🎄27 Dezembo-Membo🎄

Illustration: Zana Selimi

Mit der Deutschen Bahn von Zürich nach Berlin – ein 12-stündiges Abenteuer

Mein Tag startete mit Kalbsbratwurst, Bürli, Senf und Espresso in der Zürcher Bahnhofshalle. Und endete mit den Worten eines völlig erschöpften Zugbegleiters. Dazwischen viele Fluchwörter und ein ausverkauftes Bordbistro. Meine lange Reise nach Berlin und ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.
31. Oktober 2021
Projektleiter

14:50 Uhr, Bahnhof Zürich. In der einen Hand eine Kalbsbratwurst. In der anderen das Smartphone. Senf fast auf dem Bildschirm. Ich musste kurz leer schlucken, als ich an diesem Herbstnachmittag eine rot gestrichelte Linie auf der SBB-App auf sah. Zugausfall.

Ich wusste also schon jetzt: Meine Reise nach Berlin würde ein Abenteuer werden. Grund: Ich hatte mich für die letzte direkte Verbindung von Basel nach Berlin entschieden.

Ob ich schlussendlich in einem Hotel mitten in Deutschland übernachten, mit einem Sammeltaxi nach Berlin gefahren oder doch noch ankomme werde, stand zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. An der Situation ändern konnte ich nichts. Das Einzige was mir übrig blieb: Einfach mal einsteigen, nach Basel fahren und schauen wie es da dann weitergeht.

Keine Kuh, sondern eine Fliegerbombe

Kühe auf dem Gleis. Fehlendes Zugpersonal. Oder Züge, die nicht überholt werden können. Alles Gründe, die bei meinen Zugreisen schon zu Verspätungen oder Ausfällen geführt haben. Heute war der Verspätungsgrund aber keine Kuh, sondern eine Fliegerbombe, die entschärft werden musste. Eine Meldung, die bei einigen Zugfahrgästen tatsächlich wie eine Bombe eingeschlagen hat.

Es flogen Fluchwörter durch die Luft, Hände wurden verworfen. Und dazwischen ein paar ruhige Seelen, die von ihrem Sitz aus die Szene genossen und gespannt auf die nächste Zugdurchsage warteten.

Ich gehörte ebenfalls dazu. Mein Platz am Ende des Wagens fühlte sich an wie ein Platz in der ersten Reihe eines Theaters. Vor mir Personen, die das Gefühl hatten, den Zug durch ihr Geschrei schneller zum Fahren zu bringen.

Fehlanzeige! Einige Menschen enervierten sich so stark über die Verspätung, dass es diesbezüglich sogar eine Zugdurchsage gab: «Wir bitten Sie, sich gegenüber unserem Zugpersonal zu benehmen. Einigen Fahrgästen gelingt dies zurzeit leider nicht.» Zu diesem Zeitpunkt sassen wir bereits in einem Ersatzzug und wussten, das wir mit einer Verspätung von 100 Minuten in Berlin ankommen werden.

Schlimmer kann es gar nicht mehr kommen – Oh doch!

Irgendwann wurde mir das ganze Theater doch ein bisschen zu langweilig. Ich sank tiefenentspannt in meinen Sitz, träumte vor mich hin und schaute aus dem Fenster.

Die Verspätung kümmerte mich nicht. Doch plötzlich war ich wieder hellwach. Denn plötzlich hiess es, dass unser Zug nicht mehr weiterfahren und ersatzlos ausfallen wird. Alle aussteigen bitte. Was sich die Zugbegleiter:innen zu diesem Zeitpunkt anhören mussten, gebe ich lieber nicht wieder.

So wie Ancillo Canepa vor einer Woche nach dem Pyro-Debakel im SRF auch nicht erwähnt hat, welche Wörter ihm dazu in den Sinn gekommen sind. Aber zurück von Zürich nach Kassel-Wilhelmshöhe, wo wir nun gestrandet waren.

Wie es nun weitergeht? Niemand wusste es. Sogar der Lokführer und die Zugbegleiter:innen standen wie verirrte Tourist:innen auf dem Bahngleis. Auch sie wussten nicht, wie ihr Arbeitstag nun zu Ende gehen wird.

Doch plötzlich ertönte eine laute Stimme über den Bahnsteig: «Lassen Sie sich nicht durch die Zugzielanzeige am Bahnsteig irritieren. Dieser Zug fährt nun doch ohne Halt bis nach Berlin.» Das Einzige, was zu diesem Zeitpunkt noch mit meinem Reiseplan übereinstimmte, war die Zugnummer.

Gönnen Sie sich noch eine Zigarette, bevor es bald weitergeht.
Bahnpersonal der Deutschen Bahn

Also tuckerten wir nun doch noch mitten durch die Nacht in Richtung Berlin. Im Gepäck eine 170-minütige Verspätung. Durch die Lautsprecher ertönte es: «Gönnen Sie sich noch eine Zigarette, bevor es bald weitergeht.»

Und im Nachgang noch der Hinweis, dass man diese aber nicht zu nahe an der Zugtüre rauchen solle, da sonst der Feueralarm losgehen könnte und wir tatsächlich die Nacht in Kassel verbringen müssten.

Bordbistro leer geräumt

Immer mehr Leute konnten sich mit der aktuellen Situation anfreunden. Schön so. Vielleicht lag es auch daran, dass es im Bordrestaurant für alle Gäste gratis Kaffee und Tee gab.

Dies führte dazu, dass sich der ganze Zug im Bordbistro versammelte und zu jedem Gratisgetränk ein Bier bestellte. Als ich endlich dran war (es hat sich ein bisschen so angefühlt, als würde ich für ein Bier an einem Festival anstehen), war der Vorrat ausverkauft. Egal.

Wir machten uns also mit einer rekordverdächtigen Verspätung von 180 Minuten auf den Weg. «Es geht lohooos. Wir fahren nach Berlin.» Die Menschen jubelten! Vor ein paar Stunden tobten die gleichen Gestalten. Jetzt jubelten sie! Lag es am Alkohol?

Ich war so müde, dass ich in einen Tiefschlaf fiel und erst wieder durch die letzte Zugdurchsage geweckt wurde: «Ob sie es glauben oder nicht, wir erreichen tatsächlich Berlin.»

Und ob du es glaubst oder nicht. Wenn ich mich genervt hätte und laut geworden wäre, wir wären genau gleich spät angekommen. Darum appelliere ich zu mehr Gelassenheit.

Wenn du Situationen begegnest, an denen du nicht viel ändern kannst, nimm sie so, wie sie sind. Und macht das Beste daraus. Ich habe die Verspätung und die Situation zum Beispiel genutzt, um diese Kolumne zu schreiben.

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