Mit einem Manifest will Tobias Langenegger die Zürcher Wohnkrise lösen
Der SP-Kandidat Tobias Langenegger geht mit knappen Umfragewerten in die entscheidende Phase des Stadtratswahlkampfs. Mit einem Manifest gegen Verdrängung und für mehr bezahlbaren Wohnraum sagt er der Wohnkrise den Kampf an. Ein Interview.
Yann Bartal: Sie wollen am 8. März für die SP in den Stadtrat ziehen. Gemäss den Wahlumfragen von Tsüri.ch und zuletzt von Tamedia wird es knapp. Sorgen Sie sich um Ihre Wahl?
Tobias Langenegger: Ja, absolut. Mir haben schon vor Monaten Leute gratuliert. Dabei bin ich alles andere als sicher gewählt. Die Wahl wird sich auf den letzten Metern entscheiden.
Mittlerweile sieht man auch Wahlplakate von Ihnen. Ihr Konkurrent Përparim Avdili hängt schon seit Monaten in den Strassen. Wieso haben Sie nicht früher angefangen?
Das ist eine Frage des Geldes. Mein Budget setzt sich aus Kleinspender:innen zusammen und ich muss meine Mittel sehr konzentriert einsetzen. Die heisse Phase beginnt jetzt und das Wohnthema ist dabei zentral.
Sie haben ein Wohnmanifest veröffentlicht. «Manifest», das klingt nach politischer Kampfansage.
Ja, das soll es sein.
Sie bezeichnen das Schreiben als Versprechen, alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, um die Wohnkrise anzugehen. Bringen Sie sich bereits in Position als neuer Hochbauvorsteher?
Nein, das Thema Verdrängung geht alle Teile der Verwaltung an.
Sie fordern ein Wohnraum-Kompetenzzentrum. Was wäre dessen Aufgabe?
Die Stadt muss Verantwortung übernehmen für die Mieter:innen. Bei Fällen wie den Sugus-Häusern sollten die Bewohner:innen rasch erfahren, wie die rechtliche Situation ist. Die Stadt kann beispielsweise nachfragen: Was ist überhaupt die Grundlage für diese Leerkündigung?
Eine ihrer Forderungen ist, dass die Stadt viel mehr Land kaufen soll. Dadurch entstehen jedoch erstmal keine neuen Wohnungen.
Kurzfristig stimmt das. Deshalb muss besonders der Mieter:innenschutz gestärkt werden. Die Stadt soll ihre Bewohner:innen dabei unterstützen, überhöhte Anfangsmieten anzufechten. Die Stadt Zürich weiss ja, wann ein Mieter:innenwechsel stattfindet. Sie hat eine gute Mietpreisstatistik und könnte damit die Mieter:innen aktiv unterstützen.
Bleiben wir beim Landkauf. Zu Marktpreisen zahlt die Stadt Millionen für neue Grundstücke. Wie sollen da günstige Wohnungen entstehen?
Im «Roten Zürich» vor knapp 100 Jahren, als die Stadt von der SP regiert wurde, entstanden die ersten städtischen Wohnsiedlungen. Bereits dazumal kritisierten bürgerliche Zeitungen die «überrissenen» Quadratmeterpreise, die die Stadt bezahlte. Heute sind das die bezahlbarsten Wohnungen der Stadt.
Aber je teurer der Boden, desto höher die städtische Kostenmiete.
Es stimmt, dass neuer gemeinnütziger Wohnraum teurer ist als bestehender. Aber vergleichen wir mal die Genossenschaft Kraftwerk mit der privaten Siedlung Limmatwest. Diese befinden sich sehr nahe zueinander und haben einen ähnlichen Ausbaustandard. Vor 25 Jahren hatten beide faktisch eine vergleichbare Kostenmiete. Heute sind die Mieten bei der Genossenschaft wesentlich tiefer als damals, während sie beim Limmatwest stark gestiegen sind. Dabei sind die Wohnung nicht besser geworden, sondern älter.
Woher soll denn das Geld kommen für all die Landkäufe? Stadtrat Daniel Leupi (Grüne) sagte im Interview mit Tsüri.ch, dass wir aktuell etwa eine Milliarde Franken Steuereinnahmen pro Jahr hätten, aber Investitionen, die mehr als doppelt so hoch seien.
Erstens wird das Geld ja nicht aus dem Fenster geworfen. Landkäufe sind Investitionen, die auch stabile Einnahmen generieren durch Mieterträge.
Zweitens hat die Stadt hohe Überschüsse. Diese müssen wir jetzt zugunsten der Bevölkerung nutzen. Und drittens müssen wir über neue Modelle der Finanzierung nachdenken.
Wie zum Beispiel?
Beispielsweise über sogenannte «housing bonds». Damit könnte die Stadt mithilfe von privaten Anleger:innen bezahlbaren Wohnraum finanzieren. Viele Leute würden gerne ihr Geld in etwas Sinnvolles investieren. Die Idee finde ich spannend.
In Ihrem Manifest verlangen Sie die konsequente Einforderung von bezahlbaren Wohnungen. Ist denn die aktuelle linke Regierung inkonsequent?
Nein, Ende der 90er-Jahre war Zürich verschuldet und man musste unbedingt Investor:innen in die Stadt bringen. Das hat man erfolgreich geschafft und der linke Stadtrat hat die Stadt gleichzeitig enorm lebenswert gemacht. Heute ist die Verdrängung das grösste Problem. Daher müssen wir den Fokus konsequent auf den bezahlbaren Wohnraum legen.
«Die Stadt wird regelrecht umgepflügt. Aber es wird völlig das Falsche gebaut.»
Tobias Langenegger, SP-Stadtratskandidat
Also haben es Ihre Kolleg:innen im Stadtrat verpasst, geeignete Massnahmen, wie Sie sie vorschlagen, zu treffen?
Es wurde sehr viel gemacht. Beispielsweise hat die Stadt eine Kaufoffensive gestartet, städtische Stiftungen finanziell besser aufgestellt und einen Abschreibungsfonds für mehr bezahlbare Wohnungen eingeführt. Doch die Rahmenbedingungen haben sich geändert: Der Schutz vor Bodenspekulation wurde in Bern massiv geschmälert und das Bundesgericht hat die zulässige Rendite für Mieten erhöht.
Bauunternehmen und bürgerliche Politiker:innen kritisieren, dass wegen der vielen Vorschriften und Rekurse zu wenig gebaut wird. Ihr Konkurrent Përparim Avdili will «bauen, bauen, bauen».
Da bin ich anderer Meinung. Es wird sehr viel gebaut, die Stadt wird regelrecht umgepflügt. Aber es wird völlig das Falsche gebaut. Es werden sehr teure Wohnungen gebaut mit wenig Zimmern. Und ein riesiges Problem sind Businessapartments und Airbnbs. Das müssen wir stoppen.
Wie?
Erstens sollen Businessapartments nicht an den Wohnanteil angerechnet werden dürfen, sondern als bewirtschaftete Wohnungen gelten. Zweitens mit der Airbnb-Initiative, die Kurzzeitvermietungen auf 90 Tage im Jahr begrenzt. Dann ist es nicht mehr so attraktiv als Geschäftsmodell.
Viele Wohnthemen müssten auf kantonaler oder Bundesebene angegangen werden. Seit über 10 Jahren politisieren Sie im Kantonsrat. Dort könnten Sie mehr bewegen als im Stadtrat.
Der Kantonsrat macht mir grossen Spass, aber man stösst Veränderungen primär an und die Umsetzung machen dann andere. Da möchte ich nun gerne einen Beitrag leisten und mitanpacken.
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Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.