SP-Kandidat im Porträt

Raphael Golta: «Die Bereitschaft zur Konfrontation will ich beibehalten»

Seit zwölf Jahren im Stadtrat, sei für ihn nun Zeit für etwas Neues: Der SP-Politiker Raphael Golta gilt als klarer Favorit für das Stadtpräsidium. Was wäre vom offensiven Sozialpolitiker an der Spitze der Stadt zu erwarten?

Raphael Golta, Landhus, Seebach
Er kenne Zürich aus der Sicht der Menschen, «die nicht immer auf der Sonnenseite stehen»: Raphael Golta vor dem Landhus, einer Geflüchtetenunterkunft in Seebach. (Bild: Kai Vogt)

Es war ein heisser Tag im Juli, Reggaeton-Beats pulsierten über das Kasernenareal und Raphael Golta erlebte seinen ersten Moment als Stadtpräsident – ohne es zu sein.

Im VIP-Bereich des Caliente, dem jährlichen lateinamerikanischen Festival, stand der SP-Politiker letzten Sommer vor einer Traube von Gäst:innen und sprach darüber, wie sehr dieser Anlass ein vielfältiges Zürich verkörpere.

Das weisse Hemd in die Jeans gesteckt, die Ärmel hochgekrempelt, machte Golta, was sonst eigentlich der Stadtpräsidentin Corine Mauch vorbehalten ist: Er schüttelte die Hände der Lokalprominenz, verweilte an Apéro-Tischen, wirkte als Repräsentant der Stadt.

Das könnte für ihn bald zu einer Hauptaufgabe werden. Der gebürtige Zürcher will am 8. März an die Spitze gewählt werden, laut mehreren Umfragen ist er klarer Favorit. Doch wofür stünde ein Stapi Golta?

Zur Kulturpolitik, einem Kernbereich des Präsidialdepartements, hat er sich bislang kaum geäussert, stattdessen hebt er im Wahlkampf seine Erfahrung als Stadtrat hervor. Reicht das, um die Stadt überzeugend zu vertreten?

Gemacht für das Sozialdepartement

Bereits seit zwölf Jahren steht Golta dem Sozialdepartement vor. Seine Amtszeit fällt in eine Abfolge von Krisen – von der Flüchtlingskrise über die Coronapandemie bis zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Immer wieder muss er innert kurzer Zeit Lösungen finden, etwa Wohnraum für Geflüchtete schaffen, während die Stadt unter akuter Wohnungsnot leidet.

«Es laufen aktuell die letzten Vorbereitungen», sagt er in der Kollektivunterkunft Ettenfeld in Seebach. In wenigen Tagen werden hier über 300 Geflüchtete einziehen. Letzten Sommer nahm er unweit der Unterkunft das Hotel Landhus als Heim für junge, alleinreisende Geflüchtete in Betrieb. Weitere Zentren sind in Leimbach und im ehemaligen Kinderspital geplant. Letzteres freue ihn besonders, sagt Golta, es sei gut für die Durchmischung des Quartiers.

Dass er das Amt des Sozialvorstehers mit Überzeugung ausübt, ist offensichtlich. Sobald es um soziale Fragen geht, kommt er ins Reden, die raue Stimme gewinnt an Kraft. Umso drängender stellt sich die Frage, wieso er nun die Rolle wechseln will.

Kai Vogt: Weshalb wollen Sie Stadtpräsident werden? 

Raphael Golta: Es ist ein nächster Schritt, der mich enorm reizt. Ich war mit Leidenschaft Sozialvorsteher, aber irgendwann entwickelt man auch blinde Flecken. Das Departement braucht frischen Wind. Und für mich ist es Zeit für etwas Neues.

Sie gelten als wirkmächtiger Sozialvorsteher. Ist der Wechsel ins Stadtpräsidium, wo man mehr vermittelt als gestaltet, nicht verschenkt? 

Ich sehe es als Anerkennung meiner Arbeit, wenn Leute bedauern, dass ich das Sozialdepartement verlasse. Aber auch als Stadtpräsident kann ich viel bewirken. Im Präsidium laufen alle Fäden zusammen. Dort liegt die strategische Verantwortung für zentrale Themen unserer Stadt, etwa fürs Wohnen, für die Zusammenarbeit zwischen den Departementen und für die Kultur. 

Ihre Parteigenossin Corine Mauch ist seit 17 Jahren Stadtpräsidentin. Was würde Sie als Stapi unterscheiden?

Meine Zeit als Sozialvorsteher hat meinen Blick auf die Stadt geschärft. Ich kenne Zürich aus der Perspektive derjenigen Menschen, die nicht immer auf der Sonnenseite stehen – und diese Perspektive will ich ins Stadtpräsidium einbringen.

Inwiefern? 

Nehmen wir die Wirtschaftsförderung. Meist steht dort die Perspektive der Unternehmen und Arbeitgebenden im Zentrum. Ich möchte vermehrt auch die Sicht der Arbeitnehmenden in den Fokus rücken. Ausserdem liegt mir die breite Teilhabe an der Kultur am Herzen. Ich will genauer anschauen, welche Bevölkerungsgruppen bei den Angeboten zu kurz kommen und in Zürich mehr frei zugängliche, nicht-kommerzielle Orte schaffen.

«Falls ich gewählt werde, würde ich zuerst den Austausch mit den Kulturschaffenden suchen.»

Raphael Golta, Stapi-Kandidat und Sozialvorsteher

Sind Sie selbst kulturaffin?

Ich bin kulturinteressiert und mich reizt grundsätzlich die gesellschaftliche Auseinandersetzung anhand von Kultur, ich muss aber nicht jedes Wochenende ins Theater oder in eine Ausstellung. Falls ich gewählt werde, würde ich sicher zuerst einmal den Austausch mit den Kulturschaffenden suchen. 

Sie lesen in Ihrer Freizeit viel, habe ich gehört.

Ja, im Tram oder in den Ferien. Ich interessiere mich sehr für amerikanische Geschichte, etwa Biografien bekannter US-Persönlichkeiten. Oder ich lese allerhand historische, politische oder ökonomische Sachbücher.

Ausserdem heisst es, Sie seien FCZ-Fan, haben keinen Führerausweis und trinken viel koffeinfreien Kaffee.

(Lacht) Das ist alles wahr bis auf den Kaffee, mittlerweile bin ich wieder auf koffeinhaltigen umgestiegen. Aber ja, es können schon mal zehn Tassen am Tag werden.

Die Ochsentour hinter sich

Aufgewachsen ist Raphael Golta, Jahrgang 1975, im Quartier Riesbach unterhalb des Kreuzplatzes. In seiner Jugend war Zürich noch eine andere Stadt. Die Drogenszene prägte das Stadtbild, im Seefeld gab es Prostitution, es zogen mehr Leute aus der Stadt weg, als neu hinzukamen.

Diese Zeit habe ihn politisiert, sagt Golta. Als Gymi-Schüler schloss er sich der Juso an, stiess bei der damaligen Jungpartei aber vor allem auf «ein loses Diskussionsgrüppchen». So engagierte er sich bald vor allem in der SP Zürich Kreis 7 und 8.

Es folgte die klassische Ochsentour. 2003 gelang ihm der Sprung in den Kantonsrat, wo er später zum Fraktionschef aufstieg. Parallel dazu sass er drei Jahre im Vorstand des Mieter:innenverbands. 2014 wurde er schliesslich in den Stadtrat gewählt.

Seither hat sich sein Profil nochmal neu geschärft. Wirkte Golta bei seinem Amtsantritt noch mehr wie ein blasser Verwalter, gilt er heute bei vielen linken Politiker:innen als Vorprescher – einer, der neue Ideen wagt und dabei auch Konflikte mit übergeordnetem Recht in Kauf nimmt.

Das freut gerade jüngere Parteimitglieder. «Er will die Lebenssituation der Stadtzürcher:innen spürbar verbessern, insbesondere für die Schwächsten», sagt die SP-Gemeinderätin Lara Can, Jahrgang 1997. Dabei scheue er sich nicht, die Grenzen auszuloten, die ihm von rechter Seite auf Kantons- und Bundesebene gesetzt würden. Auch Jascha Harke, 19 Jahre alt und SP-Kandidat:in für den Gemeinderat, lobt, dass Golta «mit allen Mitteln» für die gemeinsamen politischen Visionen kämpfe.

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«Ich kann auch mal auf den Tisch hauen, dann ist aber auch wieder gut», sagt Raphael Golta. (Bild: Mai Hubacher)

Die Grenzen austesten

Ein Beispiel für seine Art zu regieren ist die wirtschaftliche Basishilfe für Sans-Papiers während der Coronapandemie. Als sich die Schlangen vor den kostenlosen Essensausgaben in die Länge zogen, lancierte Golta 2021 eine «Überbrückungshilfe für Ausländer:innen ohne gültigen Aufenthaltsstatus». Die Stadt zahlte Gelder an Hilfswerke, die Betroffene rasch und unbürokratisch unterstützen konnten. 

Doch lange hielt das Modell nicht. Der Bezirksrat fand, die Hilfe verstosse gegen verschiedene Gesetze. Im vergangenen Jahr bestätigte auch der Regierungsrat diese Einschätzung. Das Stadtparlament zog den Entscheid ans Verwaltungsgericht weiter, wo das Urteil noch aussteht.

Auch andere sozialpolitische Vorhaben aus Goltas Departement gerieten juristisch unter Druck, etwa die Einführung eines Mindestlohns oder der Ausbau der Kita-Subventionen.

Die Beschwerden kamen meist von der FDP. Die Freisinnigen werfen Golta vor, auf Gemeindeebene durchzusetzen, was auf kantonaler Ebene an der bürgerlichen Mehrheit scheitert. So lehnte das kantonale Stimmvolk im September 2024 eine Vorlage zur schnelleren Stipendienvergabe für Geflüchtete ab. In der Stadt hingegen fand das Anliegen eine Mehrheit, worauf Golta eine entsprechende Regelung auf kommunaler Ebene einführte.

«Raphael Golta versucht sich als grosser Sozialkämpfer bei den Linken zu profilieren.»

Andreas Egli, FDP-Gemeinderat

FDP-Politikerin Marita Verbali kritisierte das Vorgehen im Gemeinderat: «Gemeindeautonomie ist wichtig, aber kein Freipass für kommunale Parallelgesetzgebungen.» Andreas Egli, ebenfalls FDP-Gemeinderat und früheres Mitglied der Sozialkommission, sieht darin den Versuch Goltas, sich «als grosser Sozialkämpfer bei den Linken zu profilieren», wie er auf Anfrage sagt. Golta sei als Pragmatiker ins Amt gekommen, nun aber zum «Revoluzzer» avanciert. Die NZZ schreibt, er sei «im Herzen Aktivist».

Hat die NZZ recht?

(Lacht) Die NZZ hat mir schon viele Titel gegeben. Aber nein, ich bin kein Aktivist, sondern lediglich ein Politiker, der gerne die Möglichkeiten nutzt, die ihm zur Verfügung stehen. 

Dabei nehmen Sie aber regelmässig gerichtliche Auseinandersetzungen in Kauf. 

Ich suche diese Auseinandersetzungen nicht. Die Rekursfreude der Bürgerlichen hat in den letzten Jahren zugenommen. Aber eine Stadt wie Zürich hat die Aufgabe, an die Grenzen zu gehen und Neues auszuprobieren – besonders wenn es um Menschen in prekären Lebenslagen geht. So war es schon in der Drogenpolitik in den 90ern. Ohne Widerstand gegen den damaligen Mainstream hätten wir die Platzspitz-Zeiten nicht überwunden.

Würden Sie diesen Kurs als Stapi weiterführen wollen?

Absolut. Die Bereitschaft zur Konfrontation würde ich beibehalten. Nur mit Vorhaben anzutreten, bei denen ich sicher bin, dass sie durchkommen, ist nicht mein Stil.

Auf welches Thema würden Sie den Fokus setzen?

Das wichtigste Thema bleibt die Wohnungsnot. Hier ist die zentrale Frage: Wie viel sind wir bereit zu geben, um preisgünstigen Wohnraum zu schaffen? In Zürich wird bereits viel gebaut, nur sind die Wohnungen am Schluss zu teuer. 

Ihr Rezept?

Einerseits muss die Stadt mehr gemeinnützigen Wohnraum schaffen, um ihn der Renditeorientierung zu entziehen. Andererseits braucht es klare Vorgaben, damit private Investor:innen bezahlbare Wohnungen bauen. Als Kantonsrat habe ich dazu beigetragen, dass die Stadt diesen Hebel heute nutzen kann. Weitere Massnahmen, etwa eine Mietzinsprüfstelle, sollten wir ebenfalls prüfen.

Als Stapi müssten sie sich auch mit der Stiftung Bührle befassen, nachdem es rund um deren Sammlung im Kunsthaus zum erinnerungspolitischen Eklat gekommen ist. Was ist Ihre Haltung?

Eine vertiefte Provenienzforschung, wie der Gemeinderat sie fordert, ist nun zwingend nötig. Die Erkenntnisse daraus müssen von der Stadt, vom Kunsthaus und von der Stiftung akzeptiert werden. Und wenn die Stiftung das zum Anlass nimmt, die Stadt zu verlassen, dann ist das halt so.

Zu ihrem Führungsstil: Sie gelten als streitfreudiger Politiker, manche sagen, Sie könnten auch aufbrausend sein. 

Ich mache Politik aus Leidenschaft. Das spüren auch meine Mitarbeitenden. Und klar, ich kann auch mal auf den Tisch hauen, dann ist aber auch wieder gut.

Es ist ein Stil, der von politischen Mitstreiter:innen positiv ausgelegt wird: Mandy Abou Shoak, SP-Kantonsrätin, sagt, Golta sei «direkt und klar in der Sache». Entscheidend sei, dass er zuhöre, lernfähig bleibe und Entscheidungen mittrage. 

Auch aus bürgerlichen Kreisen ist hinter vorgehaltener Hand Lob zu hören. Golta stelle sich den Diskussionen und sei dossierfest, heisst es in Gesprächen mit mehreren Politiker:innen, die sich namentlich nicht äussern wollen. Einige verzichten darauf, ihn öffentlich zu kritisieren.

Die Mutter ist Brasilianerin

Bleibt nur die Frage: Kann Golta als 50-jähriger, weisser Mann das vielfältige Zürich verkörpern? Immerhin haben in Zürich mehr als die Hälfte der Einwohner:innen einen Migrationshintergrund, rund ein Drittel besitzt keinen Schweizer Pass. 

Die Debatte stellte sich bereits parteiintern. Im Sommer 2025 wollte auch die im Sudan geborene Abou Shoak für die SP ins Rennen ums Stadtpräsidium steigen. Doch die Parteibasis nominierte Golta. Das befeuerte die Kritik, migrantische Stimmen hätten es im Parteiapparat weiterhin schwer, in einflussreiche Positionen vorzudringen.

Nun greifen im Wahlkampf seine Gegner:innen diese Linie auf. FDP-Kandidat Përparim Avdili betont seine albanische, Serap Kahriman ihre türkische Herkunft und ihre Perspektive als Frau. Golta selbst anerkennt, dass er nicht alle Menschen in jeder Situation spiegeln könne. «Aber ich habe gezeigt, dass ich Anliegen von Menschen vertreten kann, die nicht das gleiche Leben oder den gleichen Background haben wie ich.» 

Und dann gibt es noch diese Szene im VIP-Zelt des Caliente. Auf seine persönliche Verbindung zu Südamerika angesprochen, meint er, eine gebe es durchaus. Seine Mutter sei in Brasilien geboren und aufgewachsen. Die Moderatorin, selbst Brasilianerin, strahlt und bedankt sich, dass das Caliente in Zürich stattfinden könne. «Der Dank ist auf meiner Seite, ihr bereichert Zürich», sagt Golta – und steht da, als hätte er das Präsidium längst übernommen.

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