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Brunchgeschichten: Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten

Vernissage hier, Restauranteröffnung da: In Zürich läuft immer etwas. Emilio Masullo darüber, wieso man öfters einfach mal nichts tun sollte – auf die Gefahr hin, als Langweiler:in zu gelten.
22. August 2021
Projektleiter

Diesen Text starte ich mit einer Lesepause. Und zwar möchte ich, dass du dir überlegst, wann du dich das letzte Mal gelangweilt hast? Also so wirklich gelangweilt gelangweilt. Kannst du dich daran erinnern? Mir kommen ehrlich gesagt nur Situationen aus meiner Kindheit in den Sinn. Zum Beispiel die zwölfstündigen Reisen nach Süditalien im Auto ohne Klimaanlage. Die Highlights dieser Fahrt waren die kurzen Stopps auf den Autogrill-Raststätten. Dazwischen war mir eigentlich dauernd langweilig. So fühlte es sich auf jeden Fall an. Meine Eltern hatten sich wohl irgendwann so fest über die Frage: «Wann sind wir endlich da?» genervt, dass sie sich überreden liessen, mir ein kleines Elektro-Keyboard zu kaufen. Danach waren sie zwar meine Fragerei los, dafür ertönte über 1’100 Kilometer lang «Jingle Bells» durch unseren Daihatsu. Mir war nicht mehr langweilig. Meine Eltern nun aber noch mehr genervt.

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Heute nerve ich mich nicht mehr darüber, dass mir langweilig ist. Ich bin viel eher vom Fakt genervt, dass dieser Zustand fast gar nicht mehr aufkommt. Und wenn doch, dann habe ich nach einer Millisekunde mein Smartphone in der Hand und scrolle durch meinen Instafeed oder spiele eine Runde Online-Tichu. Allgemein scheint es in meiner Bubble unmöglich geworden zu sein, untätig zu sein. Und dies eigentlich überall. Zückst du dein Handy, wenn du auf die Toilette gehst? Was machst du, wenn du 90 Sekunden auf das Tram warten musst? Und wie oft bewegst du dich ohne Smartphone und Musik in den Ohren durch die Stadt?

In unserem Leben gibt es wohl kein Drei-Minuten-Fenster mehr, das ungenutzt bleibt.

Wir stimulieren uns andauernd und lassen unserem Gehirn keinen Leerlauf mehr zu. Wir sollten öfters einfach nichts tun. Es darf uns ruhig mal langweilig sein. Und wir dürfen uns auch mal als Langweiler:innen fühlen. Nicht ganz einfach, wenn man in Zürich lebt!

Alle scheinen immer an irgendwelchen Veranstaltungen rumzuhängen, auf dem Bullingerplatz zu chillen oder in einem fancy Restaurant fein essen zu gehen. Nichts zu machen, scheint in Zürich keine Möglichkeit zu sein. Es passiert auch viel: Vernissage, Theaterpremiere, Tanzperformance und Konzerte. Man orientiert sich schnell an seinem Umfeld. Möchte ebenfalls spannend wirken und immer etwas los haben. Wieso aber nicht einfach mal an einem Freitagabend zu Hause bleiben? Mal einem Termin nicht zusagen? Hast du Angst, dass du für Zürich zu wenig cool bist? Ich hatte dies am Anfang. Nun gebe ich vielleicht anderen Menschen genau das Gefühl. Und dies, weil ich mich dem Lebensstil in meinem Umfeld angepasst habe. Ich hänge oft an irgendwelchen Veranstaltungen rum, gehe in fancy Restaurants essen und chille ab und zu am Bullingerplatz ab. Ich konnte dem Züri-Lifestyle nicht widerstehen! Leider!

Ich möchte mich in Zukunft wieder mehr langweilen, mich irgendwo hinlegen und einfach nichts tun. Wir alle sollten uns öfters als Langweiler:innen zeigen. Zürich gibt einem aber das Gefühl, erst etwas wert zu sein, wenn man etwas zu erzählen hat und ständig was unternimmt. Dies bei einigen Menschen wohl so lange, bis sie ein paar Zentimeter vor dem Beinahe-Zusammenbruch stehen. In Zürich haben meiner Meinung nach viele ein Ruhedefizit. Darum: Gehe am Wochenende einfach mal nach Hause und schlafe um 21 Uhr ein. Oder setze dich zwei Stunden in ein Café und beobachte das Geschehen auf der Strasse. Oder mache einfach nichts.

Wir sollten nicht ständig das Gefühl haben, jede freie Minute mit selbst verbessernden Aktivitäten zu füllen. Wir sollten unsere Weissflächen in der Agenda nicht mit etlichen Terminen füllen. Wir brauchen nicht immer noch mehr Aktivität. Wir sollten den Zustand der Untätigkeit auch mal aushalten. Wieso? Zum Beispiel Langeweile eine der am wenigsten untersuchten Emotionen der Wissenschaft ist. Und es gibt Beweise dafür, dass wir dabei sehr kreativ und produktiv sind. Und weil es uns sicherlich allen gut tut, einfach mal Langweiler:innen zu sein.

Heute ertönt auf den Reisen nach Süditalien nicht mehr «Jingle Bells» durchs Auto. Nein, heute schaffe ich es meine Bildschirmzeit auf 9 Stunden und 32 Minuten zu katapultieren und keine Viertelstunde aus dem Fenster geschaut zu haben. Das nächste Mal probiere ich das Gegenteil. 9 Stunden und 32 Minuten aus dem Fenster schauen und eine Viertelstunde auf den Smartphonebildschirm. Challenge!

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen
4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten
5. Warum ich meinen Geburtstag so mag
6. Weshalb wir alles andere als wild sind
7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten
8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will
9. Warum eigentlich Berlin?
10. Warum ich keine Flohmis mag
11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten
12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

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