Nach Angriff auf Politiker

Anfeindungen im Wahlkampf: «Gehässigkeiten werden zunehmend zur Normalität»

Ein SVP-Politiker wird auf offener Strasse tätlich angegriffen, das Zuhause eines SP-Politikers mit Eiern beworfen. Im Zürcher Wahlkampf haben sich die Anfeindungen gehäuft. Politologin Sarah Bütikofer ordnet ein.

Albisriederplatz
Am Albisriederplatz soll es zur Attacke gekommen sein. Am Mittwoch verurteilten alle Parteien im Gemeinderat den Vorfall. (Bild: Anna Shao)

Im laufenden Wahlkampf lässt sich eine Häufung von Anfeindungen gegen Politiker:innen feststellen.

Am Albisriederplatz wurde jüngst ein SVP-Politiker tätlich angegriffen. Wie die SVP Stadt Zürich mitteilt, sei der Politiker am Samstagabend von einer Gruppe Jugendlicher erkannt, beschimpft und mit Gegenständen beworfen worden, bevor er eine Ohrfeige abbekam.

Wenige Wochen zuvor wurde das Küchenfenster von Jascha Harke mit Eiern beworfen. Harke kandidiert für die SP im Kreis 10.

Zudem verübten Unbekannte Farbanschläge auf die Hauseingänge zweier SVP-Vertreter im Kreis 3, störten wiederholt Standaktionen oder beschmierten Wahlplakate von fast allen Parteien.

Wie lässt sich diese Entwicklung einordnen?

Zahl der Anfeindungen steigt

Eine erste Orientierung bieten Zahlen der Stadtpolizei Zürich. Sie erfasst gemeldete Gewaltakte und Drohungen gegenüber Behörden und Beamt:innen – eine Kategorie, unter die auch amtierende Politiker:innen fallen.

Die Daten zeigen, dass seit 2019 die Zahl der registrierten Fälle leicht angestiegen ist, von 340 Meldungen auf 374 im Jahr 2024. Für das vergangene Jahr sind die Zahlen noch nicht veröffentlicht; auch zum aktuellen Wahlkampf liegen noch keine spezifischen Erhebungen vor.

Weiter hilft auch eine Studie der Universität Zürich vom Oktober 2025, die im Auftrag des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements durchgeführt wurde. Befragt wurden 3500 Parlamentsmitglieder auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene zu ihren Erfahrungen mit Anfeindungen.

«Wenn die politische Elite bestimmte Personen oder Gruppen anfeindet oder diskreditiert, schafft sie Anreize zur Nachahmung.»

Sarah Bütikofer, Politologin

Die Ergebnisse zeigen: Auf kommunaler Ebene wurde im Schnitt rund die Hälfte der Politiker:innen bereits Opfer von Anfeindungen, auf kantonaler Ebene sind es drei Viertel. Sarah Bütikofer, Politologin und Mitautorin der Studie, sagt auf Anfrage, Städte wie Zürich seien aufgrund ihrer Grösse ein Sonderfall im Vergleich zu kleineren Gemeinden.

«Hier bewegt man sich anonymer. Es ist nicht wie in einem Dorf, wo man viele Politiker:innen persönlich kennt», sagt Bütikofer. Das wirke sich auch auf die Zahl und Form der Anfeindungen aus. Es seien mehr als in kleinen Gemeinden und sie erfolgten häufiger über Online-Kanäle. 

Ob es aber in diesem Wahlkampf in Zürich speziell viele Vorfälle waren, sei schwer zu sagen. Bislang fehle es generell noch an Langzeituntersuchungen.

Rechte Politiker:innen stärker von physischer Gewalt betroffen

Klare Muster zeigen sich bei der Frage, wer ins Visier gerät. Eine Untersuchung des Zentrums für Demokratie Aarau aus dem Jahr 2024 belegt, dass Gewalt gegen Politiker:innen oder ihr Eigentum in Deutschschweizer Städten überdurchschnittlich verbreitet ist. 

Dabei wird eine spezifische Verteilung der Aggression sichtbar, die sich mit den Ergebnissen einer Studie der Universität Zürich deckt: Frauen und Angehörige von Minderheiten sind besonders häufig Ziel von Hassrede und verbaler Gewalt, während politisch rechts positionierte Personen häufiger von Drohungen, tätlichen Angriffen oder Vandalismus betroffen sind. Insgesamt werden zudem vermehrt Vertreter:innen der Polparteien, spezifisch der SVP und der Grünen angefeindet.

Dabei mahnt Sarah Bütikofer zur Differenzierung: «Es kommt stark auf den politischen Kontext an.» In der Stadt Zürich befinde sich die SVP in einer Minderheitenposition. In solchen Konstellationen steige die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter den rein zahlenmässig vielen politischen Gegner:innen auch gewaltbereite Personen fänden. Umgekehrt lasse sich Ähnliches in konservativ geprägten Gemeinden beobachten, wenn dort linke Politiker:innen pointiert auftreten.

Verhalten der politischen Elite ist entscheidend

Entscheidend sei zudem das Verhalten der politischen Akteur:innen selbst. «Wenn die politische Elite bestimmte Personen oder Gruppen anfeindet oder diskreditiert, schafft sie Anreize zur Nachahmung.»

Nicht zu unterschätzen sei auch der internationale Kontext. «In einem Umfeld, in dem Gehässigkeiten zur Normalität werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Anfeindungen auch im Lokalen zunehmen», sagt Bütikofer. Umso wichtiger sei es, dass sich Politiker:innen in wichtigen Ämtern auch klar dagegen positionierten.

So geschehen in Zürich. Am Mittwoch verurteilten sämtliche Parteien des Gemeinderats sowie der Stadtrat die Attacke auf den SVP-Politiker. Bereits einen Tag zuvor hatten sich der Stadtrat sowie die SP Stadt Zürich über Mitteilungen distanziert.

«Es ist für eine Demokratie elementar, dass die politische Diskussion stattfinden kann, ohne dass Plakate heruntergerissen, die Wohnungen von Kandidierenden mit Eiern beworfen oder gar Kandidierende auf offener Strasse angegriffen werden», lässt sich Oliver Heimgartner, Präsident der SP Stadt Zürich, zitieren.

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