Kevin Rauch (SP): «Menschen mit Behinderung möchten und müssen mitreden»
Erstmals kandidiert in Zürich eine Person mit kognitiver Behinderung für den Gemeinderat. Im Interview spricht Kevin Rauch über Hürden der politischen Teilhabe und deren Folgen für den Alltag von Menschen mit ähnlichen Voraussetzungen.
Minea Pejakovic: Seit Januar 2024 sind Sie Vorstandsmitglied und Inklusionsbeauftragter der SP Kreis 9. Nun kandidieren Sie als erste Person mit einer kognitiven Behinderung für den Zürcher Gemeinderat. Was hat Sie persönlich dazu motiviert, diesen Schritt zu wagen?
Kevin Rauch: Ich habe mich schon immer für politische Themen interessiert. Aber durch meine Behinderung dachte ich lange, dass ich mich persönlich niemals einbringen können würde. Als Islam Alijaj (SP) aber 2023 in den Nationalrat gewählt wurde, habe ich mir gesagt, wenn er das schafft, dann schaffe ich das auch.
Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie Ihre Kandidatur verkündet haben?
Alle haben sich sehr gefreut. Mein Umfeld steht hinter mir und begleitet mich auch im Wahlkampf. Besonders wichtig ist für mich die Unterstützung meiner Partnerin, die mir sehr viel Kraft gibt.
Auf Ihrem politischen Weg spielte das Tandem mit der Inklusionsaktivistin Lea Sandoz-Mey eine wichtige Rolle. Heute ist sie Ihre Wahlkampfleiterin. Wie hat Sie diese Zusammenarbeit vorangebracht?
Nachdem ich mich entschieden habe, politisch aktiv zu werden, hat mir Lea zunächst die politischen Strukturen erklärt. Gemeinsam haben wir uns alle Parteien angeschaut, damit ich herausfinden konnte, welche am besten zu meinen Interessen und Werten passt.
Schliesslich habe ich mich für die SP entschieden. Sie setzt sich aktiv für Inklusion ein und fördert gezielt den Einstieg von Menschen mit Behinderungen in die Politik. Das hat mich sehr angesprochen. Lea hat mich dann ein Jahr lang als politisches Tandem begleitet, um mir den Start in die Politik zu erleichtern. Eine solche Unterstützung ist sehr wichtig, wenn sich Menschen mit Behinderung politisch engagieren möchten. Seit 2024 habe ich jedoch keine Tandem mehr, sondern eine politische Assistenz.
Würde Ihnen die politische Assistenz auch im Gemeinderat beistehen?
Ja, genau. Ich persönlich habe Mühe mit langen und komplizierten Sätzen. Wenn ich also etwas nicht ganz verstehe, steht mir die Assistenz in den Sitzungen bei. Auch bei der Erarbeitung von Vorstössen würde sie mir helfen.
Warum möchten Sie in den Gemeinderat?
Ich möchte, dass der Gemeinderat inklusiver wird. Er soll die gesamte städtische Bevölkerung repräsentieren. Im Moment sitzen jedoch keine Menschen mit Behinderung im Rat. Das vermittelt uns das Gefühl, keinen Platz in der Gesellschaft zu haben.
«Es braucht mehr Wohnraum, der wirklich behindertengerecht gebaut ist und in dem wir selbstständig leben können.»
Kevin Rauch, SP-Gemeinderatskandidat
Dabei werden politische Entscheidungen getroffen, die uns direkt betreffen. Menschen ohne Behinderung wissen jedoch häufig nicht, wo wir im Alltag an Grenzen stossen und wo es in der Stadt Verbesserungen braucht. Diese Perspektive kann man kaum nachvollziehen, wenn man die Hürden nicht selbst erlebt. Deshalb darf Politik nicht über unsere Köpfe hinweg gemacht werden. Wir möchten und müssen mitreden.
Laut dem Sorgenbarometer 2025 gehört das Thema Wohnen zu den grössten Sorgen der städtischen Bevölkerung. Welche Schwierigkeiten erleben Menschen mit Behinderung auf dem Wohnungsmarkt?
In der Stadt braucht es deutlich mehr bezahlbaren Wohnraum. Für mich geht es aber auch darum, dass Menschen mit Behinderungen beim Bau von Wohnungen von Anfang an berücksichtigt werden. Es braucht mehr Wohnraum, der wirklich behindertengerecht gebaut ist und in dem wir selbstständig leben können.
Heute ist die Barrierefreiheit in vielen Wohnungen oft nur teilweise oder gar nicht umgesetzt. Das macht die ohnehin schon schwierige Wohnungssuche für Menschen mit Behinderungen noch mühsamer.
Ein weiteres Sorgenkind der Stadtzürcher:innen ist der Verkehr. Wo sehen Sie im Zürcher Verkehrssystem das grösste Verbesserungspotenzial für Menschen mit Behinderungen?
Im öffentlichen Verkehr gibt es nach wie vor viele Hürden. So sind nicht alle Tramhaltestellen hindernisfrei ausgebaut und nicht alle Trams vollständig barrierefrei zugänglich. Wenn man einen Termin hat und nicht einfach einsteigen kann, wird der Alltag schnell kompliziert.
Dann heisst es warten, ein anderes Tram nehmen und so Umwege in Kauf nehmen. Das ist ermüdend und zeigt, dass Menschen mit Behinderungen bis heute nicht den gleichen Zugang zur Mobilität haben.
«Sobald ich sage, dass ich eine Behinderung habe, zweifeln die meisten automatisch an meiner Qualifikation.»
Kevin Rauch, SP-Gemeinderatskandidat
Trotz aller Hindernisse: Gibt es Bereiche, in denen Sie schon Verbesserungen für Menschen mit einer Behinderung erkennen können?
Auf politischer Ebene hat sich in den letzten Jahren tatsächlich einiges bewegt. Ein wichtiger Schritt war etwa die UN-Behindertenrechtskonvention, die 2014 in der Schweiz in Kraft trat. Sie hält fest, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Rechte haben wie Menschen ohne Behinderung.
In meinem Alltag erlebe ich jedoch, dass diese Rechte oft nur auf dem Papier bestehen. Bei politischen oder behördlichen Anliegen bin ich auf Unterstützung angewiesen – doch genau diese Hilfe fehlt häufig oder ist schwer zugänglich. Der Fortschritt kommt deshalb nur schleppend voran. Zudem haben viele Menschen immer noch hartnäckige Vorurteile: Sobald ich sage, dass ich eine Behinderung habe, zweifeln die meisten automatisch an meiner Qualifikation. Das zeigt, wie viel sich in den Köpfen noch ändern muss.
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Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.