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Brunchgeschichten: Weshalb wir alles andere als wild sind

Die Wahlen für das Jugendwort 2021 sind in vollem Gange. Einer der Favoriten ist das Wort «wild». Warum wir alle, von Generation Z bis hin zu Millennials, vieles sind; aber bestimmt nicht wild. Ein Plädoyer.
15. August 2021
Praktikantin Civic Media

Der Langenscheidt-Verlag ist wieder einmal auf der Suche nach dem Jugendwort des Jahres 2021. Er ruft dazu auf, sich bis am 13. September zwischen «lost», «cringe», «wild» und sieben anderen Wörtern zu entscheiden. Mein einziger Gedanke dabei: Es kann sein, dass wir alle ein bisschen «lost» und manchmal bestimmt auch «cringe» sind, aber wir sind alles andere als «wild».

Vielleicht liegt der Grund für diese nicht existente Wildheit darin, dass wir sie zu sehr anstreben. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass wir die Balance zwischen dem herrschenden Perfektionszwang – Social Media und Leistungsgesellschaft sei Dank – und dem Wissen, dass uns die Welt offensteht, nicht finden und uns total in diesem Zwiespalt verlieren. Vielleicht führt dieser Zwiespalt dazu, dass wir so überfordert sind mit allem um uns herum, dass wir uns in pedantische Kontrollfreaks verwandeln, wenn es um uns selbst und unser Leben geht.

So führen wir ein Journal, in dem wir täglich unsere Stimmungslage aufschreiben, haben eine Agenda, die immer bereits für die nächsten drei Wochen vollgekritzelt ist mit Verabredungen, Verpflichtungen und den geplanten Waschtagen. Zum Einschlafen hören wir uns Podcasts von Psycholog:innen an, die uns in die Geheimnisse einer perfekten Beziehung einweihen und zum Frühstück trinken wir erst lauwarmes Wasser, damit unser Magen schonend geweckt wird.

Unsere Wohnungen sehen aus wie dem Katalog entsprungen, wir kaschieren diesen Fakt aber geschickt mit einigen Kissen, die gar nicht zueinander passen und einigen lustigen Accessoires, die etwas aus der Reihe tanzen. Wir wünschen uns eine sichere 60 Prozent Anstellung. Wir wollen genug verdienen, um mit 25 unsere dritte Säule eröffnen zu können und uns zweimal pro Jahr Ferien zu gönnen.

Wenn wir dann den besagten Urlaub antreten, wandern wir gemeinsam mit 200 anderen hippen jungen Backpacker:innen um fünf Uhr morgens auf einen Berg und sind dann enttäuscht, weil der Sonnenaufgang auf dem Google Foto viel schöner aussah.

Lasst uns wieder einmal einige Sachen machen, die weder unser inneres Zen füttern noch uns das genugtuende Gefühl der absoluten Kontrolle geben.

Die Problematik lässt sich folgendermassen zusammenfassen: Nach unserem momentanen Verständnis gibt es zwei Ideale, die zu verfolgen sind. Einerseits wollen wir alle ein aufregendes Leben führen. Andererseits sehnen wir uns nach einem möglichst ausgeglichenen Gemütszustand. Diese Ausgeglichenheit verleitet uns dazu, wöchentlich unser Yoga zu absolvieren, oder regelmässig in die Natur zu pilgern, um dem Stadtlärm zu entkommen. Ich wage auch zu behaupten, dass sie der Grund dafür ist, dass wir uns regelmässig am Sonntag dazu aufraffen, völlig verkatert mit unseren Freund:innen brunchen zu gehen. So können wir am Montag voller Stolz auf das vergangene Wochenende zurückblicken und uns versichern, dass wir die freie Zeit auch wirklich gut genutzt haben. Ein bisschen wild, ein bisschen was für die Seele.

Ihr seht, wir sind vieles. Wir sind ambitioniert, selbstkritisch und engagiert. Wir tragen Sorge zu unserem Körper und unserer Psyche. Uns würde es aber ganz gut tun, auch mal ein bisschen weniger davon zu sein.

Lasst uns wieder einmal einige Sachen machen, die weder unser inneres Zen füttern noch uns das genugtuende Gefühl der absoluten Kontrolle geben.

Beginnen wir damit, dass wir uns am nächsten Sonntagmorgen wieder einmal auf die Toilette und von dort aus zurück ins Bett, anstatt zu unserem Avocado-Bagel und dem frisch gepressten Orangensaft schleppen.

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen
4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten
5. Warum ich meinen Geburtstag so mag
6. Weshalb wir alles andere als wild sind
7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten
8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will
9. Warum eigentlich Berlin?
10. Warum ich keine Flohmis mag
11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten
12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

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