GLP-Stadtratskandidatin

Serap Kahriman: «Es braucht Solidarität unter den Minderheiten»

Viele Hürden hat die GLP-Politikerin Serap Kahriman schon übersprungen. Schafft sie es in den Stadtrat, will sie sich für Gleichstellung und Chancengerechtigkeit einsetzen. Ein Gespräch bei Mezze und Schwarztee in Zürich Oerlikon.

GLP Stadtratskandidatin Serap Kahriman
Seit vier Jahren sitzt Serap Kahriman für die GLP im Gemeinderat. Als Stadträtin will sie Stipendien und Kita-Betreuung verbessern und so Chancengleichheit schaffen. (Bild: Mai Hubacher)

Mittagszeit in Oerlikon. Serap Kahriman schiebt ihr E-Bike vor das Restaurant Sim Sim. Mit dem Paar, das hier libanesische Spezialitäten anbietet, ist sie gut befreundet, auf dem Tresen liegen ihre Flyer aus. Seit vier Jahren politisiert Kahriman für die GLP im Gemeinderat, als Newcomerin erzielte sie 2022 im Rennen um den Stadtrat einen Achtungserfolg und landete auf Platz 14. Bei den Wahlen am 8. März will sie mehr. Neben dem Stadtrat kandidiert sie auch für das vakante Präsidium. 

Dominik Fischer: Sie kennen dieses Restaurant gut, was würden Sie von der Karte empfehlen? 

Serap Kahriman: Ich nehme den Mezzeteller, vegi. Aber das Schawarma ist sehr gut, und das Kuschari auch, ein ägyptisches Gericht mit Linsen, Nudeln und Reis. Kohlenhydrat auf Kohlenhydrat: ein Traum.

Sie haben engen Bezug zu Oerlikon. Wann sind Sie hierhergezogen? 

Das war 2015. Vor eineinhalb Jahren sind mein Mann und ich mit unserer kleinen Tochter umgezogen. Am neuen Ort ist es ruhiger und familiärer, zudem gibt es einen Spielplatz für unsere Tochter. Die neue Wohnung liegt ganz knapp nicht mehr in Oerlikon, sondern im Allenmoos-Quartier in Unterstrass.

Und Ihre Familie lebt noch immer im Toggenburg, wo Sie aufgewachsen sind?

Meine Schwester lebt in der Nähe von St. Gallen, meine Eltern sind vor 10 Jahren zurück in die Türkei gezogen, in ein kleines Dorf 100 Kilometer ausserhalb von Istanbul. Mein Grossvater kam in den 60er-Jahren als Gastarbeiter in die Schweiz, meine Mutter mit 15 als Familiennachzug. Auch meine Eltern arbeiteten lange in Fabriken in der Ostschweiz.

Was bedeuten die Türkei und Istanbul für Sie? 

Es ist eine zweite Heimat für mich und ich bin immer noch regelmässig dort. Als Kinder waren wir ab Tag eins unserer Sommerferien in der Türkei bei unseren Verwandten. Manchmal sind wir sogar alleine geflogen, und unsere Eltern kamen dann nach. Die Bedienung kommt und bringt Mezzeteller: Hummus, Labneh, Joghurt, Baba Ganoush, Muhammara, Moussaka und Batata Harra, dazu Safran- und Ingwer-Eistee.

  • Serap Kahriman
    Zu Essen gibt es Spezialitäten aus dem Libanon.
  • Serap Kahriman im Sim Sim
    Mit den Besitzer:innen des Sim Sim ist Kahriman gut befreundet. (Bild: Mai Hubacher)
  • Serap Kahriman Wahlplakat
    «Wenn schon Mann, dann Kahriman». Im Restaurant hängen ihre Plakate und liegen ihre Flyer aus. (Bild: Mai Hubacher)

Sie beschreiben Ihr Verhältnis zum Toggenburg als zwiespältig. Sie haben sich in einem Kulturverein engagiert und Freund:innen gefunden. Zugleich gab es Diskriminierung?

Im Toggenburg bin ich ganz klar als nicht-weisse Person gelesen worden, wurde ausgelacht, weil ich dunkle Haare und Augen habe. Ein Lehrer wollte mich nach der sechsten Klasse auf die Realschule schicken, obwohl ich einen 5,5-Notenschnitt hatte. Und dann war da noch mein alter Schulleiter, der meine Einbürgerung aktiv verhindert hat.

Wie lief diese Geschichte ab? 

Als 13-Jährige wurde mein Einbürgerungsverfahren zurückgestellt. Vor einigen Jahren habe ich Akteneinsicht verlangt und gesehen, dass mein Schulleiter einen negativen Bericht verfasst hat, welcher dazu führte, dass der Gemeinderat mein Verfahren sistiert hat. Mir wurde empfohlen, mich wieder zu melden, sobald ich eine Lehrstelle habe. 

Verrückt. 

Zumal heute bewiesen ist: Je früher Kinder eingebunden und eingebürgert werden, desto besser sind die Integrationsfähigkeit und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wenn wir dafür sorgen, dass sich Kinder ausgeschlossen fühlen, bewirken wir also das Gegenteil. 

Hat sich aus dieser Enttäuschung oder Wut der Wunsch geformt, sich politisch zu engagieren und zu sagen «jetzt erst recht»?

Auf jeden Fall, aber dafür brauchte ich viel Zeit, die Scham des «Scheiterns» hinsichtlich des Einbürgerungsverfahrens war anfangs gross. Politisch setze ich mich heute für schnellere und einfachere Einbürgerungsverfahren und das kommunale Stimmrecht für Ausländer:innen ein. Wer hier lebt, arbeitet und Steuern zahlt, soll auch mitbestimmen können. 

Der zweite wichtige Faktor war mein Jus-Studium. Da habe ich nochmals erlebt, wie ungleich die Chancen verteilt sind, dass andere Mitstudent:innen zum Beispiel nicht arbeiten mussten, um ihr Studium zu finanzieren. Diese Doppelbelastung war enorm. Ich habe privat sogar zusätzlich Schulden aufgenommen, um über die Runden zu kommen. Deshalb setze ich mich heute für existenzsichernde Stipendien ein. Bildung darf keine Frage des Portemonnaies sein.

Serap Kahriman im Sim Sim
Serap Kahriman fordert schnellere Einbürgerungsverfahren, ein kommunales Stimmrecht für Ausländer:innen und mehr Investitionen in Kita-Plätze und Stipendien. (Bild: Mai Hubacher)

Im aktuellen Wahlkampf werden Aufstiegsgeschichten gefeiert. FDP-Kandidat Përparim Avdili inszeniert sich als Migrant und Mieter, der sich als Kind von Saisonniers hochgearbeitet hat. Serap Kahrimans Grossvater kam als Gastarbeiter in die Schweiz, und SP-intern mischte die gebürtige Sudanesin Mandy Abou Shoak den internen Wahlkampf auf. Doch in die inneren Zirkel politischer Macht werden migrantische Personen auch im linken Zürich selten hinein gelassen. Gemäss den jüngsten Prognosen könnte der Stadtrat künftig so aussehen: 6 Männer, 3 Frauen, keine Personen mit Migrationsgeschichte, alle über 40. 

Gibt es eine gläserne Decke, die Repräsentation zwar im nebenberuflichen Gemeinderat und Kantonsrat erlaubt, nicht aber im hauptberuflichen Stadtrat oder Regierungsrat, mit stattlichen Löhnen und mehr politischer Macht? 

Ich empfinde es sehr stark so. Je wichtiger das Amt, an das man herankommen will, desto schwieriger wird es. Dass sich die Wähler:innen offenbar immer noch eher mit weissen Personen mit Schweizer Namen identifizieren können, ist menschlich verständlich, aber politisch problematisch. Denn Demokratie lebt davon, dass Macht die Vielfalt der Gesellschaft abbildet.

Die gläserne Decke zu durchbrechen, ist schwierig, aber ich habe Hoffnung, dass der Stein ins Rollen kommt. Zugleich scheint es mir einfacher, für die GLP neue Profile für Exekutivämter aufzubauen als in traditionell stärker verankerten Parteien, wie etwa bei der SP. Veränderung braucht nämlich vor allem Offenheit – strukturell und kulturell.

Serap Kahriman GLP
Eine gläserne Decke, die Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zu wichtigen Ämtern erschwert? Viele solche Hürden hat Kahriman schon überwunden. (Bild: Mai Hubacher)

Muss man als Frau mit Migrationshintergrund mehr leisten, um Erfolg und Anerkennung zu bekommen?

Ja, und es hat auch sehr viel mit Glück zu tun. Es braucht Menschen, die an einen glauben und Türen öffnen. Nur harte Arbeit genügt leider nicht, auch wenn uns das oft vorgegaukelt wird. Das merke ich auch als Frau und Mutter. Das Patriarchat tut gerne so, als könnten wir hochprozentig arbeiten, Politik machen, Kinder haben, und dazu noch eine glückliche Beziehung und ein gesundes Sozialleben haben – alles gleichzeitig und ohne Abstriche. Aber das ist eine Illusion. Die Realität ist: Es kostet enorm viel Kraft und Ressourcen und es braucht Unterstützung. Auch deshalb ist mir wichtig, dass wir verstehen, dass Familie nicht Privatsache ist.

Was bräuchte es für mehr Leistungsgerechtigkeit in unserer Gesellschaft?

Es liegt am Staat, Chancengleichheit herzustellen. Wer von Eigenverantwortung spricht, muss auch dafür sorgen, dass alle überhaupt eine echte Chance erhalten, Verantwortung zu übernehmen. Dafür müssen wir Strukturen schaffen. Dazu gehören Stipendien ebenso wie eine gute Kinderbetreuung, damit Frauen arbeiten können. Denn, wenn Betreuung fehlt oder unbezahlbar ist, zahlen vor allem Frauen den Preis mit weniger Erwerbsarbeit, weniger Einkommen, weniger Altersvorsorge. 

Zu Fuss geht es vom Sim Sim zum Halk Pazari, ein Markt mit Halal-Produkten, ebenfalls in Oerlikon. Auf Türkisch bestellt Kahriman Schwarztee. «Hier gibt es das beste Brot», schwärmt sie. «Und immer am Wochenende bereiten hier Frauen auf traditionelle Art Gözleme zu». Als der Tee gekommen und der Zucker eingerührt ist, setzt sich das Gespräch fort. 

Vor Kurzem haben Sie im Gemeinderat den Angriff auf eine Zürcher Moschee scharf kritisiert. Inwiefern würden Sie sich im Stadtrat für migrantische und muslimische Gemeinschaften einsetzen und diese repräsentieren? 

Ich bin selbst nicht religiös, aber bin zu Themen, die diese Gemeinschaften betreffen, sicher sensibler eingestellt als andere. Zudem bin ich Teil der Gruppe «gemeinsam einsam», die den Dialog und die Solidarität zwischen Juden:Jüdinnen und Muslim:innen fördert. Die Solidarität zwischen den Minderheiten halte ich für sehr wichtig. Denn ohne diese wird es noch schwieriger, in der Mehrheitsgesellschaft Gehör zu finden.  

Serap Kahriman GLP
Nach dem Essen gibt es nur wenige Meter weiter türkischen Schwarztee im «Halk Pazari». (Bild: Mai Hubacher)

Die jüngsten Umfragen von Tsüri.ch und dem Tages-Anzeiger sehen Sie auf dem 11. beziehungsweise 14. Platz. Damit wären Sie nicht gewählt. Beschäftigen Sie diese Resultate? 

Zu sagen, dass es mich nicht beschäftigt, wäre gelogen. Es sind aber Momentaufnahmen aus dem Januar, da hat mein Wahlkampf ja erst richtig begonnen. Die Forschung betont immer wieder, dass es bei Kommunalwahlen nicht einfach ist, gute Prognosen zu erstellen. Das zeigt sich auch in den sehr unterschiedlichen Resultaten. Es ist also noch alles möglich.  

Seit vier Jahren sitzen Sie im Gemeinderat. Sollte der Sprung in den Stadtrat diesmal nicht klappen, würden Sie es in vier Jahren nochmals probieren?

Meine Leidenschaft für die Politik ist gross, sonst wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Aber politische Laufbahnen sind kaum planbar. Das eigene Profil muss zum aktuellen Zeitgeist passen. Da kann sich in vier Jahren vieles verändern. Deshalb sehe ich diesen Wahlkampf als einmalige Chance. 

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