💌 «Züri Briefing» 💌

Im Sommer 2021 habe ich gemerkt, wie fest mir während Corona die anderen Bubbles gefehlt haben.

Brunchgeschichten: Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will

Das Wochenende bietet meistens viel Gesprächsstoff für den Sonntagmorgen. Wir wollen dich an unseren bescheidenen Erlebnissen teilhaben lassen. Heute singt Seraina Manser ein Loblied auf die verschiedenen Bubbles.
29. August 2021
Community-Verantwortliche und Redaktorin

«Liebe Bubble, bleib in deiner Bubble» – diesen Tweet hatte jemand im März 2020 abgesetzt. Er traf ins Schwarze und war ein vernünftiger Vorsatz für die Corona-Zeit. Möglichst wenig Leute sehen und möglichst immer mit den gleichen vier Menschen abhängen. Für diese Zeit war das notwendig, aber an einem Wochenende im Sommer 2021 habe ich gemerkt, wie sehr mir die anderen Bubbles fehlen.

Eines sei vorweg genommen, ich bewege mich natürlich immer noch stark in einer urbanen, linken, Birkenstock-Bubble. Aber in dieser gibt es viele kleine Unterbubbles, von denen ich in der Corona-Zeit nicht Teil war. Zudem muss ich hier unbedingt anfügen, dass ich meine Corona-Bubble sehr schätze. Diese Freund:innen machten die Lockdowns kurzweilig und ich kann mich immer auf sie verlassen. Dennoch brauche ich Inputs von anderen Kreisen, Bubbles oder Szenen. Das geht nirgendwo besser als in Zürich. Ist man denn bereit, sich auch mal an Orte zu wagen, wo man niemanden oder höchstens jemanden kennt.

An einem Wochenende Ende Juni dann war ich gleich Teil von verschiedenen Bubbles. Am Samstag fuhr ich an eine Party nach Meilen. Ein Physiotherapeut, den ich am Wochenende davor auf dem Parki am Letten kennengelernt hatte, lud mich spontan zu seinem Outdoor DJ Set vor einem alten Bauernhaus am Dorfrand ein. Die Gespräche an der Party drehten sich um das Impfen von Baumstämmen, um Pilze zu züchten. Und darüber, dass die Quiche zwar nach Thun-Fisch roch, aber ganz sicher vegan sei. Während die Sonne unterging, vollführten ein paar barfussige Gestalten auf der Wiese Acroyoga-Übungen.

Böse Zungen würden diese Bubble wohl als Hippies bezeichnen.

Ich musste auf den letzten Zug rennen, weil es damals coronabedingt keine Nachtverbindungen gab und war kurz nach Mitternacht in Zürich, wo sich ein Freund zu diesem Zeitpunkt noch an einer Latino-Party rumtrieb. «Lauft no was?», schrieb ich. Er: «Jo, chum!» Es war die Ausweihungsparty eines Art-Space im Kreis 4, der von zwei Latinas bespielt wurde. Aus den Boxen dröhnten die neuesten und ältesten Salsa-Hits, Cumbia-Lieder und Reggaeton-Songs. Man sah unseren Bewegungen an, dass wir die einzigen waren, die Salsa nicht schon mit der Muttermilch eingeflösst bekamen. Was uns aber nicht davon abhielt «Hasta el Amanecer» – bis zum Morgengrauen – zu tanzen. Die Gespräche an dieser Party waren ausschliesslich auf Spanisch und drehten sich darum, welches das beste «Calle 13» Lied aller Zeiten sei und ob man denn heute noch «perrear», also twerken darf. Am nächsten Morgen hatte ich nicht nur schmerzende Zehen, sondern auch eine neue Playlist auf Spotify mit 45 Songs.

Am Sonntag dann hatte ich zum Bouldern im Minimum abgemacht. Es ist nirgendwo einfacher, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Du projektierst den gleichen Boulder und tauschst während den Pausen Tipps aus: «Probier mal ein Drop-Knee und match dann den Top.» Die Gespräche drehen sich darum, ob Natron dabei hilft, den Gestank der Boulderschuhe zu minimieren und ob die «orangen» Routen viel schwieriger geworden sind oder man einfach «weaker» geworden sei. Besonders beliebt ist auch das Thema Verletzungen und wie man die Finger, Handgelenke, Schultern et cetera richtig tapet.

Ich liebe dieses ‹Fachsimpeln›, obwohl man überhaupt nicht vom ‹Fach› ist.

An diesem Sonntagabend war ich high und überglücklich von all den verschiedenen Gesprächen, Menschen und Inputs aus all den verschiedenen Unterbubbles innerhalb meiner grossen Bubble. Ich habe gemerkt, wie fest mir das während Corona gefehlt hat. Es kostet Überwindung an Orte zu gehen, wo man sich nicht ganz zugehörig fühlt und niemanden kennt, aber bis jetzt habe ich immer interessante oder lustige Gespräche geführt – oder bin einfach schnell wieder verschwunden.

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen
4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten
5. Warum ich meinen Geburtstag so mag
6. Weshalb wir alles andere als wild sind
7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten
8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will
9. Warum eigentlich Berlin?
10. Warum ich keine Flohmis mag
11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten
12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

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