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Foto: Laura Kaufmann

Brunchgeschichten: Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

Fast jede Person, die ein Tattoo hat, kennt die Frage nach dessen Bedeutung. Redaktorin Isabel Brun wünscht sich, dass damit endlich Schluss ist, denn auch Tattoo-Sünden haben ihre Berechtigung – bis auf eine Ausnahme.
25. Juli 2021
Redaktorin & Klima-Redaktorin

Als ich 18 Jahre alt wurde, marschierte ich in einen Tattoo-Shop, liess mir ein verschnörkeltes «hope» zeichnen und anschliessend auf das Handgelenk tätowieren. Seither verliere ich die Hoffnung nicht mehr, muss mich dafür immer wieder für meine sogenannte Sünde rechtfertigen und erklären, weshalb ich mich für genau dieses Motiv entschieden habe. Dass ich damals in einem Alter war, wo ich noch David Guetta cool fand, macht es zwar nicht unbedingt besser, erklärt meiner Meinung nach jedoch einiges. Nämlich, dass mein Geschmack nicht gerade der Beste war.

Mittlerweile sind einige Tattoos dazu gekommen und mein Musikgeschmack hat sich glücklicherweise auch in eine andere Richtung entwickelt. Die Frage nach dem Sinn meiner Tätowierungen muss ich aber noch immer regelmässig beantworten. Da wäre zum Beispiel der Schmetterling am Unterarm, den ich während einer Auslandsreise stechen liess, oder jene chemische Verbindung, die mich für immer an den Chemieunterricht erinnern lässt. Was könnte da wohl die Bedeutung sein? Dass ich Chemie hasste? Wer weiss.

The Nineties are back. Nicht nur im Kleiderschrank, sondern auch auf der Haut.
Isabel Brun, wird sich kein Arschgeweih tätowieren lassen

Dabei sind es doch genau solche Erinnerungen, die von Relevanz sind. An Zeiten, die vorbei sind. Und hier wird es interessant, denn oft kann man anhand Tattoos zurückverfolgen, in welcher Trend-Epoche diese gestochen wurden. Da wäre zum Beispiel das chinesische Schriftzeichen, das auf dem Oberarm oder Nacken prangt und «Glück», «Reichtum» oder «Pferd» (?) bedeutet. Äusserst beliebt Anfang der 2000er-Jahren, zumindest in Europa, in Asien war diese Tätowierung vermutlich nicht einem Trend verschuldet.

Der Stacheldraht und die Tribals am Oberarm gehören in eine ähnliche Kategorie. Fun Fact: Angelina Jolie hatte einen Tribal-Drachen, liess ihn dann aber vor einigen Jahren weglasern. Schade, wie ich finde. Schliesslich hätte sie auch einfach dazu stehen können. Aber vielleicht ist das Lasern auch einfach das moderne Beichten, damit man seine Sünden los wird.

Diese «Jugendsünden», wie sie oft genannt werden, erzählen doch auch eine Geschichte. Wieman sich betrunken in einem Keller ein kleines Herz auf den Po tätowieren lassen hat, zum Beispiel. Da kommt man ja heute fast nicht drum herum, zumal überall tätowiert wird – einmal auf einer Orange geübt, müssen (oder dürfen) auch schon die Freund:innen ihre Haut zur Verfügung stellen. Nicht, dass diese Tattoos in irgendeiner Weise schön wären, und ich bin auch Verfechterin von professionellen Künstler:innen, aber ein bisschen lustig ist es schon. Für die Story.

Dass die Tattoos länger als der Kater am nächsten Tag bleiben werden, daran denken wohl die wenigsten. Aber Gedanken dazu machten vermutlich Millenials, die sich Arschgeweihe tätowieren liessen, ebenfalls nicht. Das Arschgeweih gehört meiner Meinung nach zu den Trends, die man ganz gerne weglassen könnte. Doch treibt man sich auf den Instagram-Profilen Zürcher Tattoo-Studios rum, merkt man unweigerlich: The Nineties are back. Nicht nur im Kleiderschrank, sondern auch auf der Haut.

Und ich weiss, dass ich gegen Arschgeweihe schiesse, obwohl ich die Erinnerungen preise, ist ein Widerspruch. Aber irgendwie kann ich mich nicht damit anfreunden, dass dieses Tattoo jemals wieder «in» werden kann. Nicht, nachdem wir es über zehn Jahre lang verspottet haben. Der einzige nachvollziehbare Grund wäre für mich eine gute Geschichte, oder ein schlechter Geschmack – wie bei mir damals.

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen
4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten
5. Warum ich meinen Geburtstag so mag
6. Weshalb wir alles andere als wild sind
7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten
8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will
9. Warum eigentlich Berlin?
10. Warum ich keine Flohmis mag
11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten
12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

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