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Illustration: Zana Selimi

Brunchgeschichten: Warum ich mein Sternzeichen nicht kenne

Jede:r von uns hat ein Sternzeichen, wovon ich leider keine Ausnahme bin. Der Astrologie liegt jedoch ein unschöner Gedankenzug zugrunde, der schon lange überholt sein sollte.
17. Oktober 2021
Praktikant Redaktion

Ich lese in der Zeitung davon, höre es in lautstarken Gesprächen im Tram und sogar im eigenen Freundeskreis: Horoskope, Sternzeichen, Aszendenten und wie das alles sonst noch heisst.

Über Astrologie weiss ich wenig, das muss ich der Fairness halber zu Beginn erwähnen. Dementsprechend erlaube ich mir zumeist keine harten Urteile darüber und letztendlich leben wir ja auch in einem Land, wo die Leute an das glauben dürfen, wonach es ihnen beliebt.

Doch wenn ich genauer darüber nachdenke, dann vertritt die Sterndeutung einen Grundsatz, der mich schon immer störte: Menschen nach Eigenschaften zu beurteilen, auf die sie keinen Einfluss haben.

Denn am eigenen Geburtsdatum kann ein Mensch ebenso wenig ändern wie an der Hautfarbe, dem Geburtsland oder der sexuellen Orientierung. Dennoch scheint das Konzept, einen Menschen aufgrund des Geburtsdatums und der Konstellation der Himmelskörper zu diesem Zeitpunkt zu beurteilen, erschreckend salonfähig zu sein.

Wie oft haben mich schon Leute darüber belehrt, dass ich ja so gefühlvoll und empfindsam sein müsse, weil Menschen mit meinem Sternzeichen nun mal so wären. Natürlich zieht das Urteil über ein Sternzeichen in der Regel keine schwerwiegenden Konsequenzen für die beurteilte Person nach sich, wie es ja bei anderen Merkmalen leider immer noch der Fall ist. Dennoch finde ich den Grundgedanken nicht richtig, denn es ist schlicht unfair, Menschen nach Faktoren zu kategorisieren, auf die sie keinen Einfluss haben.

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Aus diesem Grund war ich nie empfänglich für die Worte von selbsternannten Astrologie-Expert:innen. Ganz zu schweigen von der Bauernfängerei, die die Deuter:innen der Himmelskörper mit ihren Ratgebern, Horoskopen und gebührenpflichtigen Hotlines betreiben.

Dies, obwohl sich bereits in meinem Kinderzimmer ein illustriertes Büchlein befand, das mich über die Charakterzüge und Eigenheiten eines Menschen mit meinem Sternzeichen aufklären sollte. Das Büchlein blieb stets unberührt. So konnte es doch mein Interesse niemals so sehr wecken, wie beispielsweise die skurrilen Erlebnisse Gallischer Freiheitskämpfer:innen, die sich dank leistungssteigernder Substanzen erfolgreich gegen die feindliche Übernahme ihres Dorfes durch römische Eroberer zur Wehr setzten.

Manchmal liess ich die Irregeführten in ihrem Glauben, meine Person endgültig ergründet zu haben.

Meiner Schweigsamkeit über das Thema Sternzeichen zum Trotz, fanden die Sterndeuter:innen immer wieder ihren Weg zu mir. In den meisten Fällen stiessen sie bei mir auf eine Wand, doch im Verlauf der Zeit machte ich es mir zum Sport, sie zu verwirren.

Dies, indem ich ihnen im Gespräch ein falsches Geburtsdatum angab und damit ihre vermeintlichen Deutungsfähigkeiten auf den Holzweg brachte. «Du bist also ein Steinbock. Das habe ich sofort an deiner selbstironischen Art erkannt», sagte eine Person, mit der ich einmal ein Rendezvous hatte. «Oh also ein Skorpion! Kein Wunder, dass du so ein Organisationstalent bist», meinte ein ehemaliger Arbeitskollege vor einigen Jahren.

Manchmal liess ich die Irregeführten in ihrem Glauben, meine Person endgültig ergründet zu haben, da es wohl für beide Seiten am besten war: Die Hobby-Astrolog:innen hatten ihren Triumpf und ich hatte ein Lächeln im Gesicht. Bedeutend lustiger war es jedoch, wenn ich ihnen am Ende ihres esoterischen Exkurses meinen Ausweis unterbreitet habe, auf dem sie mein tatsächliches Geburtsdatum sehen konnten.

Doch selbst ich, der für die Astrologie so unempfänglich ist, bin mit dem Wissen über mein eigenes Sternzeichen gestraft. Natürlich gebe ich es hier nicht preis, um unerwünschte Deutungen meiner Person zu unterbinden.

Meine bewährte Taktik besteht darin, mein Sternzeichen und die Tatsache, dass ich überhaupt eines besitze, systematisch zu vergessen. Ob mein stures Verhalten vielleicht doch ein Resultat aus der Konstellation der Himmelskörper zum Zeitpunkt meiner Geburt ist, werde ich wohl nie erfahren.

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen
4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten
5. Warum ich meinen Geburtstag so mag
6. Weshalb wir alles andere als wild sind
7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten
8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will
9. Warum eigentlich Berlin?
10. Warum ich keine Flohmis mag
11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten
12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»
13. Warum ich fast immer zu Fuss gehe

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