Von Ladina Cavelti

Praktikantin Civic Media

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12. Dezember 2021 um 06:00

Brunchgeschichten: Warum ich mich am Hobby meiner Freund:innen störe

Mit den steigenden Corona-Fallzahlen hat auch die Begeisterung an Bergsport im Umfeld unserer Autorin zugenommen. Obwohl sie für dieses Hobby wenig übrig hat, versteht sie auch woher die Begeisterung dafür kommt. Eine Kolumne über das Älterwerden und einen ermüdenden Winter.

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Illustration: Zana Selimi

Liebe Bergsportler:innen, ich lasse mich oft über euer Hobby aus. Aus Prinzip. Sorry. Das hat grösstenteils mit dem lächerlichen Verlangen zu tun, gegen manche Dinge eine unbegründete Anti-Haltung an den Tag zu legen. Ein kleine Rolle in dieser gegenstandslosen Abneigung spielt aber auch mein Umfeld. Denn dort tummeln sich viele Freund:innen der Flora und Fauna.

Ich möchte mich in dieser Kolumne ein bisschen bei diesen Menschen entschuldigen. Denn in den letzten Wochen hatte ich plötzlich Gedankenblitze in Form eines Anflugs an Verständnis gegenüber eurem Hobby, die ich nur ungerne zugebe. Weniger gegenüber dem sportlichen Unterfangen, mehr gegenüber dem Bedürfnis der Stadtflucht.

Statt um die Häuser zu ziehen, zieht es die Masse in die Greina-Ebene oder auf den Piz Palü oder wie die alle heissen.

Ladina Cavelti

Von einer Faszination Berg ist das noch weit weg, trotzdem gestehe ich mir den Gedanken ungerne ein, denn er steht in Konkurrenz zu meiner Verfechtung, ich sei ein absoluter Stadtmensch. Diese Aussage unterstreiche ich jeweils gerne damit, dass ich ja zwischen Bergen aufgewachsen bin und deswegen beides kenne.

Einmal Berg, immer Berg

In meinem Umfeld, wie wahrscheinlich auch in deinem, hat die Begeisterung an Bergsportarten parallel zu den steigenden Fallzahlen zugenommen (Randnotiz an meine Freund:innen: Ich weiss, viele von euch haben auch bereits zuvor leidenschaftlich Berge erklommen, du kannst dich von dieser Aussage selbst ausklammern). Die Lockdowns haben die Menschen dazu gebracht, ihre Wochenendbeschäftigungen umzudenken.

Statt um die Häuser zu ziehen, zieht es die Masse in die Greina-Ebene oder auf den Piz Palü oder wie die alle heissen. Das Geld, mit dem sonst ein halbes Jahr gefeiert wurde, investiert man nun in neue Tourenschuhe. Schön und gut. Ich habe mich in dieser Zeit zwar nicht komplett neu orientiert aber doch auch anderweitig beschäftigt.

Nur dachte ich, dass mit den Massnahmenlockerungen der Fokus am Wochenende wieder auf den Kreis 4 und 5 wandert. Fehlanzeige. Einmal Berg, immer Berg. Die Alpen haben meine Freund:innen in fester Hand und machen die Fesseln auch so bald nicht wieder locker.

Es fühlt sich an, als wären ein paar Jahre übersprungen worden.

Ladina Cavelti

Und was mich daran nervt ist, dass ich diese Yeti-Sucher:innen vermisse, wenn ich mich in einer Samstagnacht irgendwo zwischen Mars Bar, Umbo und Palestine-Grill bewege, während sie sich in einer SAC-Hütte auf dem Säntis wahrscheinlich bereits die Wanderschuhe schnüren um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen.

Als wären Jahre übersprungen worden

Vielleicht klammere ich mich zu fest an der Pre-Corona Zeit fest. Ziemlich sicher steckt in diesem Gedankengang auch eine kleine Spur Angst vor dem Altwerden. Die Lockdowns haben diesen Prozess beschleunigt oder vielleicht auch einfach sichtbar gemacht. Anstelle einer langsamen Umstrukturierung der Freizeitgestaltung meines Umfeldes, gab es einen abrupten Schnitt, den ich ungerne wahrhaben möchte.

Es fühlt sich an, als wären ein paar Jahre übersprungen worden. Das sind sie ja auch irgendwie. Während wir alle gemeinsam 2019 an den Wochenenden das Angebot der Stadt wahrgenommen haben, spielen die einen nun lieber «Into the Wild» und die anderen, inklusive mir, noch immer «Hangover». Beides legitim. Ich habe ersteres einfach nie verstanden. Bis jetzt. Die Gründe dafür sind banal und naheliegend.

Grund 1: Winter in der Stadt. Ich bin in Chur aufgewachsen und kannte Nebel, so wie es ihn in Zürich gibt, nicht. Auch in Chur gibt es graue Tage und schlechtes Wetter, aufgrund des Föhntals ist Nebel jedoch eine Seltenheit. Die Sonne sieht man in Chur im Winter also viel öfters. Und die fehlt mir gerade sehr.

Der Winter schlägt mir jedes Jahr aufs Gemüt und trotzdem bin ich jedes Mal auf neue überrascht, wenn es so weit ist. Damit bin ich nicht alleine. Wenn ich mich in meinem Umfeld umsehe und austausche geht es vielen ähnlich. Gedrückte Stimmung, müde, angeschlagen, unausgeglichen. Trotzdem konnte ich dank dem grossen Kulturangebot der Stadt den Winter jedes Jahr ertragbar gestalten.

Ein erwünschtes Verdrängen der Situation, vermischt mit einem erhofften Stimmungs-Booster in Form der Sonne.

Ladina Cavelti

Hier kommt Grund 2 ins Spiel: Corona. Die Lage hat sich wieder extrem zugespitzt. Das Kulturangebot kann momentan zwar wahrgenommen werden, richtig wohl fühle ich mich dabei aber nicht. Den innere Dialog, den man deswegen führt, ist anstrengend. Aber das muss ich wohl kaum weiter erläutern, noch generell weitere Zeilen zum Thema Corona ausführen. Denn ich glaube, wir sind alle müde.

Auf jeden Fall setzt bei mir gerade der gute alte Fluchtinstinkt ein. Ein erwünschtes Verdrängen der Situation, vermischt mit einem erhofften Stimmungs-Booster in Form der Sonne. Einige meiner Freund:innen würden jetzt sagen: «Eben, siehst du, Natur tut schon voll gut.» Ja, vermutlich habt ihr recht. Wenn ihr nächstes Mal fragt ob ich auf ein Outdoor-Abenteuer mitkomme, sag ich wahrscheinlich trotzdem nein, kann aber sicherlich mehr Verständnis dafür aufbringen.

Dementsprechend wünsche ich dir einen schönen Sonntag, ob in den Bergen oder auch im grauen Zürich – wo auch immer du deine Batterien am liebsten auflädst.