Verlage gegen SRG? Nicht alle. Ein Plädoyer für den Service public
Die grossen Verlage machen die SRG für ihre Krise verantwortlich und fordern eine Kürzung des Service public. Dabei würde eine Halbierung der Gebühren den privaten Medien kaum neue Abonnent:innen bringen – im Gegenteil. Ein Kommentar.
Alle privaten Verleger sind gegen die SRG? Falsch. Ich bin Verleger und ich sage: Die Schweiz braucht eine starke SRG – gerade weil die privaten Medien unter Druck stehen.
Seit Jahren treiben die grossen Schweizer Zeitungsverlage die SRG vor sich her. Sie drängen das öffentliche Medienhaus zu strategisch fragwürdigen Entscheidungen wie der vorzeitigen UKW-Abschaltung oder fordern eine Beschränkung des Online-Angebots. Das Narrativ dahinter ist immer das gleiche: Die staatlich finanzierte Konkurrenz zerstöre das Geschäft der Privaten.
Dabei ist dieses Argument wissenschaftlich widerlegt.
Das Märchen vom Crowding-Out
Seit elf Jahren baue ich mit Tsüri.ch ein privates Medienhaus auf. Unsere Branche befindet sich im freien Fall; alte Geschäftsmodelle erodieren. Doch in all diesen Jahren hat der Service public der SRG unser Wachstum noch nie eingeschränkt.
Die Behauptung, die SRG würde den Privaten die Werbegelder streitig machen, greift ins Leere. Der Grossteil der Werbegelder geht heute an global tätige Plattformen wie Meta und Google – nicht ins Schweizer Fernsehen oder Radio. Wer glaubt, dass durch eine Schwächung der SRG plötzlich Millionen in die Kassen lokaler Redaktionen fliessen, betreibt Realitätsverweigerung.
Dieser angebliche Verdrängungseffekt – in der Fachsprache «Crowding-Out» genannt – wurde in einer aktuellen Studie der Universität Freiburg von Medienwissenschaftler Manuel Puppis untersucht. Das Ergebnis ist eine schallende Ohrfeige für die Initiant:innen der Halbierungsinitative: Die Existenz von «SRF News» ist nicht die Ursache für die geringe Zahlungsbereitschaft bei privaten Online-Medien. Selbst bei tiefen Abo-Preisen von acht Franken pro Monat würden durch eine SRF-Abschaltung in der Deutschschweiz lediglich rund 20’000 zusätzliche Digital-Abos verkauft werden. Der Rest der Nutzerschaft würde zu Gratismedien oder Social Media abwandern.
Einstiegsdroge für Qualitätsjournalismus
Was die Verlage in ihrem Kampf übersehen: Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen der Nutzung von SRG-Inhalten und der Bereitschaft, für private Medien zu bezahlen. Wer sich bei der SRG informiert, schätzt Qualität – und ist eher bereit, auch für ergänzende private Angebote Geld auszugeben.
Die Annahme der Halbierungsinitiative am 8. März wäre ein beispielloser Kahlschlag. Laut Bundesrat sind nicht nur 3000 Stellen bei der SRG gefährdet, sondern weitere 3200 Stellen in der Schweizer Kultur- und Filmbranche. Es träfe die Indie-Band, deren Song im Radio läuft, die lokale Produktionsfirma und die Berichterstattung aus den Randregionen.
Nur weil die grossen Verlage bisher keine tragfähigen digitalen Geschäftsmodelle gefunden haben, ist es der völlig falsche Weg, die SRG zu halbieren. Wer den Service public schwächt, verschiebt das Gleichgewicht zugunsten jener Akteur:innen, die von Polarisierung und Desinformation profitieren: den internationalen Tech-Plattformen.
Wir brauchen politische Lösungen für die Medienkrise. Aber wir brauchen keinen Kulturinfarkt. Darum sage ich als Verleger eines privaten Medienhauses am 8. März: Nein zur Halbierungsinitiative.
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!
An der Universität Zürich hat Simon Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Nach einem Praktikum bei Watson machte er sich selbstständig und hat zusammen mit einer Gruppe von motivierten Journalist:innen 2015 Tsüri.ch gegründet und vorangetrieben. Seit 2023 teilt er die Geschäftsleitung mit Elio und Nina. Sein Engagement für die Branche geht über die Stadtgrenze hinaus: Er ist Vize-Präsident des Verbands Medien mit Zukunft und Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) und macht sich dort für die Zukunft dieser Branche stark. Zudem ist er Vize-Präsident des Gönnervereins für den Presserat und Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. 2024 wurde er zum Lokaljournalist des Jahres gewählt.