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Bild: Rahel Bains

Brunchgeschichten: Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört

Das Wochenende bietet meistens viel Gesprächsstoff für den Sonntagmorgen. Wir wollen dich an unseren bescheidenen Erlebnissen teilhaben lassen. Heute geht es um das Thema Lärm. Redaktionsleiterin Rahel Bains findet: «Lärm ist subjektiv. Was für die einen Krach ist, muss für andere noch lange kein Lärm sein.»
18. Juli 2021
Redaktionsleiterin

«Lärm nervt, lenkt ab, stört den Schlaf, treibt in den Wahnsinn. Lärm macht krank. Wir sind unserem Gehör ausgeliefert», schrieb ein Kollege vor drei Jahren im Architekturmagazin «Hochparterre». Der Text ist mir nicht nur in Erinnerung geblieben, weil er spannend und noch immer brandaktuell ist, sondern weil der Autor und ich einige Monate vor der Publikation gemeinsam in einem Magazin-Kurs sassen und an möglichen Beiträgen herumtüftelten, uns fragten, wie er dieses breite Thema «Lärm» herunterbrechen könnte. Heraus kam am Ende «Krach um Dezibel». Darin heisst es: «Es scheint, als würden wir immer lärmempfindlicher. Ruhe ist ein Wohlstandsbedürfnis. In Mumbai, Kairo oder Lima haben die Menschen andere Sorgen. Es ist aber auch klar: Lärm fördert Herzinfarkt, Diabetes, Depressionen, das belegen viele Studien».

Ich habe mich dazu entschieden, in einer Stadt zu wohnen und dazu gehören nun mal Geräusche, Krach, Unruhe.

Er befragte die Lärmschutzfachstelle des Kantons Zürich, einen Architekten, thematisierte eine Sammelklage der Lärmliga Schweiz und besuchte die am stärksten befahrensten Orte dieser Stadt, darunter auch den Bucheggplatz. «Nach Lärmsanierungen beklagen sich Mieter in Altbauten, dass sie zwar nun die Flugzeuge nicht mehr hören, dafür aber die Toilettenspülung des Nachbarn. Und Lärm ist nicht gleich Lärm. Nicht jedes Geräusch stört gleichermassen. Es geht um die Frequenz, um den Rhythmus, die Art der Schallwellen. Und: Je besser die Menschen verdienen, desto empfindlicher reagieren sie auf Geräusche. Am Zürichberg hört man nicht gleich wie an der Rosengartenstrasse.»

Ich wohne am Fusse des eben genannten Zürichbergs. An der stark befahrenen Winterthurerstrasse, welche einige hundert Meter weiter direkt in die Autobahn mündet. Busse und Trams verkehren dort ebenfalls, auf meinen strassenseitigen Fensterläden hat sich schon kurz nach dem Einzug ein russig schwarzer Film gelegt. «Irgendjemand muss dort schliesslich wohnen», antworte ich jeweils auf Beileidsbekundungen meiner Nachbar:innen, die im inneren, «geschützten» Bereich der über hundertjährigen Siedlung wohnen. Mit Rosenranken vor der Haustüre, umringt von Blumenbeeten und Wiesen. Bullerbü lässt grüssen.

Auch ich erfreue mich auf der Südseite unserer Wohnung am Ausblick auf diese parkähnliche Anlage, habe das Gefühl, in einer Stadt zu leben, der Strasse hinter meinem Haus sei Dank trotzdem nicht gänzlich verloren. Zudem bin ich einfach nur froh, in einer bezahlbaren Wohnung inklusive Altbaucharme wohnen zu dürfen. Und das in Zürich. Ich sage nur: Hallo Wohnungsnot.

Heute Morgen stand ich in der Dusche, das Fenster hinaus zur Strasse weit offen. Krankenwagen mit schrillen Sirenen rauschten vorbei, dann laut klingelnd das Tram, gefolgt von Fahrzeugen, deren Motoren kurz nach dem Rotlicht aufheulten, nur um kurz darauf vor der grossen Kreuzung wieder zu abzubremsen. Es scheint meine Bestimmung zu sein, in Zürich stets an sogenannten Verkehrsknotenpunkten zu wohnen, wohnte ich früher doch direkt am Limmatplatz.

Das hier soll aber kein Text einer lärmgeplagten Zürcherin sein. Im Gegenteil. Ich habe mich dazu entschieden, in einer Stadt zu wohnen und dazu gehören nun mal Geräusche, Krach, Unruhe. Ich mag es, wenn mein Nachbar laut Jimmy Hendrix hört, wenn Stimmen von Fussball spielenden Kindern oder die meiner Hausnachbar:innen durch die Fenster meiner Dachwohnung tönen oder wenn ich abends im Büro bei offener Türe schreibe und dabei Menschen in der Bar nebenan lachend ihre Prosecco-Gläser gegeneinander klirren lassen.

Was für die einen Krach ist, muss für andere noch lange kein Lärm sein. Und: Geht es dabei allenfalls um weit mehr als die reine Lärmemission?

Den Verkehr vor meiner Haustüre mag ich nicht wirklich, schlimm finde ich ihn aber auch nicht. Er ist halt einfach da. Schon als Kind fand ich die Stille, die sich Abends in unserem Dorf einstellte eigenartig. Vor allem im Sommer, während dem eigentlich das Leben hätte spielen sollen und alles was man hörte, lediglich zirpende Grillen waren. Einmal war der Schnee im Garten meiner Grosseltern meterhoch. Ich war sieben oder acht Jahre alt, lag in meinem selbstgebauten, schalldichten Iglu und war erstaunt über die beinahe erdrückende Stille, die darin herrschte.

Vor einigen Wochen, noch vor dem grossen Regen, veranstalteten Freund:innen eine Art Freiluftkino im Innenhof der Siedlung. Noch bevor sich das fischartige Wesen auf der Leinwand endgültig in ein Mädchen verwandeln konnte, kam auch schon ein aufgebrachter Nachbar und bat, das Ganze aufzulösen. Er könne nicht schlafen. Fenster schliessen gehe auch nicht. Die Kinder schauten ihn mit grossen Augen an. Ans Schlafen dachten sie noch lange nicht. Es war ja auch Freitagabend. Kurz nach 22 Uhr, 23 Grad und es gab Popcorn, das zuvor in einem Topf über dem Feuer zubereitet wurde. Und die corona bedingte Ruhephase war im Übrigen noch nicht lange her.

Wenn dieser Abend der Tropfen gewesen sein sollte, der bei diesem Mann das Fass zum Überlaufen gebracht hat, bleibt die Frage, woher sein Fass nach dieser langen Zeit der Stille schon so voll war? Es war ja nicht so, dass dies eine der berüchtigten Wohnungsfeten war, die während Corona zahlreiche Zürcher:innen zu Weissglut getrieben und die Anzahl der Lärmklagen im vergangenen Jahr auf ein Rekordhoch von 9100 Meldungen gebracht haben, was übrigens einer Zunahme von 49 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Wie gesagt, Lärm ist subjektiv. Was für die einen Krach ist, muss für andere noch lange kein Lärm sein. Und: Geht es dabei allenfalls um weit mehr als die reine Lärmemission? Das SRF hat sich vor ein paar Jahren ebenfalls mit dem Thema auseinandergesetzt. Im Artikel dazu sagt Markus Chastonay, Vorsitzender der Vereinigung Circle Bruit, die sich für weniger Lärm stark macht: «Lärm ist nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Da sind ganz viele andere Geschichten dahinter.» Wer sich über die Gartenparty der Nachbar:innen ärgere, wäre vielleicht selber auch lieber irgendwo, wo man gemeinsam Spass hat, als alleine in der Stube. Das sagt schon viel aus, oder etwa nicht?

Brunchgeschichten
Tsüri.ch startet eine neue Kolumne! Dieses Mal direkt aus dem Büro an der Glasmalergasse zu dir nach Hause an den Frühstückstisch. Ab jetzt liefern dir Simon, Elio, Zana, Jenny, Isa, Nico, Seraina, Rahel, Jonas und Emilio jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Sonntagsbrunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen
2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört
3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

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