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Brunchgeschichten: Warum wir seltener in den Club gehen sollten

Ein Club haben wir alle schon einmal besucht. Einige besuchen ihn sogar regelmässig. Einer davon ist unser Computerflüsterer Nico. Er wünscht sich, dass wir die Schönheit und Einzigartigkeit des Clubbens wiederentdecken – indem wir weniger oft tanzen gehen.
01. August 2021
Computerflüsterer

Vor ein paar Wochen war es auch endlich für mich wieder einmal soweit. Ich ging an einem Freitagabend zum ersten Mal seit gut eineinhalb Jahren in den Ausgang. In einen Club. Aus gemütlichen Feierabend-Bieren wurden Ein-Liter-Späti-Bierdosen auf der Dachterrasse, wurden Wodka Mate im Club. Es war fast wie früher. Anstehen ist immer noch angesagt, aber neu werden auch noch Covid Zertifikate kontrolliert. Drinnen musste ich mich erst einmal an die stickige Luft und die laute Musik gewöhnen – vor allem aber an den Anblick von so vielen unbekannten und unmaskierten Gesichtern auf so engem Raum.

Irgendwie scheint mir, als hätte sich seit meinem letzten Ausgang im Februar 2020 überhaupt nichts verändert. Keine euphorische Stimmung über die wiedergewonnene Möglichkeit, einen Club zu besuchen, wieder unter fremden schönen Menschen sich die Füsse wund zu tanzen, wieder das hart ersparte Geld für überteuerte Drinks auszugeben, wieder überall die Nähe von schwitzigen Leibern zu spüren, wieder die Drops der DJs zu erahnen und über das bisschen angetrunkene Taktgefühl glücklich zu sein. Nein. Da waren bloss Menschen, wie abgebrüht, die fast schon gelangweilt ihre Körper zur Musik bewegten und so gleichgültig wirkten, als hätten wir nicht die letzten eineinhalb Jahre im Shutdown, fernab von Clubs und Ausgangsmöglichkeiten verbracht.

Eine Nacht im Club soll sich nicht wie das wöchentliche Yoga oder den Grosseinkauf in der Migros am Limmatplatz anfühlen.

Wahrscheinlich habe ich während meines Clubbing-Hiatus emotional etwa das Gleiche durchgemacht, wie wenn der:die Freund:in einen fallen lässt. Ein bisschen Trauer, dann wird alles Schlechte ausgeblendet und die Vorstellung aufrecht erhalten, dass nur diese Person Freude und Lebenslust erzeugen kann. So habe ich viele Macken meines Club-Exes vergessen und wenn wir wieder was miteinander anfangen, will ich nicht die selben alten Fehler wiederholen.

Diese erste Clubnacht hat mich nachdenklich gestimmt. So sehr ich sie vermisst habe: Eine Nacht im Club soll sich nicht wie das wöchentliche Yoga oder den Grosseinkauf in der Migros am Limmatplatz anfühlen. Ein schöner Ausgang und insbesondere eine erfolgreiche Nacht im Club ist eine Kunst. Ein Kunststück, welches von zu vielen magischen Faktoren abhängt, um es jedes Wochenende erleben zu können – und vor allem auch eines, das seine Reize und seltenen Schönheiten verliert, wenn es jeden Donnerstag, Freitag und Samstag herbeigezwungen wird.

Vielleicht werde ich einfach alt und brauche in klassischer Boomer-Cishet-Manier einen Grund, warum etwas, das ich in der Vergangenheit selber getan habe, jetzt nicht mehr okay sein soll. Aber wenn ich an die Clubnächte der letzten sechs Jahre zurückdenke, dann kann ich mich höchstens noch an einen Bruchteil dieser Nächte erinnern.

Ich will aber, dass jeder Besuch ein unvergessliches Erlebnis wird: Diese Nacht, die so harmlos und unverdächtig beginnt. Spontane Momente und Entscheidungen, die einen immer weiter in die Nacht treiben. Freund:innen kommen dazu, andere verabschieden sich ohne Worte. Plötzlich will der Körper sich bewegen und aus spannenden Gesprächen werden interessante Dancemoves. Langsam lädt sich die Stimmung euphorisch auf. Neue Bekanntschaften werden gemacht und gerade in dem Moment, in dem sich der Durst bemerkbar macht, kriegst du von einem vertrauten Menschen ein Getränk in die Hand gedrückt. Die Zeit wird vergessen, die Welt da draussen spielt keine Rolle mehr, Pläne sind für Schwäne und das Einzige, was zählt, ist wie lang der Drop hinausgezögert wird. Dann, viel zu früh, aber irgendwie doch zum richtigen Zeitpunkt, werden die Exit-Bangers gespielt, das Licht angemacht und mit einer glücklichen Seele die Treppenstufen ans Tageslicht in Angriff genommen.

Ich wünsche mir, dass wir die Entscheidung in den Club zu gehen, wieder viel bewusster treffen. Wie ein Lieblingsdessert sollen wir ihn uns gönnen, wenn wir es auch wirklich wollen. Wir sollten wieder mehr auf unsere innere Stimme und Verfassung hören, wann wir bereit sind für ein Abenteuer mit lauter Musik. So haben wir alle wieder mehr Freude am Clubben und können uns mit Euphorie im Club in die Arme fallen, weil es wirklich schön und einzigartig ist.

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen
4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten
5. Warum ich meinen Geburtstag so mag
6. Weshalb wir alles andere als wild sind
7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten
8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will
9. Warum eigentlich Berlin?
10. Warum ich keine Flohmis mag
11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten
12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

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