Gestutzte Türme: Zürcher Gemeinderat zerpflückt Odermatts Hochhaus-Pläne
Hochbauvorsteher André Odermatt wollte die Zürcher Skyline neu ordnen, doch das Stadtparlament durchkreuzte seine Pläne. Weniger Zonen, mehr Regeln für bezahlbaren Wohnraum und mittendrin ein frustrierter Stadtrat. Nun droht das Referendum.
Als «den letzten grossen Scherbenhaufen» dieser Legislatur bezeichnete ein bürgerlicher Gemeinderat die Hochhausrichtlinie bereits vor der Sitzung. Es ist zumindest auch eine Schmach für den scheidenden Stadtrat André Odermatt (SP), der am Mittwoch sogar von seiner eigenen Partei im Stich gelassen wurde. Von seinem Plan, die Gebiete für Türme neu zu ordnen, blieb nach einer dreieinhalbstündigen Debatte und 21 Änderungsanträgen kaum mehr etwas übrig.
Traum vom Turm wird zum bürokratischen Hindernislauf
Eigentlich wollte der Stadtrat mit der Teilrevision der Bau- und Zonenordnung (BZO) klare Verhältnisse schaffen. Es ging um Gebäude über 25 Meter und die Einteilung der Stadt in drei Zonen mit 40, 60 und 80 Metern Maximalhöhe. Die bisherigen Richtlinien von 2001 stammen aus einer Zeit, in der Begriffe wie «Klimakrise» oder «Verdrängung» in der Stadtplanung noch kaum eine Rolle spielten.
Doch der Gemeinderat zog am Mittwoch stark an der Bremse. Besonders die geplanten 40-Meter-Zonen in Altstetten und Zürich Nord wurden fast vollständig gestrichen. Die Angst vor der Verdrängung ist im Rat grösser als die Lust auf eine neue Skyline.
«Hochhäuser gelten für uns als ein Mahnmal dafür, wem unsere Stadt gehört», betonte Karen Hug (AL) während der Debatte. Sie helfen ihrer Meinung nach nicht gegen die Wohnungsnot, sondern machen den Boden noch teurer. Reto Brüesch (SVP) pflichtete ihr bei: «Hochhäuser werden am Ende teurer für die Mietenden. Wer behauptet, damit entstünde günstiger Wohnraum, erzählt ein Märchen.»
Kahlschlag in den Quartieren
Die Mehrheit im Rat folgte dieser Logik: Wo Türme wachsen, steigen die Mieten und der Druck auf bestehende Nachbarschaften. In Schwamendingen wurde das geplante 60-Meter-Gebiet auf 40 Meter gestutzt. Im Kreis 5 traf es die 80-Meter-Zone – auch hier darf künftig nur noch bis 40 Meter gebaut werden. Brigitte Fürer (Grüne) bezeichnete die Vorlage als «Kompromiss», warnte aber davor, dass ohne neue Regeln ein «Stoppelfeld» ohne Gewinn für die Quartiere entstehe.
Doch es ging nicht nur um die Höhe, sondern um das «Was» im Turm. Ein Schlag gegen die Immobilien-Investor:innen war die Annahme von Änderungsantrag 12: Wird ein Hochhaus via Gestaltungsplan bewilligt, muss die gesamte Mehrausnützung mit preisgünstigem Wohnraum belegt werden. Das ist eine massive Verschärfung gegenüber dem ursprünglichen Entwurf. Zudem müssen künftig zwei Prozent der Bruttogeschossfläche für Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss oder in anderen Etagen reserviert werden – ausgenommen sind rein gewerblich genutzte Türme.
Ein Stadtrat im Regen
Stadtrat André Odermatt (SP) wirkte sichtlich konsterniert. Sein «kongruentes System», das er in jahrelanger Arbeit mit Fachleuten erarbeitet habe, zerbröselte vor seinen Augen. Er betonte zwar, dass ein Hochhaus kein direktes Mittel zur Verdichtung sei – da die Ausnutzungsziffer gleich bleibe –, aber in Einzelfällen zu besseren städtebaulichen Lösungen führe. «Die Stadtratsvorlage wird verzerrt», so Odermatt enttäuscht. Die Chance, niedrige Hochhäuser als Instrument der Innenverdichtung zu nutzen, sei vergeben worden.
Auch die hochhausliebende Seite schäumte und kritisierte die Änderungsanträge von links und rechts. Nicolas Cavalli (GLP) sprach von einer «Verschlimmbesserung» und einer «Verteufelung des Hochhauses». Er forderte den Stadtrat sogar auf, die Vorlage ganz zurückzuziehen. Für Flurin Capaul (FDP) ist das Resultat schlicht eine «Hochhausverhinderungsrichtlinie». Er kündigte noch am Abend das Referendum an – die GLP werde dieses unterstützen.
Zürich wird wohl vorerst keine Metropole der Türme. Die neuen Hürden sind hoch: Wer über 60 Meter bauen will, muss zwingend ein Konkurrenzverfahren durchführen. Und ab einer Höhe von 60 Metern redet künftig der Gemeinderat via Gestaltungsplanpflicht direkt bei jedem Projekt mit.
Zusätzlich müssen die Gebäude strenge ökologische Standards erfüllen und Grenzwerte für indirekte CO2-Emissionen von Baumaterialien einhalten.
Für die Stadtzürcher:innen bedeutet das vor allem: Die Debatte um den Wohnraum wird nicht am Reissbrett, sondern wohl bald an der Urne entschieden. Das letzte Wort zu den Türmen ist noch lange nicht gesprochen.
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An der Universität Zürich hat Simon Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Nach einem Praktikum bei Watson machte er sich selbstständig und hat zusammen mit einer Gruppe von motivierten Journalist:innen 2015 Tsüri.ch gegründet und vorangetrieben. Seit 2023 teilt er die Geschäftsleitung mit Elio und Nina. Sein Engagement für die Branche geht über die Stadtgrenze hinaus: Er ist Vize-Präsident des Verbands Medien mit Zukunft und Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) und macht sich dort für die Zukunft dieser Branche stark. Zudem ist er Vize-Präsident des Gönnervereins für den Presserat und Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. 2024 wurde er zum Lokaljournalist des Jahres gewählt.