Knappe linke Mehrheit: Die Zürcher Wahlkreise im Check
Am 8. März wählt die städtische Stimmbevölkerung ihre politischen Vertreter:innen. Ein Blick auf die Sitzverteilung im Gemeinderat zeigt: Alte politische Zuschreibungen gelten nicht mehr.
Gesamterneuerungswahlen sind wie belegte Brote: Der Schinken oben drauf macht gluschtig, doch satt wirst du vom Brot darunter.
Mit anderen Worten: Bei den bevorstehenden Wahlen reden alle über Glättli, Avdili, Kahriman und darüber, wer es in den Stadtrat schafft. Dabei ist es viel relevanter, was im Parlament geschieht. Denn dort wird entschieden, wie Zürich morgen aussieht.
Darum lautet die grosse Frage mit Blick auf den 8. März nicht: Wer wird Stadtpräsident, sondern: Wen schicken die Quartiere als Vertretung in den Gemeinderat?
Seit zwei Legislaturen hält die Linke – also SP, Grüne und AL – die Mehrheit im Parlament. Aktuell ist diese hauchdünn mit 63 von 125 Sitzen, 2018 war die Ausgangslage noch deutlicher; damals kam die Ratslinke auf 69 Sitze.
Relevant ist das, weil die stärkere Partei damit eigene Geschäfte am Widerstand der Gegenseite durchbringen kann. Im Falle der aktuellen linken Mehrheit sind das Geschäfte, bei denen die Bürgerlichen sonst den Budget- oder den Eigenverantwortungshammer fallen lassen würden.
Mit dem Bevölkerungswachstum wird die Stadt Zürich rein statistisch alle zehn Jahre ausgewechselt. Damit verändert sich auch die politische DNA eines Quartiers. Welche Auswirkungen hat das auf die Zusammensetzung im Gemeinderat?
Ist der Chreis Cheib sicher in den Händen der Linken? Gibts den freisinnigen Züriberg überhaupt noch? Und welche Partei breitet sich im gentrifizierten Kreis 9 aus?
Wir schauen, wie sich die Wahlkreise während der letzten drei Legislaturen verändert haben.
Die 4-ever Linken
Wiedikon (Darstellung Stichtag Wahl) «Chreis Cheib» rund um Langstrasse, Industriequartier und angrenzende Gebiete
Die Arbeiterquartiere sehen seit jeher dunkelrot. In Wiedikon zwar nicht ganz so links wie die Nachbar:innen im K4+5, aber AL, Grüne und SP stellen seit Jahren die Hälfte der Kreisvertreter:innen. Für den Wahlkreis 3 gab es im Laufe der Legislatur eine Anpassung, da Isabel Garcia kurze Zeit nach dem Wahltag von der GLP in die FDP wechselte. Bei den nächsten Wahlen tritt sie nicht mehr an.
Im 4+5 gelang es FDP-Politiker Roger Suter, in Zürich geboren und aufgewachsen und als Gewerbler stark mit dem Quartier verbunden, schaffte es, der AL einen Sitz abzujagen.
Die (Ex-)Bürgerlichen
Zürichberg Innenstadt
Im Wahlkreis 7+8 scheint abends die Sonne und das Herz schlägt für «mehblau». So war das einmal, doch in den letzten Jahren konnten sich linke Parteien und die GLP auch hier eine Wählerschaft aufbauen.
Lange galt auch Kreis 1+2 im Stadtzentrum als bürgerlich dominiert. Doch hier konnten die Linken mit der Mobilisierungswelle 2018 zulegen.
Die «von allem ein bisschen»-Kreise
Unter-und Oberstrass Höngg und Wipkingen
Im Kreis 10 mischt sich das urbane Wipkingen mit dem traditionell eher bürgerlichen Höngg. Auch hier kam es 2018 zu einem SP-Sitzgewinn, doch die Korrektur folgte schon bei den nächsten Wahlen. Heute sitzt mit Selina Frey eine GLP-Politikerin auf dem Sitz, den die SP der FDP abgejagt hat.
Im Kreis 6 kam es 2022 zu einem innerlinken Konkurrenzkampf, als Yves Henz von der Klimajugend der SP einen Sitz wegschnappte.
Die Gentrifizierten
Altstetten und Albisrieden Affoltern, Oerlikon und Seebach Schwamendingen
In diesen drei ehemals bürgerlichen Wahlkreisen zeigt sich, wie in den letzten zwölf Jahren vor allem die SVP, aber auch die FDP an Einfluss verloren haben. Gleichzeitig konnte sich neben einer konstanten linken Präsenz die GLP ausbreiten.
Dass sich die SVP-Fraktion im Kreis 12 weiter verkleinerte, lag aber nicht am Wähler:innenwillen, sondern daran, dass Bernhard im Oberdorf letztes Jahr aus der Partei austrat und heute für die Mitte politisiert.
An der Zusammensetzung der Gemeinderatsvertretung sehe man den langsamen Rückgang der konservativen Wählerschaft in den einst bürgerlichen Quartieren, meint Politologe Oliver Strijbis. Gleichzeitig sei es «eigentlich verrückt», wie stabil die Sitzerverteilungen in den Kreisen über die Zeit sei.
Diese langsamen Veränderungen deuten für Strijbis darauf hin, dass die Wähler:innen ihren Parteien treu bleiben. Der demographische Wandel sei aber klar ersichtbar: Das sozialliberale Lager gewinnt, während das konservative langsam an Einfluss verliert.
Das wiederum mache eine bürgerliche Wende bei den Wahlen 2026 unwahrscheinlich.
Diese würde eine stärkere Mobilisierung bei SVP und FDP verlangen. Doch dafür gebe es gemäss aktuellen Umfragen kaum Anzeichen.
Sitzverschiebung im Kreis 3
Aufgrund des Bevölkerungswachstums kommt es in der folgenden Legislatur zu einem Sitzwechsel. Der linke Kreis 3 verliert einen Sitz an den stark wachsenden, ehemals bürgerlichen Kreis 9.
Zu welcher Partei dieser Sitz gehe, könne man mit Bestimmtheit nicht sagen, meinst Strijbis. Doch: «Wenn Kreise mehr Sitze erhalten aufgrund ihres Wachstums, dann müssten die neuen Sitze eher an Links bis GLP gehen.» Denn das neue Elektorat in diesen Kreisen sei eher progressiv.
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Aufgewachsen am linken Zürichseeufer, Master in Geschichte und Medienwissenschaft an der Universität Basel. Praktikum beim SRF Kassensturz, während dem Studium Journalistin bei der Zürichsee-Zeitung. Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem SNF-Forschungsprojekt zu Innovation im Lokaljournalismus. Seit 2021 Mitglied der Geschäftsleitung von We.Publish. Seit 2023 Redaktorin bei Tsüri.ch.