Wahlen 2026

Warum Raphael Golta (SP) als Stadtpräsident verschenkt ist

Raphael Golta (SP) will gestalten – doch als Stadtpräsident dürfte er vor allem Hände schütteln. Sein politischer Drive prallt auf ein Amt, das mehr repräsentiert als regiert. Zürich droht, seine stärkste linke Kraft zum Gruss-Onkel zu degradieren. Ein Kommentar.

Raphael Golta SP
Wer etwas verändern will, muss nicht Stadtpräsident:in werden. (Bild: Simon Jacoby)

Die Zeichen für Raphael Golta (SP) stehen gut, der Nachfolger von Corine Mauch (SP) und damit neuer Stadtpräsident zu werden. Doch er ist zu energisch für dieses Amt und das wird im Wahlkampf deutlich.

Wer den aktuellen Sozialvorsteher beobachtet, sei es im Parlament oder bei den zahlreichen öffentlichen Anlässen, merkt: Dieser Politiker will etwas verändern und hat einen Plan. Mit sichtbarer Lust zeigt er sich in politischen Debatten auf Podien, in Interviews und Streitgesprächen gegen seine Kontrahent:innen sowie im Gemeinderat, wo er die Seite des Stadtrats vertritt.

Er verfolgt konkrete Ansätze – dabei schiesst er auch mal über das Ziel hinaus und wird von Bürgerlichen als Provinzialfürst kritisiert.

Auch bei Themen ausserhalb seines Departements hält der SP-Politiker mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Während sich die aktuelle Stadtpräsidentin beim Thema Wohnen und Verdrängung zumindest rhetorisch vornehm zurückgehalten hat, geht Golta in die Offensive, benennt das Problem und will es anpacken. 

Aber: Wer in der Politik etwas verändern will, wird nicht Stadtpräsident:in. Im Präsidialdepartement ist der Handlungsspielraum stark eingeschränkt. Der Fokus liegt auf der Repräsentation der Stadt nach aussen. Innerhalb der Regierung ist der Stapi nicht der Provinzialfürst, sondern koordiniert die Kräfte innerhalb des Gremiums. 

Zwar können Stadtpräsident:innen gewisse Weichen stellen – beispielsweise bei Kultur- oder Gleichstellungsthemen –, doch entschieden wird in den Departementen. So beschäftigt sich auch das Präsidialdepartement mit der Wohnkrise – die Investitionsentscheide tätigt jedoch das Finanzdepartement und das Bauen ist Aufgabe des Hochbaudepartements.

Als Stadtpräsident wäre der Drive von Golta verschenkt. Er wäre lediglich das Maskottchen von Zürich.

Viel besser wäre, der SP-Politiker würde ein anderes Departement übernehmen. Oder gleich ganz das Amt wechseln. Wie wäre es als Zürcher Ständerat, wenn Daniel Jositsch zurücktritt? Oder als neuer Regierungsrat und Nachfolger von Jacqueline Fehr? Die kantonale SP könnte sein Engagement gebrauchen. 

Soweit wird es aber kaum kommen. Die Wahlchancen von Golta für das Stadtpräsidium stehen sehr gut. Die Frage ist einzig, ob er bereits im ersten Wahlgang durchkommt. Doch ist die Wahl der beste Ausgang für das linke Zürich? Denn durch Teilnahmen an repräsentativen Apéros wird die Stadt nicht sozialer und inklusiver.

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simon

An der Universität Zürich hat Simon Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Nach einem Praktikum bei Watson machte er sich selbstständig und hat zusammen mit einer Gruppe von motivierten Journalist:innen 2015 Tsüri.ch gegründet und vorangetrieben. Seit 2023 teilt er die Geschäftsleitung mit Elio und Nina. Sein Engagement für die Branche geht über die Stadtgrenze hinaus: Er ist Vize-Präsident des Verbands Medien mit Zukunft und Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) und macht sich dort für die Zukunft dieser Branche stark. Zudem ist er Vize-Präsident des Gönnervereins für den Presserat und Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. 2024 wurde er zum Lokaljournalist des Jahres gewählt.

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