«Ich kann nicht vergessen» – Ukrainer:innen aus Zürich erzählen
Sie kamen 2022 in die Schweiz: als Kinder, Jugendliche, Mütter, Grosseltern. Fünf Ukrainer:innen erzählen, wie sich ihr Leben seit der Flucht verändert hat.
Die russische Invasion auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat gemäss UNHCR sechs Millionen Ukrainer:innen in die Flucht getrieben. Auch im Kanton Zürich sind 21’743 Personen mit Schutzstatus S gemeldet.
Als die Geflüchteten in die Schweiz kamen, hingen überall Ukrainische-Flaggen. Die Welt schien sich vereint gegen den Krieg zu stellen. Heute ist die Solidarität weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden.
Das beobachtet auch Zoryana Mazko, die seit über 20 Jahren in der Schweiz lebt. Nach Ausbruch des Krieges gründete sie den ukrainischen Chor «Perespiv», um geflüchteten Ukrainer:innen Halt zu geben.
Die Ungewissheit unter den Geflüchteten werde grösser, sagt Mazko. «Manchmal haben sie das Gefühl, dass es der Gesellschaft inzwischen egal ist, was mit ihnen passiert.»
Fünf Ukrainer:innen, die 2022 in die Schweiz gekommen sind, erzählen, wie es ihnen heute geht.
Olga
Während Olga in der Schweiz in Sicherheit ist, erreichen sie immer wieder Nachrichten über verstorbene Verwandte und Bekannte. «Ich kann nicht vergessen. Das ist mein Leben», sagt die 41-Jährige.
Die ausgebildete Psychologin arbeitet Teilzeit als Kinderbetreuerin. Daneben engagiert sie sich freiwillig als psychologische Unterstützung für Ukrainer:innen in der Schweiz. Ihr Rat: «Nichts erleichtert den seelischen Schmerz so sehr wie gemeinsames Singen.»
Olga singt im Chor «Perespiv» gemeinsam mit Ukrainer:innen und Schweizer:innen. Die Proben und Konzerte geben ihr Trost. «In diesen zwei Stunden entsteht ein kleines Stück Heimat», sagt Olga. Beim Singen finde sie einen Ausdruck für das, was sich nicht erzählen lasse.
In den ersten Monaten nach ihrer Flucht lernt Olga nur die wichtigsten Wörter für den Alltag. Die Hoffnung ist gross, bald nach Hause zurückkehren zu können.
Heute spricht sie fliessend Deutsch.
Ivan
Wie viele ukrainische Jugendliche lernt Ivan sowohl für die Schule in der Schweiz als auch in der Heimat. Begabt in Mathe und Naturwissenschaften, bereitet er sich auf die ukrainische Maturität vor. In der Schweiz wird er dagegen in die Sek B eingestuft. «Wegen meiner Deutschkenntnisse haben sie mir gar keine Chance gegeben», erzählt der heute 17-Jährige.
Als er mit 13 Jahren in die Schweiz kommt, muss er sich in einem neuen sozialen Umfeld zurechtfinden. In der Schule trifft er auf Mitschüler:innen mit unterschiedlichen Hintergründen und Religionen. «In der Ukraine haben fast alle dieselbe Religion und kommen vom gleichen Ort.» Was man in der Schweiz sagen dürfe und was nicht, muss er auf schmerzhafte Weise lernen. Mehrmals gerät er in Konflikte, weil er Aussagen macht, die als verletzend wahrgenommen werden.
Heute sucht Ivan eine Lehrstelle. Mehr als 50 Bewerbungen hat er bisher verschickt, um einen Ausbildungsplatz als medizinischer Praxisassistent oder Dentalassistent zu finden. Neben dem Lernen spielt er E-Bass und kämpft im Boxring.
Evgenia
Ende Februar 2022 fallen russische Truppen in Evgenias Heimatstadt Butscha ein. Zwei Wochen lang lebt sie ohne Strom, Wasser und Heizung. Die damals 63-Jährige flieht mit ihrem Mann zu Fuss nach Irpin – währenddessen wird Butscha zum Schauplatz eines der schlimmsten Massaker an der ukrainischen Bevölkerung. Über Kiew, Lwiw und schliesslich über Polen und Deutschland gelangen sie in die Schweiz.
Heute ist sie stolz darauf, viele Schweizer Freund:innen zu haben, mit denen sie Solidaritätsveranstaltungen organisiert, Konzerte besucht und den Austausch aktiv fördert. Die Rentnerin verpasst keine Probe des Chors Perespiv. «Wenn ich ukrainische Lieder singe, dann weine ich», erzählt sie.
Auch wenn inzwischen Evgenias ganze Familie in der Schweiz lebt, ist für sie und ihren 70-jährigen Mann klar: Sie möchten in die Ukraine zurückkehren. Um ihre Heimat zu unterstützen, knüpft sie dringend benötigte Tarnnetze für die Truppen.
Maryna
2022 flieht Maryna mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in die Schweiz. In der Schweizer Schule erleben die Mädchen immer wieder Mobbing. Russische und ukrainische Kinder spiegeln die Feindseligkeiten auf dem Pausenplatz wider.
Wie 98 Prozent der Ukrainer:innen in der Schweiz hat auch Maryna hier Arbeit gefunden. Während sie in der Ukraine an einer Schule ein Fach für technisches Design leitete, ist sie heute als Reinigungskraft tätig. «Es ist besser als Putzfrau zu arbeiten, als von der Sozialhilfe zu leben», sagt die 40-Jährige.
Fremd in der Schweiz, macht sie hier das, was sie liebt. Schon ihre Grossmutter stellte traditionelle Puppen und Kleider her. Nun ist es Maryna, die diese Tradition weiterführt. «Das ist wichtig, um unsere Identität nicht zu verlieren», erzählt sie.
Für Feste, Hochzeiten und Messen fertig sie ukrainische Stickmuster an. Die sogenannten Wyschywanka unterscheiden sich von Region zu Region. Jedes Muster und jede Farbe hat ihre eigene Symbolik. Maryna beherrscht sie alle.
Alina
Als Alina mit ihrer Mutter aus Saporischschja flieht, ist sie zehn Jahre alt. Wenn sie heute an ihre Heimat denkt, erinnert sie sich an friedliche Zeiten in der Schule, an den Sportverein mit ihren Freund:innen und an ihre Familie. Zurückgeblieben sind Vater, Tante, Grosseltern, Cousinen und der Onkel, der in den ersten Tagen an die Front ging. «Ich vermisse sie alle sehr», sagt Alina.
In der Schweiz lernt sie so schnell Deutsch, dass sie sich heute auf die Gymiprüfung vorbereitet. Alina hat den Traum, Biochemie zu studieren, um Medikamente gegen Krebs zu entwickeln.
«Eine gute Ausbildung zu machen, ist bei uns sehr wichtig», erzählt Alina. Das bestätigen Zahlen der Berner Fachhochschule: 70 Prozent der Ukrainer:innen in der Schweiz haben eine tertiäre Bildung abgeschlossen.
Gleichzeitig lernt Alina weiter für die ukrainische Schule. Wenn sie ihre Zeugnisse nicht rechtzeitig online einreicht, meldet sich ihre frühere Klassenlehrerin aus der Ukraine bei ihr.
Diese Doppelbelastung ist sie sich gewohnt. In der Ukraine trainierte sie jeden Tag nach der Schule mindestens vier Stunden professionell Gymnastik. An den Wochenenden standen Wettkämpfe an.
«Man muss das Lernen lieben – und ich liebe es», so Alina.
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Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.