Ramen, Futon, Manga: Was es mit dem Japan-Hype auf sich hat
Japanische Kultur ist in Zürich längst kein Nischenphänomen mehr, sondern prägt immer stärker den Stadtalltag. Was steckt hinter dieser Entwicklung? Eine Spurensuche über drei Stationen.
Ein einsamer japanischer Lampion hängt am einstigen Tramwartehäuschen, ansonsten deutet von aussen nicht viel daraufhin, dass im Sihlpavillon beim Stauffacher neuerdings Ramen geschlürft werden.
Die Riki Ramen Bā, hinter der unter anderem Spitzenkoch Nenad Mlinarevic steht, hat im Februar ihre Türen geöffnet und sich bereits zu einem neuen Hotspot der Stadt entwickelt. Zur Essenszeit bilden sich lange Warteschlangen, Foodblogger:innen posten fleissig Fotos der dampfenden Schüsseln.
Dabei ist es längst nicht das erste Lokal seiner Art: In den letzten Jahren hat Zürich eine regelrechte Welle an Neueröffnungen erlebt, von der japanischen Kette Machida Shoten bis zu Sappo Ramen. Überhaupt scheint die Stadt im Japan-Fieber. Es gibt neue Manga-Stores, Futon-Läden, eine japanische Bäckerei – und viele Cafés bieten heute auch Matcha Latte an.
Was hat es mit diesem Trend auf sich? Drei Besuche und ein Experte liefern Antworten.
Station 1: Riki Ramen Bā
Nenad Mlinarevic kommt direkt aus der Küche. Er habe gerade noch Nudeln gemacht, sagt er, davon zeugt auch sein mehlbeflecktes T-Shirt. «Mir ist wichtig, dass wir alles inhouse produzieren.» Für die Nudelherstellung hat der Gastronom eigens eine japanische Ramen-Maschine angeschafft.
Neben den Gerichten sind in der Riki Ramen Bā auch alle Getränke japanisch inspiriert, japanische Schriftzeichen zieren die Wände, das Lokal ist als klassische Ramen-Bar ausgelegt – man kommt, isst zügig und geht wieder. Reservieren ist nicht möglich. Die angestrebte Authentizität basiert auf dem Handwerk: Selbst war Mlinarevic noch nie in Japan, und auch in der Küche arbeitet derzeit niemand mit japanischen Wurzeln.
Stattdessen steuert Eduard Dimant, ein Japan-Experte aus der Wiener Gastroszene, das nötige Fachwissen bei. Mit ihm und Tobi Müller führt Mlinarevic bereits das Cucina Itameshi im Niederdorf, wo die italienische und japanische Küche verschmelzen. Nun stehen sie auch hinter der Riki Ramen Bā.
Mlinarevic fasziniert vor allem die Präzision des Essens. Die Zutaten seien einfach, der Geschmack hingegen komplex. Zudem ginge es schnell und sei wohltuend, ohne schwer im Magen zu liegen. Für den Koch ist es daher nur logisch, dass derzeit so viele Ramen-Läden eröffnen. Rund 20 davon gibt es bereits in Zürich. «Wir dachten, es hat durchaus noch Platz für ein neues Lokal», sagt er.
Auch andere japanische Spezialitäten wie Matcha sind heute weit verbreitet. Selbst Ketten wie Starbucks oder Vicafé führen längst Matcha Latte im Angebot. Auch ein japanisches Foodfestival und einen Essens-Club gibt es: den «Harubaru Copy Club», der die japanische Küche gemeinsam zelebriert.
Von einem kulinarischen Japan-Hype will Mlinarevic dennoch nicht sprechen. Sushi-Bars etwa gebe es in Zürich schliesslich schon seit 20 Jahren. Er sieht es eher als Zeichen für die Internationalität Zürichs. Die Stadt sei schlicht offen für gute Geschmäcker.
Station 2: Momomai
Unweit vom Albisriederplatz lässt sich ein japanisches Wohnhaus betreten. Zumindest sei das die Idee hinter dem Aufbau des Geschäfts, sagt Mai Suetsugu, die gemeinsam mit ihrem Bruder Juri seit rund einem Jahr den Laden Momomai führt.
Wer das Geschäft betritt, befindet sich zuerst im «Genkan», dem traditionellen Eingangsbereich. Von dort blickt man auf Schiebetüren und ein erhöhtes Zimmer, das mit Tatami-Matten bedeckt ist. «In Japan ist dieser Raum oft nur für die Augen bestimmt», sagt Mai Suetsugu. Meist würde man Freund:innen für ein kurzes Gespräch im Genkan empfangen.
Im Momomai werden Tatami und Futons verkauft, die in der Region Kyōtango gefertigt werden – der Heimat ihrer Grossmutter, in der auch die Geschwister selbst für längere Zeit lebten. Die Gegend sei in den letzten Jahren deutlich touristischer geworden.
Das gilt für ganz Japan: Rund 43 Millionen Tourist:innen hat Japan im vergangenen Jahr empfangen – sechs Millionen mehr als im Vorjahr. Ein historischer Rekord, zu dem auch der tiefe Yen beiträgt, der die Reise für viele erschwinglicher macht.
Was den Verkauf von Futon und Tatami anbelangt, will Juri Suetsugu eher von einer «Welle» als von einem «Hype» sprechen. Schon in den 80er-Jahren habe es in der Schweiz einen Japan-Boom gegeben: «Damals schossen japanische Läden wie Pilze aus dem Boden.» Dieser sei zwischenzeitlich abgeflaut und nun wohl zurück.
Mit dem Geschäft wollen die Geschwister ihre Verbindung zu Kyōtango stärken. «Wir haben das Geschäft gegründet, um das Lebensgefühl vom japanischen Land auch hier zu haben», sagt Juri Suetsugu. Sie hätten ihre zweite Heimat nach der Rückkehr in die Schweiz immer vermisst.
Station 3: Jeeg Anime Manga
Von japanischer Schlichtheit ist im Kreis 4 nichts zu sehen. Stattdessen ist im Geschäft Jeeg alles bunt: Anime-Figuren in Glasvitrinen, die Regale bis obenhin mit Mangas gefüllt.
Das Jeeg gibt es bereits seit 2002, doch die Branche hat erst kürzlich einen massiven Sprung gemacht. Laut dem «Börsenblatt» verdoppelte sich der Manga-Umsatz im deutschsprachigen Raum zwischen 2018 und 2021. «Die Leute hatten in der Pandemie viel Zeit», sagt Verkäufer Rafael Marty. Der Boom hielt an und brachte neue Läden in die Stadt, etwa das Zuriko (2021) oder den Anim Shop (2025).
Der Reiz der Geschichten liegt für Marty in ihrer Vielseitigkeit. Das Spektrum reicht von düster-depressiven Stoffen bis hin zu queeren Liebesgeschichten, von klassischen Heldenepen bis zu ambivalenten Anti-Helden. «Die Figuren sind selten schwarz-weiss», so Marty. Das sei ein wichtiger Gegensatz zu amerikanischen Comics, die oft in Gut und Böse unterteilen würden.
Wie eng die Vorliebe für Anime und Mangas mit einer generellen Japan-Affinität verknüpft ist, lasse sich schwer einschätzen, sagt Marty. Doch könne die Popkultur natürlich ein entscheidender erster Berührungspunkt mit dem Land sein.
«Japan hat seine Soft Power ausgebaut»
Das sieht David Chiavacci, Professor für Japanologie an der Universität Zürich, ähnlich. Viele seiner Studierenden fänden über die Popkultur den Weg zum Japanologie-Studium.
Für ihn ist das ein Beispiel für «Soft Power», jene kulturelle Anziehungskraft, die für Japans Image heute bedeutender ist als die einstige wirtschaftliche Dominanz. Während das Land in den 1980er-Jahren die Weltmärkte noch als ökonomische Supermacht beherrschte, nahm diese Stellung ab den 1990ern stetig ab.
Das zeigt sich auch im Hörsaal. Das Interesse seiner Studierenden speise sich heute weit weniger aus der Aussicht auf eine Wirtschaftskarriere, sondern viel stärker aus der Faszination für die Kultur, so Chiavacci.
«Diese kulturelle Präsenz lässt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen.» Schon damals setzte die Regierung gezielt auf den Export von hochwertiger Keramik und Architektur, um Japan als Kulturnation zu positionieren. Seither schwappten die Produkte in Wellen zu uns: vom Japonismus in der Kunst bis zum Siegeszug des japanischen Kinos in den 1950er-Jahren.
Heute erlebt Zürich eine neue Welle. Doch bedeutet das nicht, dass alles Japanische automatisch zum Verkaufsschlager wird. Ein Beispiel ist die Mega-Marke Muji. Trotz grosser Bekanntheit schloss sie 2023 ihre zwei Zürcher Stores wieder, da sich das Geschäft nicht rentierte.
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Studium der Politikwissenschaft und Philosophie. Erste journalistische Erfahrungen beim Branchenportal Klein Report und der Zürcher Studierendenzeitung (ZS), zuletzt als Co-Redaktionsleiter. Seit 2023 medienpolitisch engagiert im Verband Medien mit Zukunft. 2024 Einstieg bei Tsüri.ch als Briefing-Autor und Berichterstatter zur Lokalpolitik, im Frühjahr 2025 Praktikum im Inlandsressort der tageszeitung taz in Berlin. Seit Juni 2025 zurück bei Tsüri.ch als Redaktor.