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Brunchgeschichten: Warum ich meinen Geburtstag so mag

Der Geburtstag gilt als dieser eine Tag im Jahr, der es einem erlaubt, die eigene Existenz ungehemmt zu zelebrieren. Das stimmt zwar, aber es steckt noch viel mehr dahinter. Ein Text darüber, wieso ich meinen Geburtstag trotz narzisstischem Grundgedanken mag und warum dies speziell in der jetzigen Zeit legitimer ist denn je.
08. August 2021
Praktikantin Redaktion

Es ist Anfang Sommer 2020. Schwatzend sitzen wir in der grossen Runde, draussen auf unserem geräumigen Balkon zwischen Kräutergarten und Tomatensträucher. In der einen Balkonecke schwärmen einige von den wiedergewonnenen Freiheiten, während andere am Geländer genüsslich eine Zigarette anzünden. Die Stimmung ist gelöst, beinahe beseelt. Denn es ist für viele das erste Mal in grosser Gesellschaft nach einer scheinbar nie endenden Zeit. Der Lockdown ist überstanden, zumindest dachten das damals alle. Den Sommer über fühlten sich die Leute frei. Man genoss es und schob den Gedanken an eine zweite Welle weit weg. Es war ein guter Sommer, lokale Berge wurden erklummen, städtische Flüsse und Seen durchschwommen und man entdeckte die eigene Stadt wieder neu.

Jetzt, knapp ein Jahr und etwas mehr später, erleben gerade viele ein Dé­jà-vu. Mit den geöffneten Restaurants und Bars und der Auflösung der Home-Office-Pflicht, wird auch den Städten wieder Leben eingehaucht. Einziger Unterschied: In diesem Jahr füllen sich auch die Terminkalender wieder. Die Zeit der spontanen Treffen gehört allmählich wieder der Vergangenheit an. An deren Stelle rückt das unermüdliche Suchen nach gemeinsamen freien Terminen in den Agenden. Bekommt man zudem noch die Einladung zu einer Doodle-Umfrage, hört der Spass dann gänzlich auf.

Ausser eben an diesem einen Tag, an dem irgendwie alle Zeit finden. Es ist ein Tag, der viele in Verlegenheit bringt oder den einige gar anstrengend finden. Einer, an dem manche das Gefühl haben, die Welt dreht sich nur um sie selbst. Es ist der Geburtstag, der etwas Magisches an sich hat und über diesen Grund ich lange nachgrübelte, um herauszufinden, wieso eigentlich.

Mochte ich ihn als Kind besonders wegen den Geschenken, gab es eine Zeit, in der ich die eben erreichte Zahl vorwiegend feierte, um der nächsten ein Stück näher zu kommen. War die Zahl, welche die grosse Freiheit versprach, erreicht, bot sich der Geburtstag einfach als guten Grund an, auf etwas anzustossen.
Mit der Zeit merkte ich, dass mehr dahinter steckt, als einfach nur Geschenke, gute Laune und das Gefühl, speziell an diesem Tag die Welt umarmen zu können.

Es ist kein langes Hin- und Herblättern in der Agenda, kein mühsames Suchen eines passenden Termins, der in einem ‹schauen wir nächstes Mal› endet.

Noch bevor ich dieses Jahr überhaupt dazu gekommen bin, Einladungen zu versenden, erreichte mich die Nachricht eines Freundes. Ob ich denn etwas geplant habe, an meinem Geburtstag. Wenn ja, würde er den Tag nämlich frei behalten. Er fragte nach anderen Freund:innen, denn er freue sich, sie zu sehen. Die Nachricht brachte mich zum Schmunzeln. Wenig später wurde mir auch bewusst, weshalb.

Das Datum des Geburtstags steht fest, verändert sich nie und ist bei denen, die es wissen müssen, auch irgendwo aufgeschrieben – wenn auch nur im Primarschul-Freundschaftsbuch oder irgendwo als Randnotiz im verstaubten Kalender. Es ist kein langes Hin- und Herblättern in der Agenda, kein mühsames Suchen eines passenden Termins, der in einem «schauen wir nächstes Mal» endet. Mehr noch ist es ein Zusammenkommen von Freund:innen, das Durchmischen verschiedener Gruppen, das an diesem Tag so selbstverständlich passiert, wie sonst nur selten. Es ist die völlig neue Welt, die daraus wächst, die sich Jahr für Jahr verfestigt. Es ist das Einfache, das dem Tag inne liegt.

Die Leute scheinen es zu geniessen und ich auch, denn es ist so schön einfach.

So sind speziell in dieser schnelllebigen Welt, in der das Zusammenkommen zur Rarität wird, diese unkomplizierten Begegnungen der Grund dafür, dass meine Serotonine durchs Hirn schiessen als hätte ich etliche Tafeln Schokolade verdrückt. Es ist das Gesamtszenario, das jährlich – sofern sich keine Pandemie allzu fest dazwischen drängt – die Vorfreude mitsamt dem Tag so speziell macht und mit jedem Jahr noch ein bisschen mehr.

Nun stehe ich also ein Jahr später wieder da, auf dem Balkon. Schaue in lachende Gesichter, die angeregt miteinander schwatzen. Sehe verschmelzende Welten, die nur jetzt und heute aufeinander treffen, deren Wege sich sonst nur selten kreuzen. Die Leute scheinen es zu geniessen und ich auch, denn es ist so schön einfach.
Wenn auch dank einem Tag, dessen ursprünglicher Sinn und Zweck nicht egozentrischer sein könnte. Aber wenn es nur so geht, dann eben so.

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen
4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten
5. Warum ich meinen Geburtstag so mag
6. Weshalb wir alles andere als wild sind
7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten
8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will
9. Warum eigentlich Berlin?
10. Warum ich keine Flohmis mag
11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten
12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

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