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Am Schluss bleibt meist ein einsamer Tisch mit vollen Aschenbechern zurück.

Brunchgeschichten: Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen

Das Wochenende bietet meistens viel Gesprächsstoff für den Sonntagmorgen. Wir wollen dich an unseren bescheidenen Erlebnissen teilhaben lassen. Den Auftakt macht Simon Jacoby und erklärt endlich, warum er bei Partys oft einfach plötzlich verschwindet.
11. Juli 2021
Chefredaktor

«Ach wieso gehst du schon», «Bleib doch noch für ein Bier», «Nein, wir lassen dich noch nicht gehen». Sätze des Grauens. Nur schon jetzt beim Schreiben zieht es mir die Magengrube zusammen, wenn ich daran denke, wie Leute mich nicht nach hause gehen lassen wollen.

Vor über zehn Jahren habe ich es mir angewöhnt, einen «Französischen» oder den «Fisch» zu machen: Ich gehe, ohne mich zu verabschieden. Oft wurde mir gesagt, dies sei doof, asozial oder es gehöre sich nicht. Ja, kann ich verstehen. Ich finde es aber auch doof, wenn mich Menschen gegen meinen Willen an einem Ort behalten wollen.

Natürlich ist mir bewusst, dass ich nicht aus Gemeinheit aufgefordert werde, noch ein bisschen zu bleiben und noch eins zu trinken. Umgekehrt habe ich aber auch nicht aus Gemeinheit das Bedürfnis, heim zu gehen. Im Verlaufe der Jahre ist mir bewusst geworden, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche soziale Ressourcen haben. Die einen verbringen die Zeit am liebsten mit sich selber, die anderen wollen ständig unter Menschen sein.

Ich selber bin kein Extremfall, bewege mich aber auf dem Spektrum schon eher auf jener Seite, die auch mal gerne alleine ist. Jaja, auch ich geniesse die Zeit mit lieben Menschen, sie gibt mir Energie und macht mich froh. Doch irgendwann kommt jeweils der Moment, wo meine sozialen Ressourcen aufgebraucht sind. Dann muss ich weg. Das hat nichts mit Langeweile zu tun, auch nichts mit einer Absage an die Runde und auch nichts damit, dass ich die Personen um mich herum plötzlich doof finde.

Ich mag dann einfach nicht mehr plaudern, nicht mehr zuhören, nicht mehr tanzen oder nicht mehr trinken.

Wenn ich dann einfach verschwinde, tue ich dies nicht aus Bösartigkeit. Natürlich ist es egoistisch und kann ein Gefühl des Verlassenwerdens hinterlassen. Das ist aber nicht die Absicht! Im Gegenteil. Ich verschwinde für das gute Gefühl. Ich will nämlich, dass die gemeinsam verbrachte Zeit in guter Erinnerung bleibt. Wenn mich Freund:innen amigs vom Verbleib zu überzeugen versuchen, dann geschieht bei mir das Gegenteil. Ich habe dann das Gefühl, Leute sind traurig, weil ich schon gehe, und ich werde genervt, weil mein Bedürfnis nicht respektiert wird. Schade, denn dann tritt die Freude über die gerade verbrachte gemeinsame Zeit in den Hintergrund.

Es ist mir schon auch wichtig, hier anzumerken, dass ich kein Unmensch bin. Ich lasse nicht einfach so einzelne Personen alleine irgendwo stehen. Für meine französischen Abgänge habe ich mir darum möglichst sozialverträgliche Regeln auferlegt: Bei kleinen Gruppen verschwinde ich nie aus dem Nichts, das wäre wirklich einfach gemein. Aber bei einer Runde von beispielsweise 20 Personen kommt es nicht so drauf an ob ich da bin oder nicht. Oder wenn die Anreise mega weit war, dann schleiche ich mich nicht alleine zurück nach Zürich (Gratis-Tipp: Möglichst die Stadt nicht verlassen).

Ich bin auch durchaus zu Verhandlungen auf Augenhöhe bereit. Mit einigen habe ich den Deal, dass ich ankündigen muss, wenn ich nachhause will. Sie dürfen mich dann genau einmal fragen, ob ich sicher sei. Ich wiederum muss dann kurz ernsthaft überlegen, ob ich wirklich heim will. Es gab tatsächlich schon Situationen, in denen ich dann noch geblieben bin. Wenn ich dann aber wirklich heim will, dann darf ich auch heim; ohne weitere Überzeugungsversuche. Dies finde ich eine sehr schöne Abmachung.

Nicht immer klappt der Plan. Ich bin auch schon aufgeflogen, besonders als die Leute mit der Zeit ein Sensorium für bevorstehende Abgänge entwickelt haben. Folglich musste ich auch mein Verhalten weiterentwickeln. Falls du es auch lernen willst, gilt es ein paar Tricks zu befolgen: Damit es nicht auffällt, wenn du die Gruppe verlässt, musst du dich möglichst unauffällig verhalten. Also so, als ob du zur Toilette gehen würdest: langsame und klare Bewegungen ohne schnelle Blicke. Ein paar Minuten vor dem Abgang sammelst du langsam deine Sachen ein, falls diese beispielsweise auf einem Tisch verteilt sind. Beim Rausgehen kannst du dich auch gut noch an einem Gespräch beteiligen, so, als wärst du in einer Minute wieder da. Ganz wichtig: Falls du mit dem Velo kommst, dieses nicht direkt vor dem Eingang abschliessen, sondern um die Ecke, ausserhalb der Sichtweite.

Schwups, weg bist du.

Anfänger:innen beobachte ich immer wieder, wie sie ankündigen, dass sie demnächst einen französischen Abgang machen... Dann fliegst du natürlich sofort auf.

Inzwischen gerate ich selber nicht mehr in viele Situationen, in denen ich mich für einen Abschied rechtfertigen muss. Ich finde es schön, wenn ich mich nach einer tollen Zeit bei den Mitmenschen verabschieden kann. Früher waren meine Freund:innen überrascht, wenn ich ohne tschüss zu sagen verschwunden bin. Heute sind sie es, wenn ich mich bei allen verabschiede. Dafür bin ich sehr dankbar.

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

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