Suche nach WG-Zimmer

Übernachten im Keller: So prekär ist die Situation für Zürcher Studierende

Ein Student schläft mehrere Monate lang im Keller von Bekannten, weil er kein WG-Zimmer findet. Die Tage verbringt er in öffentlichen Bibliotheken. Ein Extrembeispiel, das zeigt, wie prekär die Wohnsituation für Zürcher Studierende schon längst ist.

Haus + Keller Ansicht
Aus der WG musste er raus, zu den Eltern konnte er nicht. Als Ausweg blieb einem Studenten nur noch der Keller im Elternhaus einer Freundin (Symbolbild). (Bild: Unsplash/Labinot Dauti)

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zürcher Studierendenzeitung.

Durch das winzige Kellerfenster blickte er hinaus in den heissen Sommer. Unter der Erde war es für Julian (Name geändert) jedoch angenehm kühl. Er sass im Pyjama auf einer Matratze, die direkt auf dem nackten Boden lag. In der Hand hielt er seine Zahnbürste wie ein Relikt aus einem Leben, das vor Kurzem noch normal gewesen war. 

Er lauschte und wartete, bis die Schritte im Waschraum verhallten und die Person endlich weg war. Er wollte nur ans Waschbecken, sich die Zähne putzen. Aber niemand sollte ihn so sehen. Nicht im Pyjama, zwischen Skischuhen und Winterreifen. Nicht ohne Zuhause. Seit er aus seiner Wohnung raus musste, fühlte sich Julian wie ein Geist und wusste nicht, wohin mit sich. Möglichst unsichtbar wollte der damals 20-Jährige sich und seine Situation machen.

Nur mit wenigen Personen sprach er über seine Obdachlosigkeit. Inmitten von Examensstress und Abgabedruck im Jurastudium war es schlicht unmöglich, im Zürcher Wohnungschaos etwas zu finden, das sein schmales Budget nicht sprengte. Anfang Juni 2024 hatte er noch ein festes Dach über dem Kopf, am Ende des Monats stand er auf der Strasse. Ein Obdachloser mit Gesetzestexten im Rucksack.

Leben in der Öffentlichkeit

Zu den Eltern zurückzuziehen war für Julian keine Option. 2024 war das Jahr seines Coming-outs. Seine Mutter konnte nicht akzeptieren, dass er schwul ist. Es kam zum Streit und schliesslich zum Zerfall der Beziehung mit seiner Familie. «Es ist für alle besser, wenn ich ihnen fernbleibe», sagt Julian nüchtern. Er hatte keine familiäre Stütze mehr und, was fast noch schwerer wog, keinen Rückzugsort.

Das Privileg, nach einem langen Arbeitstag die Tür hinter sich zu schliessen, sich auf das eigene Bett zu werfen und einfach durchzuatmen, gab es nicht mehr. Jeder Moment seines Alltags war öffentlich oder geliehen.

Das Geld reichte für Sandwiches aus der Migros. Die Tage verbrachte Julian in der öffentlichen Bibliothek – die Bibliothekar:innen kannten ihn mittlerweile. Dort sah er Filme auf dem Laptop oder scrollte auf dem Handy, auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Doch so sehr er suchte, er fand nichts. Die Wohnungsnot in Zürich, kombiniert mit seinen begrenzten finanziellen Möglichkeiten, machte es besonders schwierig. Sein Jurastudium erlaubte ihm nicht, mehr als 20 Prozent zu arbeiten. Kurzfristig konnte er sich nichts leisten, und etwas Dauerhaftes zu finden, schien fast unmöglich.

«Es ist okay, Hilfe anzunehmen»

Eine Freundin in seiner Heimatstadt bot ihm den Keller im Elternhaus an. In Zürich selbst traute er sich nicht, jemanden zu fragen. Die Scham überwog. Und so verbrachte er fast den ganzen Sommer unter der Erde. Wenn die Familie wach war, durfte er in die Wohnung und die Toilette benutzen. Schliefen sie, blieb der Weg nach oben versperrt. Dann wartete er bis zum Morgengrauen. Für ein schnelles Zähneputzen nutzte er das Waschbecken im Waschraum nebenan.

«Jeder hatte das Bedürfnis, mir einen Rettungsring zuzuwerfen, nur weil man mich im Wasser sah.»

Julian (Name geändert)

Obwohl die Eltern der Freundin warmherzig waren und ihn zum Essen einluden, fühlte er sich unwohl. Mit jedem Bissen wuchs in seinem Kopf die Schuld ihnen gegenüber. Er schämte sich für seine Bedürftigkeit. Rückblickend weiss er, dass diese Scham nicht nötig gewesen wäre. «Es ist okay, Hilfe anzunehmen», sagt er, eher zu sich selbst.

Er wollte nicht bemitleidet werden. Nicht, dass man ihn anders ansieht. «Jede:r hatte das Bedürfnis, mir einen Rettungsring zuzuwerfen, nur weil man mich im Wasser sah», erinnert er sich. Als er von seiner Obdachlosigkeit erzählte, kamen Angebote für Betten und Links zu Wohnungsinseraten. Heute wünscht er sich teilweise, er hätte mehr Hilfe angenommen. Gleichzeitig schreckten ihn die gut gemeinten Tipps ab. Er zog sich zurück. Ein Paradox, das ihn bis heute beschäftigt.

Ein politisches Versagen

Für Julian fühlte es sich oft so an, als wolle man ein strukturelles Problem der Stadt Zürich nicht anerkennen und stattdessen auf ihn als Einzelnen abwälzen. Als sei es seine Schuld, dass er nichts fand. «Es ist ein politisches Versagen», sagt er. Dass solche Situationen als individuell beschämend wahrgenommen werden, sei Teil des Problems.

Auf seinem Handy erscheint eine automatisch erstellte Diashow aus den Snapchat-Memories: der kalte Keller, die warme Bibliothek, die Matratze auf dem Boden, unterlegt mit sommerlichen Beats. Eine Zeit, auf die er nur ungern zurückblickt.

Ganz verarbeitet hat er die Erfahrung nicht. Für den Moment hat er sie tief in seinen Erinnerungen vergraben. Das Leben aus wenigen Taschen. Das Gefühl, aus dem Loch unter der Erde nicht mehr herauszukommen.

Die Wende kam Mitte September, pünktlich zum Semesterstart. Wie so oft in Zürich entschied der Zufall. Auf einer Feier hörte er von einem freien Zimmer im Kreis 4. Jemand kannte jemanden. Plötzlich war der Fiebertraum vorbei. Von einem Moment auf den anderen hatte Julian wieder einen eigenen Raum, fast so schnell, wie er ihn verloren hatte.

Er lernte Dinge wertzuschätzen, die er zuvor für selbstverständlich hielt: ein Fenster, ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bett. Sein jetziger Mitbewohner war der Erste, der einfach zuhörte, ohne sofort eine Lösung oder Mitleid parat zu haben. «Als ich ihm vom winzigen Fenster im Keller erzählte, fragte er geschockt, worauf ich warte. Ich solle unser Fenster umarmen.»

Julian lächelt, wenn er an diesen bittersüssen Moment denkt. Sein Mitbewohner erkannte seine Geschichte an. Das war alles, was er brauchte. Kein Mitleid. Kein Sonderstatus. Sondern Sichtbarkeit für ein Problem, das mehr Menschen betrifft, als man denkt.

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