Juwo-Chef: «Wir brauchen etwa tausend zusätzliche Wohnungen für junge Menschen»
Das Jugendwohnnetz übernimmt in Zürich, was der Markt versäumt: Es schafft bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen in Ausbildung. Geschäftsführer Patrik Suter erklärt im Interview, weshalb Studierende trotz Armutsrisiko politisch wenig zählen und was sich ändern muss.
Jenny Bargetzi: Ein Zimmer des Jugendwohnnetz (Juwo) in Zürich kostet heute durchschnittlich 620 Franken pro Monat, Nebenkosten inklusive. Wie stark sind die Mieten in den letzten Jahren gestiegen?
Patrik Suter: Vor fünf Jahren lag der durchschnittliche Mietpreis bei 520 Franken. Die Mieten sind somit um 20 Prozent gestiegen.
Das Angebot richtet sich an junge Erwachsene, die sich in Ausbildung befinden und maximal 30’000 Franken brutto pro Jahr verdienen. Damit liegen sie nur knapp über der Armutsgrenze. Muss man armutsbetroffen sein, um überhaupt vom Juwo profitieren zu können?
Von der Einkommenslimite her liegt das tatsächlich knapp über der Armutsgrenze. Doch viele junge Menschen werden noch von ihren Eltern unterstützt oder haben einen Nebenjob.
Doch wir haben immer häufiger Studierende mit Studiengängen, die zeitlich keinen Nebenjob erlauben und somit sehr wenig Einkommen haben. Die günstigen Wohnungen sollen diesen jungen Menschen zugutekommen. Deshalb gibt es die Obergrenze.
«Finanzielle Sorgen stehen bei den jungen Menschen ganz oben auf der Liste.»
Patrik Suter, Geschäftsführer Juwo
Spüren Sie, dass diese Studierende finanziell vermehrt unter Druck geraten, etwa durch mehr Mietzinsausfälle oder häufigere Wechsel?
Die Mietzinsausfälle haben erfreulicherweise kaum zugenommen, auch nicht seit der Pandemie. Das liegt aber auch daran, dass die Eltern eine Mitfinanzierungsbestätigung unterschreiben. Sie wissen also, dass ihre Kinder bei uns wohnen, und springen notfalls ein. Was wir aber deutlich merken: Finanzielle Sorgen stehen bei den jungen Menschen ganz oben auf der Liste.
Wie zeigt sich das?
Wir haben eine eigene Sozialberatung. Dort zeigen wir den Studierenden, wie sie ein Budget aufstellen oder vermitteln sie an Fachstellen wie die Schuldenberatung weiter. Darüber hinaus verstehen wir uns als eine Art Bindeglied: Für viele junge Menschen ist das Wohnen beim Juwo der erste Schritt weg von Zuhause.
Finanzielle Unsicherheit spielt in dieser Phase eine grosse Rolle. Es braucht klare Regeln, aber ebenso eine niederschwellige Anlaufstelle.
Ist Armut bei Studierenden politisch ein Thema?
Aus meiner Sicht nicht. Politisch dominiert das Thema Wohnraum. Wir versuchen darum immer wieder darauf hinzuweisen, dass die jungen Menschen in Ausbildung – Studierende und Lernende – beim Thema Wohnraum mitgedacht werden müssen. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass junge Menschen ihre Ausbildung erfolgreich abschliessen und Perspektiven entwickeln können. Armut bei Studierenden wird politisch kaum diskutiert.
In diese Lücke springen Organisationen wie das Juwo und die Studentische Wohnkommission (Woko). Sind Sie eine Art Reparaturbetrieb für einen staatlichen blinden Fleck?
Ja, wir federn zusammen mit der Woko dort ab, wo private Anbieter:innen keinen bezahlbaren Wohnraum anbieten können oder wollen.
Gleichzeitig muss man sagen: Die Stadt Zürich unterstützt uns durchaus, etwa mit Baurechten oder Zwischennutzungen. Politisch liegt der Fokus aber klar stärker auf Alters- und Familienwohnungen. Junge Erwachsene sind in der wohnpolitischen Diskussion weniger präsent.
Sollte die Stadt selbst Studierendenwohnungen bauen?
Nicht zwingend, denn es gibt bereits gute Organisationen, wie Juwo und Woko. Wichtiger ist, dass diese bestehenden professionellen Träger:innen stärker unterstützt werden. Die Stadt kann Baurechte vergeben, Projekte ermöglichen oder auch Private einbinden.
Wie realistisch ist es, dass private Akteur:innen mithelfen?
Schwierig. Wir hatten ein paar Gespräche mit Privaten, wo wir geprüft haben, was man machen kann. Aber am Schluss hängt es davon ab, dass sie höhere Renditen-Erwartungen haben, die nicht mit günstigen Mieten vereinbar sind.
Einzelne private Eigentümer:innen verfügen über leerstehende Wohnungen, die sie teilweise kurzfristig vermieten, etwa über Plattformen wie Airbnb. Bestünde hier aus Ihrer Sicht Potenzial, solche Flächen vorübergehend für studentisches Wohnen zu nutzen?
Ja, absolut. Das bieten wir immer an, wenn Private auf uns zukommen. Wir arbeiten da mit verschiedenen Investor:innen zusammen, zum Beispiel mit der Allianz-Versicherung, der Halter AG, und anderen.
Die Problematik ist, wenn Sie etwas neu bauen, erneuern oder renovieren, steigen die Mieten über das Budget der jungen Bewohner:innen. Manchmal kann man das mit kompakten Grundrissen für solche Menschen korrigieren.
«Der Anteil junger Menschen unter 30 Jahren in Zürich sinkt, während die Zahl der Ausbildungsplätze steigt. Hier müssen wir gegensteuern.»
Patrik Suter, Geschäftsführer Juwo
Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Die Baugenossenschaft Frohheim hat kürzlich einem Projekt am Brüderhofweg zugestimmt. Die Wohnungen sind sehr kompakt, mit einer Wohnfläche von 25 Quadratmetern pro Person. Das Juwo mietet den Neubau für 20 Jahre. Ein solches Projekt mit privaten Investor:innen in der Stadt Zürich ist bisher noch nicht gelungen. Derzeit sind wir an zwei Projekten beteiligt und hoffen, dass zumindest eines davon umgesetzt werden kann.
Warum ist es für eine Stadt wichtig, dass Studierende zentral wohnen – könnten sie nicht in die Agglomeration ausweichen?
Viele tun das bereits. Entscheidend ist aber die Nähe zum öffentlichen Verkehr und zu den Hochschulen. Jede zusätzliche ÖV-Zone kostet Geld. Und 50 Franken mehr pro Monat sind bei einem knappen Budget sehr relevant.
Michael Schaepman, der Rektor der Universität Zürich, sagte einmal, Studieren ist mehr als Vorlesungen besuchen: Es geht um Austausch, soziale Kontakte, das Leben auf dem Campus. Das finde ich auch.
Wenn die Stadt Ausbildungsplätze anbietet – und das sind in Zürich rund 100’000 –, dann sollte sie auch Wohnraum ermöglichen. Diese jungen Menschen bleiben, zahlen später Steuern und werden als Fachkräfte dringend gebraucht.
Der Stadtrat beantragte kürzlich 20 Millionen Franken für den Jugendwohnkredit, der Wohnraum für Jugendliche und junge Erwachsene in Ausbildung fördert. Der Gemeinderat will den Kredit auf das Doppelte erhöhen. Reicht das?
Es ist eine wichtige Unterstützung. Der Fonds existiert seit 1963, war aber die letzten Jahre leer. 40 Millionen Franken wären hilfreich und ermöglichten einige hundert zusätzliche Wohnplätze. Der Bedarf liegt allerdings deutlich höher: Wir brauchen noch etwa tausend zusätzliche Wohnungen. Das ist ziemlich viel.
Was müsste passieren, damit Studierende wohnpolitisch ähnlich ernst genommen werden wie andere Bevölkerungsgruppen?
Es braucht ein klares politisches Ziel. Die 2000 Wohnungen bis 2035, die für die Stiftung Alterswohnen gebaut werden, sind eine tolle Sache. Wenn es für die Jungen nur schon die Hälfte davon gäbe, wäre das bereits super.
Denn der Anteil junger Menschen unter 30 Jahren in Zürich sinkt, während die Zahl der Ausbildungsplätze steigt. Hier müssen wir gegensteuern.
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Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.