Beginn des Fastenmonats

«Angst vor negativen Reaktionen»: Warum Ramadan in Zürich kaum präsent ist

In London oder Frankfurt zieren Lichterketten die Strassen, in Zürich bleibt der Ramadan so gut wie unsichtbar. Woran liegt es, dass der Fastenmonat hier als Privatsache wahrgenommen wird und kaum öffentlich sichtbar ist?

Datteln, Gebetskette, Wasser, Ramadan
Datteln und Wasser gehören für Zehntausende Zürcher:innen zum traditionellen Fastenalltag. Dieser findet jedoch abseits der öffentlichen Wahrnehmung statt. (Bild: Unsplash)

Von London bis Frankfurt, von Freiburg bis Köln: Bunte Lichterketten, Sterne und Halbmonde prägen dieser Tage ausgewählte Strassenzüge in so manchen europäischen Städten. 

Die Beleuchtungen rücken den muslimischen Fastenmonat Ramadan ins öffentliche Bewusstsein, wirken als Symbol der Festlichkeit und kulturellen Teilhabe.

Im Stadtbild Zürichs sucht man solche Zeichen vergeblich. Welchen Stellenwert räumt die Stadt dem Ramadan ein?

Der Unterschied zu Weihnachten

Mit dem Sonnenuntergang am Mittwochabend hat er hierzulande begonnen: Der Fastenmonat gilt als zentrales Element des muslimischen Glaubens und markiert die Zeit, in der gläubige Muslim:innen weltweit von der Morgendämmerung bis zum Abend auf Essen, Trinken und andere Genüsse verzichten.

Es ist eine Phase der spirituellen Einkehr, Disziplin und Nächstenliebe. Gleichzeitig steht das Zusammenkommen im Zentrum, das allabendlich beim «Iftar», dem gemeinsamen Fastenbrechen, zelebriert wird.

Doch in Zürich, wo Zehntausende Muslim:innen leben, findet dieser Rhythmus vorwiegend hinter verschlossenen Türen statt – ganz im Gegensatz zur christlichen Weihnachtszeit, die mit Märkten, Beleuchtung und gesetzlichen Feiertagen omnipräsent und tief in den hiesigen Strukturen verankert ist.

Ein wesentlicher Unterschied sieht Oumaier Kedidi, Leiter der Geschäftsstelle der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), darin, dass Weihnachten in der Schweiz als «kulturelles Ereignis» verstanden werde, wohingegen Ramadan häufig primär als religiös wahrgenommen werde. «Damit wird er schneller als potenzieller Widerspruch zu einem säkularen Staat betrachtet», erklärt er auf Anfrage.

Hinzu komme die Sorge, dass die Sichtbarkeit des Ramadans politisiert werden könnte. «Auch die Angst vor negativen Reaktionen oder antimuslimischen Ressentiments spielt in der Praxis eine Rolle», so Kedidi. 

Die Erwartung zur Konformität

Dass Vorurteile bis hin zu offenem Rassismus in der Schweiz nach wie vor verbreitet sind, verdeutlichte im letzten Jahr eine Studie der Universität Fribourg: Über ein Drittel der Muslim:innen in der Schweiz gab an, bereits Opfer rassistischer Diskriminierung geworden zu sein. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

«Die gesellschaftliche Akzeptanz ist noch nicht so weit, dass öffentliche Plätze beleuchtet werden könnten», sagt eine Sprecherin der Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz. Stattdessen dominiere für Muslim:innen die Erwartung zur Konformität.

Dies kann besonders während der Fastenzeit zu Herausforderungen im Alltag führen. Da das Essen erst nach Sonnenuntergang erlaubt ist, verschiebt sich der Lebensrhythmus: Späte Mahlzeiten beim Iftar und das frühe Aufstehen vor der Morgendämmerung führen oft zu Schlafmangel, was Rücksichtnahme seitens der Arbeitgeber:innen, aber auch von Schulen und öffentlichen Institutionen erfordert. 

In den Schulen des Kantons Zürich gilt grundsätzlich die Schulpflicht. Laut den Empfehlungen der Bildungsdirektion kann nur in begründeten Einzelfällen vom Unterricht abgesehen werden. Einzig was den Sportunterricht angeht, wird explizit hervorgehoben, dass Lehrpersonen auf fastende Kinder Rücksicht nehmen sollten. Konkrete Fragen liess das Schul- und Sportdepartement bis zum Zeitpunkt der Publikation unbeantwortet.

Informationsangebote fehlen

Kedidi von der VIOZ sagt, dass die Erfahrungen der Community sehr unterschiedlich seien, streicht aber doch einen Wandel in den letzten Jahren hervor: Viele Arbeitgeber:innen und Schulen seien heute offener, sensibler und pragmatischer im Umgang mit fastenden Personen.

«Viele Fastende erleben Momente, in denen nicht verstanden wird, warum sie weder essen noch trinken.»

Vera Çelik, SP-Gemeinderatskandidatin und Muslima

Auch Vera Çelik, SP-Gemeinderatskandidatin und Muslima, beobachtet eine «gewisse Rücksichtnahme» an Schulen oder Arbeitsplätzen, doch sie sagt auch, dass diese stark vom Wissen und der Sensibilität einzelner Personen abhängig sei. Es fehle häufig an breiten Informationsangeboten.

«Viele Fastende erleben Momente, in denen nicht verstanden wird, warum sie weder essen noch trinken.» Diese fehlende Normalisierung führe oft zu Unsicherheit, besonders bei jungen muslimischen Menschen.

Çelik wünscht sich, dass Zürich den Ramadan als selbstverständlichen Teil ihrer religiösen Vielfalt wahrnimmt. Dies könne über gezielte Aufklärung oder offene Räume für gemeinsames Fastenbrechen geschehen, aber auch über Dekorationen in der Stadt als Zeichen von «Zugehörigkeit und Anerkennung».

Stadt lädt Imame ein

Was die Dekorationen anbelangt, bestätigt die Stadt Zürich, dass keine Beleuchtungen im Strassenraum geplant sind. Gleichzeitig seien aber auch keine Gesuche von Organisationen dafür eingegangen. Eine Sprecherin des Präsidialdepartements betont: «Die Stadt Zürich setzt sich dafür ein, dass die in der Stadt gelebten kulturellen und religiösen Traditionen sichtbar sein können und Wertschätzung erfahren.»

Man unterstütze den interreligiösen Dialog aktiv, etwa über das Zürcher Forum der Religionen. Zudem lädt der Stadtrat jedes Jahr nach dem Ramadan Imame und Vertreter:innen muslimischer Gemeinschaften zu einem Austausch ins Stadthaus ein. Dieses Jahr findet das Treffen Ende März statt.

Wer den Ramadan öffentlich erleben möchte, findet dazu punktuell Gelegenheit: In der Zentralwäscherei organisiert ein Verein am 22. Februar das Event «Lunar Ramadan New Year 2026» – ein Tag des kulturellen Austauschs und des gemeinsamen Brotbrechens.

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