Angriffe auf religiöse Minderheiten: Moschee in Zürich mit Eiern beworfen
In Oerlikon wird eine Moschee mit Eiern angegriffen, wenige Tage später wird in Wiedikon ein jüdisch-orthodoxer Mann attackiert. Expert:innen sehen diese Hassdelikte als Symptom eines verschärften gesellschaftlichen Klimas.
Die Mimar-Sinan-Moschee in Zürich-Oerlikon ist mit Eiern beworfen worden. Eine ganze Schachtel landete Ende Januar an der Eingangstür, wie Bilder zeigen, die Tsüri.ch vorliegen. Nach Angaben von Betroffenen traf es auch mehrere Häuser in der Umgebung, in denen muslimische Menschen leben.
Nur wenige Tage später wurde am Montagabend ein jüdisch-orthodoxer Mann in Zürich-Wiedikon auf offener Strasse mit Faustschlägen attackiert. Passant:innen überwältigten den Täter und konnten ihn festhalten, bis die Polizei kam. Laut den Behörden äusserte er sich beleidigend und antisemitisch. Das Opfer erlitt leichte Verletzungen.
Beide Vorfälle deuten auf ein ähnliches Motiv hin: Hass auf religiöse Minderheiten.
SP-Politikerin macht Vorfälle öffentlich
Während die Medien den antisemitischen Angriff an der Manessestrasse in Wiedikon breit aufgenommen haben, blieben die antimuslimischen Attacken bisher unbeachtet. Die Stadtpolizei kommunizierte dazu nicht öffentlich, bestätigte auf Anfrage von Tsüri.ch jedoch, dass sie über die Vorfälle informiert ist.
Aktuell stehe die Fachstelle Brückenbauer der Stadtpolizei, die den Austausch mit Kultur- und Religionsgemeinschaften pflegt, in Kontakt mit den Verantwortlichen der Moschee. Bislang sei keine Anzeige erstattet worden, da kein Sachschaden entstanden sei. Weitere Auskünfte erteilt die Polizei nicht.
Mehr weiss Vera Çelik. Die SP-Gemeinderatskandidatin besucht die Moschee regelmässig und machte über Instagram auf die Vorfälle in der Nacht von Donnerstag auf Freitag aufmerksam. «Bisher weiss ich, dass neben der Moschee auch die Häuser von vier Familien im Umkreis mit Eiern beworfen wurden», sagt Çelik.
Die Attacken hätten sie getroffen, aber nicht überrascht. Es sei nicht das erste Mal, dass ihre Gemeinschaft Anfeindungen ausgesetzt sei. «Wir hatten auch schon Schweineköpfe vor der Haustüre. Und vor zwei Jahren hat ein Mann am Bahnhof Oerlikon geschrien, dass alle Muslim:innen aussterben sollten.» Auch sie selbst ist als junge Muslima immer wieder mit rassistischen Aussagen konfrontiert.
Minderheiten fühlen sich zunehmend unsicher
Solche Vorfälle führten innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zu viel Unsicherheit. Immer mehr Personen machten sich Gedanken, wie sie sich schützen können. «Sollen wir nun mit Polizeischutz in die Moschee gehen?», fragt Çelik.
Ähnlich äusserten sich jüdische Kreise nach dem Angriff vom vergangenen Montag. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) schrieb in einer Stellungnahme, der Vorfall zeige, dass antisemitische Gewalt in der Schweiz eine reale Bedrohung darstelle. Solche Taten verstärkten das ohnehin gewachsene Unsicherheitsgefühl innerhalb der jüdischen Gemeinschaft erheblich.
«Das sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines strukturellen Musters rassistischer Gewalt gegen Minderheiten.»
Hannan Salamat, Zürcher Institut für interreligiösen Dialog
Die Kulturwissenschaftlerin Hannan Salamat – Mitarbeiterin des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog und Tsüri.ch-Kolumnistin – sieht in den jüngsten Geschehnissen keine Einzelfälle. Sie spricht von einem «strukturellen Muster rassistischer Gewalt gegen Minderheiten».
Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus beruhten auf historisch tief verankerten Denk- und Handlungsmustern, die in Zeiten politischer Verunsicherung und eines allgemeinen Rechtsrucks stärker hervortreten würden.
Es brauche nun Solidarität mit Betroffenen und die ehrliche Frage an sich selbst: «Wo denke, rede oder handle ich selbst in rassistischen Mustern – auch unbewusst – und wann setze ich mich gegen Hass ein, auch wenn ich nicht selbst betroffen bin?»
Zunahme von Hassdelikten
Auch Philip Bessermann, Geschäftsleiter der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, ordnet die Angriffe in einen breiteren Zusammenhang ein. «Wir sehen eine zunehmende emotionale Zuspitzung in gesellschaftlichen Debatten», sagt er. Andersdenkende würden oft nicht mehr als legitime Gesprächspartner:innen, sondern als Gegner:innen wahrgenommen.
Diese Entwicklung zeigten sich in immer häufigeren Grenzüberschreitungen. «Dazu gehören extremistische Taten wie der Brandanschlag auf ein Gebäude der Freimaurer, Sachbeschädigungen an einer Moschee oder der körperliche Angriff auf den jüdischen Mann in Zürich», so Bessermann.
Gestützt werden diese Einschätzungen durch aktuelle Zahlen. Laut der Stadtpolizei wurden in Zürich im Jahr 2024 insgesamt 23 rassistisch motivierte Straftaten registriert, fünf mehr als im Vorjahr.
Eine Studie der Universität Freiburg aus dem Jahr 2025 kommt zum Schluss, dass rund ein Drittel der in der Schweiz lebenden Muslim:innen bereits Rassismuserfahrungen gemacht hat. Auch Erhebungen des Bundesamts für Statistik weisen auf eine schweizweite Zunahme antisemitischer und antimuslimischer Vorfälle in den vergangenen Jahren hin.
Vor diesem Hintergrund hat der Zürcher Gemeinderat erst Mitte Januar eine Verdoppelung der Ausgaben für den Schutz von Minderheiten beschlossen: Der Betrag wurde von einer auf zwei Millionen Franken jährlich erhöht und ist besonders für die Sicherheit von muslimischen und jüdischen Gemeinschaften sowie queeren Menschen gedacht.
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Studium der Politikwissenschaft und Philosophie. Erste journalistische Erfahrungen beim Branchenportal Klein Report und der Zürcher Studierendenzeitung (ZS), zuletzt als Co-Redaktionsleiter. Seit 2023 medienpolitisch engagiert im Verband Medien mit Zukunft. 2024 Einstieg bei Tsüri.ch als Autor des Züri Briefings und Berichterstatter zur Lokalpolitik, ab Juni 2025 Redaktor in Vollzeit. Im Frühjahr 2025 Praktikum im Inlandsressort der tageszeitung taz in Berlin.