Von allen Stadtratskandidat:innen besitzen nur Leupi und Rykart Wohneigentum
Die grosse Mehrheit der Zürcher:innen lebt zur Miete. Unter den Kandidat:innen für den Stadtrat ist Wohneigentum ebenfalls die Ausnahme. Ausgerechnet zwei linke Politiker:innen besitzen Wohnungen. Ist das ein Widerspruch zur Wohnpolitik der Partei?
Zürich ist eine Stadt der Mieter:innen. Rund 92 Prozent der Haushalte sind Mietwohnungen, lediglich 8 Prozent sind bewohntes Eigentum.
Wie sieht es bei den Kandidat:innen für die höchsten Zürcher Ämter aus? Sind die Stadtratskandidat:innen eine abgehobene Klasse, die in der eigenen Villa wohnt, während wir alle monatlich zu hohe Mieten hinblättern?
Eine Recherche von Tsüri.ch und dem WAV Recherchekollektiv zeigt: Fast alle Stadtratskandidierenden wohnen zur Miete – mit wenigen Ausnahmen.
Zur Miete wohnen Tobias Langenegger, Céline Widmer, Simone Brander, Ueli Bamert, Andreas Hauri, Serap Kahriman, Karin Weyermann, Përparim Avdili, Michael Baumer, Marita Verbali und Tanja Maag.
SP-Anwärter fürs Stadtpräsidium Raphael Golta, der Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli und die EVP-Kandidatin Sandra Gallizzi wohnen in Wohnungen, die ihren jeweiligen Partner:innen gehören.
Lediglich Karin Rykart und Daniel Leupi – beide Grüne – besitzen selber Wohneigentum in der Stadt Zürich.
Rykart bestätigt auf Anfrage, dass sie eine Wohnung im Kreis 9 besitzt. «Wir haben jahrzehntelang als Familie in einer Genossenschaftswohnung gewohnt», sagt die aktuelle Sicherheitsvorsteherin. Mit dem Auszug der Kinder habe man sich entschieden, etwas Neues zu suchen. Wie 12’439 Zürcher:innen lebt sie heute im Stockwerkeigentum.
Auch Leupi besitzt mit seiner Ex-Frau ein Mehrfamilienhaus im Kreis 2. Gemäss eigenen Angaben bewohnt er eine der vier Wohnungen und bezahlt dafür Miete. Zwei weitere Wohnungen sind vermietet.
Nach negativen Erfahrungen mit Vermietern hätten sie sich auf die Suche nach Wohneigentum gemacht. «Wir wollten ein Stück Garten, wo wir für unsere Kinder Trampolin, Sandkasten, Wasserspiele und eine Baumhütte ohne grosse Diskussionen mit der Vermietung installieren konnten.»
Widerspruch zur eigenen Politik?
Ist es widersprüchlich, sich für bezahlbaren Wohnraum einzusetzen und zugleich Wohneigentum zu besitzen oder Wohnungen zu vermieten?
Nein, sagt Eva Schumacher, Geschäftsleiterin von Casafair Zürich: «Wenn Private nach fairen Grundsätzen vermieten, ist das besser als etwa bei rein renditeorientierten Immobilienkonzernen.»
Grundsätzlich ist es aus ihrer Sicht wünschenswert, wenn mehr Menschen ihren Wohnraum besitzen – «beispielsweise auch als Genossenschafter:in».
Auch Daniel Leupi sieht darin keinen Widerspruch. Er sagt, er und seine damalige Frau hätten das damals 70 Jahre alte Haus in den 2000er-Jahren gekauft und zwischen 2009 und 2011 im Bestand energetisch saniert und verdichtet. «Ich rede nicht von grünen Zielen. Ich handle danach», so der Stadtrat.
Die Mietzinse seien so festgelegt worden, dass sie im Bereich der Kostenmiete lägen. Bei Mieterwechseln habe man nie eine Erhöhung nach Orts- und Quartierüblichkeit vorgenommen, sondern die Mietzinse nur entsprechend dem Referenzzinssatz angepasst.
Wohnpolitisch habe er sich bei relevanten Vorlagen «fast immer anders positioniert als beispielsweise der HEV», etwa beim Eigenmietwert. Die Grundbuch-Recherche wurde finanziell unterstützt vom LokalHub, investigativ.ch: Recherche-Fonds der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung sowie von JournaFONDS.
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Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.