🎄27 Dezembo-Membo🎄

Illustration: Zana Selimi

Brunchgeschichten: Weshalb der Dezember ohne Weihnachten nur ein zweiter Januar wäre

Unsere Autorin findet findet Weihnachten erstens ein bisschen scheisse und zweitens ein bisschen schön. Weshalb, verrät sie in der aktuellen Brunchgeschichte.
24. Oktober 2021
Praktikantin Civic Media

Ich kam diese Woche unangenehm oft mit dem Thema Weihnachten in Berührung. So oft, dass ich diese Kolumne nun als mein persönliches Ventil und dich als ungefragtes Endlager meiner Eindrücke ausnutze (ein halbherziges Sorry an dieser Stelle).

Das erste Mal begegnete mir das Unheil (Ja, ich übertreibe total, und keine Angst, das wird jetzt zu keinem Weihnachts-bashing), als ich im Denner an der Kronenstrasse die Zutaten für eine Pizza zusammen suchte. Dabei beobachtete ich einen Mitarbeiter, der die Regale voller Panettone in weihnachtliches Geschenkpapier einwickelte. An diesem Abend in der WG, beim viel zu ernst genommenen Wettstreit vor dem Fernseher – Werbungen erraten – wurde festgestellt, dass sich die Schokoladenwerbungen häufen. Der Verdacht wurde am nächsten Tag im Büro von Jonas bestätigt. In seinem anderen Job bei einer Schokoladenfabrik, sei wegen Weihnachten jetzt schon die Hölle los.

An nächsten Abend in der WG kamen wir bei einem Glas Wein erneut auf das Thema zu sprechen. Meine Mitbewohnerin fährt für drei Monate nach Mexiko, was Gegenstand der Runde war. Schon bald lag die Feststellung auf dem Tisch, dass sie auch über Weihnachten weg ist.

Für meine Mitbewohnerin ist das nichts Neues und auch nichts Schlimmes. Sie arbeitet in einem Pflegeberuf und muss deswegen oft auf die Festlichkeiten verzichten. Wir fingen an, unsere Erfahrungen und Ansichten zu Weihnachten auszutauschen. Bei zwei elementaren Punkten waren wir uns einig. Erstens: Wir finden Weihnachten alle ein bisschen scheisse. Zweitens: Wir finden Weihnachten alle ein bisschen schön.

Wichtig ist, kurz Position bezogen zu haben, damit alle wissen: Ja ich finde den Kapitalismus auch doof.

Das westliche Weihnachten, wie es hierzulande gefeiert wird, ist schon lange vom Grundgedanken abgekommen. Das stört mich jetzt aber keineswegs. Dass das Weihnachten, welches gerade unaufhaltbar auf uns zurollt, eine Erfindung des Kapitalismus ist, ist und war noch nie ein Geheimnis. Trotzdem wird es bei jedem Gespräch über Weihnachten direkt aufgegriffen und dann auch genauso schnell wieder abgehakt. Wichtig ist, kurz Position bezogen zu haben, damit alle wissen: Ja ich finde den Kapitalismus auch doof. Dasselbe machten wir in der WG-Runde und ich hier mit diesen letzten drei Sätzen. Also weiter.

Auch an der Scheinheiligkeit der glücklichen Familie und der heilen Welt stören wir uns, als wir leicht beduselt um den Küchentisch sitzen. Bei denjenigen, die Weihnachten bei ihren Familien feiern, zerbricht die Harmonie spätestens beim dritten Glas Wein, wenn die angeschwipste Tante in die Runde wirft, dass dieses Corona ja nichts anderes als eine herkömmliche Grippe sei. Ja, ja, we love politics with family. Und von diesen Auseinandersetzungen abgesehen, kann Weihnachten, aufgrund von Familiensituationen, für viele eine sehr belastende Zeit sein.

Was an Weihnachten auch nervt, ist der damit verbundene Stress. Während meinen Studi-Zeiten fiel das Ganze auch immer auf die Prüfungsphase, weswegen das Organisieren und Einkaufen für die Festlichkeiten zu einem Extremsport wurde (Shoutout an dieser Stelle an mein nicht vorhandenes Zeitmanagement). Was aber die Prüfungsphase auch wieder erträglich machte, war das unendliche Angebot an Glühwein.

Nichts hält dich davon ab und keine:r hinterfragt dein Befangen, bereits Montags um 15 Uhr den ersten Glühwein zu geniessen.

Nach der Bibliothek noch schnell einen Glühwein zur Belohnung? Kein Problem! Zur Feier der letzten Prüfung gleich mehrere? Nichts hält dich davon ab und keine:r hinterfragt dein Befangen, bereits Montags um 15 Uhr den ersten Glühwein zu geniessen. Und somit wären wir auch bei der zweiten Quintessenz, der gemütlichen Wein-Runde, angelangt. Weihnachten ist unter dem Strich doch sehr schön.

Der Hauptgrund wieso ich froh bin, dass wir diese Eskapade jedes Jahr auf uns nehmen, ist die Stimmung. Ich rede dabei nicht davon, dass ich besonders Fan von den Weihnachtshits bin, die in jedem Geschäft rauf und runter gespielt werden, oder ausgesprochen gerne einen Weihnachtsbaum Schmücke. Ich meine damit hauptsächlich die vielen bunten Lichter, die den Atem in der Kälte orange färben, sowie die lebendige Stadt. Denn, Dezember ohne Weihnachten wäre nur ein zweiter Januar. Und keine:r will einen zweiten Januar.

Graue, dunkle und langwierige Monate haben wir im Winter bereits zu genüge, da begegne ich mit Freude überall den kitschigen Rentier-Lichterketten, die die Strassen in einen leuchtenden Streichelzoo verwandeln. Oh und Weihnachtsguetzli! Nichts desto trotz hoffe ich, dass du das Thema momentan noch besser vermeiden kannst, als ich diese Woche. Viel Glück dabei!

PS: Apropos, wir haben in der WG folgendes Spiel gestartet: Wer am längsten das Lied «All I want for Christmas is You» von Mariah Carey umgehen kann, hat gewonnen (Sorry für den Ohrwurm). Mögen die Spiele beginnen.

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen
4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten
5. Warum ich meinen Geburtstag so mag
6. Weshalb wir alles andere als wild sind
7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten
8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will
9. Warum eigentlich Berlin?
10. Warum ich keine Flohmis mag
11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten
12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»
13. Warum ich fast immer zu Fuss gehe
14. Warum ich mein Sternzeichen nicht kenne

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