FDP-Kandidat im Porträt

Migrant und Mieter – Warum Përparim Avdili dennoch nicht links wurde

Përparim Avdili könnte das perfekte Aushängeschild der Linken sein: Einwandererkind, Arbeiterklasse, Mieter. Doch er will für die FDP Zürichs Stadtpräsident werden. Ein Porträt über einen Getriebenen, der gegen Klischees, politische Gegner:innen und die Skepsis in den eigenen Reihen kämpft.

Përparim Avdili
Përparim Avdili: «Ich bin ein normaler Typ aus Altstetten. Warum glaubt man mir das nicht?» (Bild: Tsüri.ch / Sophie Wagner)

«Ich kämpfe seit Jahren dafür, dass sich Secondos politisch stärker einbringen und für Ämter kandidieren – aber guten Gewissens empfehlen kann man es jungen Menschen mit meinem Hintergrund eigentlich nicht.»

Përparim Avdili, Kandidat der FDP für den Stadtrat und das Stadtpräsidium, wird immer wieder heftig angefeindet. Er habe sich zwar mittlerweile daran gewöhnt, doch der jüngste Angriff löst auch bei ihm Unbehagen aus: Der Chef der rechtsextremen Gruppe «Junge Tat» fordert unter dem Wahlkampf-Video von Avdili auf Instagram dessen Rückkehr in sein «Heimatland». 

Für Menschen mit Migrationshintergrund – Avdili ist zusammen mit seiner Familie als Einjähriger aus Nordmazedonien in die Schweiz gezogen – gehören solche Attacken zum Alltag. Im Herbst zündete die Weltwoche eine Petarde und schlug vor, Avdili solle seinen Vornamen von Përparim auf Peter ändern, wenn er eine Wahlchance haben will. 

Wird er gewählt, ist er der Held

Anfang März wählt Zürich das neue Parlament und den neuen Stadtrat. Përparim Avdili will für die FDP nicht nur in den Stadtrat, sondern auch der SP das Stadtpräsidium wegschnappen. Die Ausgangslage für die FDP ist heikel: Der bekannte Filippo Leutenegger tritt nicht mehr an, die Grünen treten mit dem prominenten Balthasar Glättli an und wollen der FDP den Sitz streitig machen. 

Dass die FDP mit Avdili nicht nur den zweiten Stadtratssitz neben Baumer halten, sondern gleich das Stadtpräsidium angreifen will, halten manche in der eigenen Fraktion für übermütig. Avdilis politisches Schicksal ist eng mit diesem Wahlausgang verknüpft: Verliert die FDP einen Sitz, ist er der Trottel. Wird er gewählt, ist er der Held.

Für dieses Porträt wurden mehrere Interviews geführt, mit Avdili selbst, aber auch mit Wegbegleiter:innen und Kenner:innen der Zürcher Politszene. Zwei Fragen stehen dabei im Zentrum: 

Warum kämpft der 38-Jährige im Gegenwind für einen Sitz im Zürcher Stadtrat? Und warum wird jemand mit seiner Biografie nicht links?

«Wir sind hier nur zu Gast»

Avdili sitzt im Café und schmunzelt zufrieden: «Hättest du nicht von mir gedacht, gell!» Er mag es, Erwartungen zu brechen, auch mit alltäglichen Dingen. Zum Beispiel, dass er im Sommer hauptsächlich frisches Gemüse aus dem Schrebergarten seiner Freundin isst. Avdili korrigiert sich sofort: «Partnerin». Freundin klinge, als wären sie noch 18-jährig. 

Im aufwendig produzierten Wahlkampfvideo sagt der Freisinnige, er sei nicht in der SP, weil er in keine Schublade passe und beobachte, dass vieles in der Stadt Zürich falsch laufe. Doch dies wirft vor allem Fragen auf.

Avdilis Vater hatte zuerst den Saisonnier-Status und war danach Lastwagenfahrer, die Mutter Putzfrau. Eigentlich das klassische Klientel der Sozialdemokratie. «Die Linken sagen, sie würden für Leute wie mich Politik machen», sagt er im Gespräch.

Seine Kindheit war geprägt von einer Atmosphäre der Vorsicht, der Zurückhaltung und dem Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. «Wir sind hier nur zu Gast», «Wir müssen uns unterordnen», habe sein Vater gesagt, und: «Macht ja keinen Fehler.»

Geschichte des Aufstiegs

Die linke Politik, so empfindet es Avdili, behandelt Einwanderer:innen oft wie schwache Wesen, denen man helfen muss. Genau diese Haltung triggert in ihm einen tiefen Widerstand. Avdili will nicht geholfen werden. Er lehnt die Opferrolle kategorisch ab. Die vorherige Generation habe vielleicht Unterstützung gebraucht, ja. Aber er selbst? Nein. 

«Ich bin ein normaler Typ aus Altstetten. Warum glaubt man mir das nicht?», fragt er fast gekränkt. Wenige Meter neben seinem heutigen Wohnort ist er aufgewachsen, fiel mit dem Velo hin, da drüben hatte er den ersten Kuss. Er will nicht der «Vorzeige-Migrant» sein, den die Linken betreuen, sondern der Beweis, dass das liberale Aufstiegsversprechen in der Schweiz funktioniert.

Seine politische Haltung entspringt seiner Biografie und den Erlebnissen seiner Eltern. Seine Familie ist vor einem autoritären, kommunistischen System im ehemaligen Jugoslawien geflohen. Die Skepsis gegenüber einem starken Staat, der den Menschen vorschreiben will, wie sie zu leben haben, sitzt tief. 

Avdili grenzt sich nicht nur nach links zur SP ab, sondern auch nach rechts zur SVP. Zu tief sitzt die Erinnerung an die Hetz-Kampagnen gegen die albanische Community, die er als Jugendlicher erlebte.

Der Treibstoff des Scheiterns

Es sind mehr als die politischen Überzeugungen, die Avdili motivieren. Die Antwort auf seinen Antrieb liegt in einer Niederlage, die ihm bis heute in den Knochen sitzt. An seinem 18. Geburtstag wurde sein Lehrvertrag aufgelöst. Weil die schulischen Leistungen nicht gestimmt haben und es für «einen Jungen mit meiner Herkunft kein guter Ort war».

Auf der Rückfahrt im Lastwagen sagte der Vater: nichts. 

Er wolle seinen Vater nie wieder derart enttäuschen, sagt Avdili. Er wollte es selbst schaffen, sich und den anderen beweisen, dass er es kann. Er hat erlebt, was auch viele andere Secondos erzählen: Wer einen anderen Namen hat, muss mehr leisten als die Müllers, Meiers und Hugentoblers.

Sind Sie stolz auf sich? «Ja, mega.»

Përparim Avdili, Kandidat der FDP für den Stadtrat und das Stadtpräsidium

Avdili trug Zeitungen aus, arbeitete bei einem Salatproduzenten im Kundendienst, schaffte es über einen Kollegen der Rekrutenschule zur Credit Suisse. Von dort ging es weiter zur UBS. Eine Anekdote, die er im Wahlkampf immer wieder erzählt, weil sie perfekt in sein Narrativ passt: Seine Mutter putzte als Reinigungskraft in denselben Büros der UBS, in denen er später Karriere machte. Heute ist er Finanzchef einer Berufsbildungsfirma. Es ist der «American Dream» auf Zürcherisch. 

Ob er auf seinen Weg stolz sei? Avdili huscht ein Lächeln übers Gesicht: «Ja, mega.» 

Keine Parteiprominenz

Szenenwechsel zum Wahlkampfauftakt im Club Mascotte am Bellevue. Die Musik wummert, Deep House, inszenierte Coolness liegt in der Luft. Der Slogan «Stapi für Zürich» flimmert über die Leinwände. Avdili läuft ein wie ein Boxer in den Ring, klatscht die erste Reihe ab, lässt sich feiern. 

«Ich steige in den Ring!», ruft er ins Mikrofon. Er wettert gegen die rot-grüne Wohnpolitik, fordert weniger Bürokratie, mehr Tech-Hub, mehr «grossen Wurf» für Zürich. Er inszeniert sich als König von Zürich, lässt sich zu den Klängen der Red Hot Chili Peppers beklatschen.

Doch der Blick ins Publikum verrät die Bredouille. Da sitzen seine stolzen Eltern, da sind Freund:innen aus der albanischen Community, da sind ein paar Kolleg:innen aus der FDP-Gemeinderatsfraktion. Aber die grosse FDP-Prominenz? Kein Andri Silberschmidt, kein Filippo Leutenegger, kein Matthias Müller, kein Michael Baumer. 

Eine Unterstützerin sagt ins Mikrofon, ein «gutaussehender Stapi würde Zürich guttun» – ein Moment, der einen peinlich berühren kann. Die Moderatorin versucht, Stimmung zu machen: «Wir sind temperamentvoller!», ruft sie in Anspielung auf ihren und Avdilis Migrationshintergrund.

Der Anlass im Mascotte ist der Startpunkt einer sehr langen Kampagne. Avdili ist viel unterwegs in diesem Wahlkampf. Lange, bevor die anderen Kandidierenden um die Gunst der Wähler:innen weibeln, führt Avdili Fundraisingevents durch, geht mit Unternehmer:innen Mittagessen, hängt Plakate auf und ist mit seinen Videos auf Social Media kaum zu übersehen.

Përparim Avdili
Avdili greift die Bequemlichkeit der mächtigen Sozialdemokratie an: die Selbstzufriedenheit. (Bild: Tsüri.ch / Sophie Wagner)

Eine solche Kampagne kostet eine gute Stange Geld. Wie viel genau, das will Avdili nicht sagen. Er sagt nur, man liege wohl beim Doppelten von Raphael Golta, der rund 80'000 Franken ausgibt. Allerdings beschäftige die SP auf ihrer Geschäftsstelle auch wesentlich mehr Campaigner als die FDP.  Avdili selbst steuert circa 30'000 Franken bei, der Rest stammt aus Spenden von Personen, die «an meinen Erfolg glauben».

Der Angriff auf das Paradies

Das Angebot von Avdili an die Wähler:innen von Zürich ist klassisch liberal: mehr bauen, um die Wohnkrise zu lösen, weniger Staat, mehr Freiheit. Die Marktwirtschaft ist für den FDPler vergleichbar mit der Gravitation – also ein Naturgesetz. 

Zürich müsse befreit werden von der rot-grünen Misswirtschaft. Doch seine Erzählung stösst auf den Widerstand der Realität. 

Zürich ist seit Jahren attraktiv, führt globale Rankings zur Lebensqualität an, lockt Tech-Firmen aus der ganzen Welt. Die Stadt ist reich, sauber, sicher. Warum sollte man in einem Paradies, in dem es der wohlhabenden Mehrheit gut geht, einen Politikwechsel hin zu mehr FDP wollen?

Avdili greift die Bequemlichkeit der mächtigen Sozialdemokratie an: die Selbstzufriedenheit. Er wettert gegen das Ende des «Züri Fäscht» als Symbol für eine Stadt, die sich vor lauter Regulierung den Spass am Leben verbietet. Er kritisiert, dass die linken Parteien immer mehr Geld ausgeben wollen, für dies und für jenes. Besonders für die teuren Landkäufe – «Damit gibt es keine einzige zusätzliche Wohnung».

Unbehagen am Zürichberg

Will Avdili gewählt werden, braucht er die bedingungslose Unterstützung von zwei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen: den klassischen FDP-Wählenden und der albanischen Community. Beim alten Freisinn vom Zürichberg gibt es durchaus Unbehagen gegenüber dem Stadtratskandidaten. Auch in der Gemeinderatsfraktion gab es Skepsis. Ein Mann aus Altstetten, der damit Werbung macht, dass er ein Mieter ist? Dazu der angriffige, fast übermütige Stil im Wahlkampf, der deutlich bricht mit der vornehmen Verschwiegenheit der feinen Gesellschaft. 

Avdili weiss, dass er zuweilen auf Skepsis stösst. Er wünscht sich Rückendeckung und Spenden aus den eigenen Reihen und ist sich sicher, dass sein Wahlkampf die Liberalen überzeugen wird. Tatsächlich, so hört man, seien die Zweifel geschmolzen, man merke, dass es Avdili ernst meine, der Erfolg liegt in der Luft.

«Wenn die Stadt Land kauft, gibt es keine einzige zusätzliche Wohnung.»

Përparim Avdili, Kandidat der FDP für den Stadtrat und das Stadtpräsidium

Dann die albanische Community. Avdili schätzt, dass 10’000 Personen mit albanischen Wurzeln in der Stadt Zürich wahlberechtigt sind. Die Hälfte davon will er für sich an die Urne mobilisieren. Gut vernetzt ist er ohnehin: Er hat die unternehmerische Community Swiss Albs gegründet, ist im FC Kosova aktiv und im Umfeld des Alba Festivals präsent. Zudem ist Avdili seit Monaten unterwegs: Er trifft sich mit Gewerbetreibenden zum Mittagessen und besucht dutzende albanischstämmige Haushalte in Zürich. 

Es ist das erste Mal, dass die albanische Community in Zürich einen der ihren in die Regierung wählen kann. Entsprechend gross sind die Hoffnungen in Avdili. Was, wenn er sie enttäuscht? Nur schon, dass er zur Wahl antrete, mache viele stolz, sagt er. Die Wahl wäre noch das Tüpfelchen auf dem I. 

Der «Gmögige» 

Die Wahlchancen von Avdili auf einen Sitz im Stadtrat sind derzeit durchaus intakt, auch wenn es eng werden dürfte. Dass der Herausforderer Raphael Golta im Rennen um das Stadtpräsidium überholt wird, ist quasi ausgeschlossen.

Avdili selbst ist überzeugt, dass es klappen kann. Sein Ziel: Mit einem guten Resultat in den Stadtrat und dann im zweiten Wahlgang ins Stadtpräsidium gewählt werden. 

Wer den Shootingstar des Zürcher Freisinns begleitet und beobachtet, merkt: Er kann es gut mit Menschen. «Gmögig» sei er, heisst es immer wieder, erfrischend, interessiert und: Er habe keine Züriberg-Allüren. Auch für dieses Porträt stellt er keine Bedingungen, antwortet auf alle Fragen, teilt seine Manuskripte, lädt den Journalisten zu einem Treffen mit den Wahlkampfstrategen ein. 

Dann gibt es die andere Seite, wenn die politische Debatte läuft, zum Beispiel im Stadtparlament. Eine andere Fassade zieht sich hoch, sie ist härter, undurchlässiger. Die Mimik strafft sich, der Körper geht leicht in Vorlage, die Nase hebt sich ein wenig an. Es ist die Haltung von jemandem, der es gewohnt ist, sich seinen Platz nicht geben zu lassen, sondern ihn sich zu nehmen.

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