Radsports auch schon mit geschätzten 40 km/h auf sie zu steuerten. 

«Jetzt fragt man sich natürlich, was Putin mit gesetzten Zürchern gemein hat.»

Jonas Kappner

Was dann passierte war ehrlich gesagt abzusehen. Während der erste Biker sich noch auf dem einen Meter, der zwischen Kinderwagen und Rasenkante frei war, hindurch schlängelte, rechnete der andere wohl nicht mit einem tapsigen Ausfallschritt des Labradors, der sich aufgrund eines wohlriechenden Grashalms auf die andere Seite des Weges bewegte. Mit zehn Punkten in der Haltungsnote und einem vor Unsicherheit strotzendem Ausweichmanöver bugsierte Velofahrer Nummer 2 seinen Hintern daraufhin auf die daneben liegende Wiese. Was nun folgte war bühnenreif. Velofahrer Nummer 2 rollte sich von rechts nach links über die Wiese, stand auf und lies sich wieder ins Gras fallen. Letzteres zur grossen Belustigung des Labradors, der in der Zwischenzeit den Grashalm fertig inspiziert hatte. 

Rücksichtslositgkeit, Abwesenheit von Empathie

Als die Hundebesitzerin auf ihn zutrat und fragte, ob er sich stark verletzt hatte, begann er ihr zu drohen: «Wenn hier nicht so viele Menschen wären, dann…» Es folgte ein weiterer beherzter Sprung ins Gras. Auf meine Frage, was denn dann wäre, erntete ich nur einen bösen Blick. Zwischenzeitlich hatte sich Velofahrer Nummer 1 besonnen und war zu seinem Kompagnon zurückgekehrt. Fluchend stiegen sie auf ihre Batterien und zogen in gemässigtem Tempo von dannen. Und wenn sie nicht gestürzt sind, dann fahren sie noch heute.

Was also motiviert Männer zwischen 40 und 60 auf ihren elektrobetriebenen Geschossen auf einer Schotterpiste in einem viel zu hohem Tempo an Kindern, Hunden, Vögeln, Sporttreibenden und Spaziergänger:innen rücksichtslos vorbeizufahren? Kudos bei Strava? Die Anerkennung der vorbeiziehenden Gesichter? Ich kann es nicht nachvollziehen. Bella ebensowenig.

Jetzt fragt man sich natürlich, was Putin mit gesetzten Zürchern gemein hat. Eine gewisse Rücksichtslosigkeit. Abwesenheit von Empathie. Ein stark toxisch ausgeprägtes Ego. Übrigens: Ihr seid gar nicht so geil, wie ihr denkt.



Brunchgeschichten

Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Ladina, Michael, Isa, Nico, Steffen, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen

2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört

3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten

5. Warum ich meinen Geburtstag so mag

6. Weshalb wir alles andere als wild sind

7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten

8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will

9. Warum eigentlich Berlin?

10. Warum ich keine Flohmis mag

11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten

12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

13. Warum ich fast immer zu Fuss gehe

14. Warum ich mein Sternzeichen nicht kenne

15. Weshalb der Dezember ohne Weihnachten nur ein zweiter Januar wäre

16. Mit der Deutschen Bahn von Zürich nach Berlin – ein 12-stündiges Abenteuer

17. Wieso ich Brunch blöd finde

18. NZZ & FDP gegen den Rest

19. Fomo? Jomo!

20. Endlich eine Bachelorette

21. Warum ich mich am Hobby meiner Freund:innen störe

22. Der Konsumkritik zum Trotz oder weshalb ich Geschenke mag

23. Wieso Langlaufen mehr als nur ein Boomer-Sport ist

24. Der brennende Tannenbaum auf dem Bullingerplatz – und was ich (nicht) damit zu tun habe

25. Warum Sex für viele Zürcher:innen ein Tabuthema bleibt

26. Warum ich die «Generation Z» bewundere

27. Warum ich nicht (nur) im Jetzt leben will

28. Warum ich trotz Massnahmenlockerungen Spielverderber bin