Bettina Balmer: «Viele Frauen haben keinen Anreiz zu arbeiten»
Die Individualbesteuerung ist für FDP-Nationalrätin Bettina Balmer mehr als ein steuerpolitisches Projekt. Politisiert durch Gleichstellungsthemen, setzt sie sich seit Jahren für die Abschaffung der Heiratsstrafe ein.
Samstagmorgen am Kreuzplatz: Das Gesicht von Raphael Golta wird auf einem Velo durch die Strassen gezogen. FDP-Stadtrat Michael Baumer erklärt einer verwirrten Passantin, welches Tram sie nehmen muss. Und Bettina Balmer hält Ausschau nach heiratswilligen Pärchen, die sie auf ihre politische Seite ziehen kann. Der Wahl- und Abstimmungskampf ist an diesem Morgen allgegenwärtig.
Die Station im Kreis 7 ist für FDP-Nationalrätin Bettina Balmer quasi ein Heimspiel. Hier zählt die FDP die meisten Wähler:innen und Balmer selbst lebt mit ihrer Familie im angrenzenden Fluntern. Die Nationalrätin tourt aktuell durch die ganze Schweiz und kämpft für die Individualbesteuerung und gegen die Heiratsstrafe.
Ihre eigene Ehe ist mit ein Grund für ihren Eifer. «Ich finde Heiraten etwas Schönes», sagt Balmer. Seit 34 Jahren sei sie verheiratet und sie würde ihren Mann «fast an jedem Tag» wieder heiraten. Doch einen Haken habe das Heiraten noch immer.
Obwohl das Bundesgericht bereits 1984 festhielt, dass die Heiratsstrafe verfassungswidrig sei, werden bis heute verheiratete Paare gegenüber unverheirateten Paaren bei der Bundessteuer benachteiligt.
«Wir sind nicht einfach ein Anhängsel auf der Steuerrechnung des Mannes.»
Bettina Balmer, FDP-Nationalrätin
Die Kinderchirurgin Bettina Balmer und ihr Mann – ebenfalls Arzt – zahlen jährlich deutlich mehr Steuern, als wenn sie nicht verheiratet wären.
Doch nicht aus eigener Betroffenheit kämpft Balmer an vorderster Front für die Individualbesteuerung. Denn bis zu einer allfälligen Umsetzung in sechs Jahren wird sie selbst in Rente gehen. Für die FDP-Politikerin geht es im Kern um die Gleichstellung von Mann und Frau. «Wir sind nicht einfach ein Anhängsel auf der Steuerrechnung des Mannes», so Balmer.
Es gebe heute so viele gut ausgebildete Frauen wie noch nie. «Und die sollen zu Hause bleiben, weil sich Arbeiten finanziell nicht lohnt?»
Forderung nach separaten Steuerrechnungen
Die Volksinitiative für die Individualbesteuerung ist ein Kernanliegen der FDP-Frauen und ihrer Präsidentin Bettina Balmer. Die im Jahre 2020 lancierte Initiative verlangt, dass Ehepaare zukünftig separat besteuert werden.
Heute lohnt es sich für verheiratete Paare am meisten, wenn nur ein Teil Vollzeit arbeitet und der andere zu Hause bleibt – überwiegend Frauen, die unbezahlte Sorgearbeit verrichten. Wenn sich eine Frau nach der Geburt eines Kindes dazu entscheidet, einen Tag in der Woche zu arbeiten, wird ihr Lohn faktisch auf den des Mannes addiert und stärker besteuert.
Grund dafür ist die Steuerprogression. Diese sorgt dafür, dass man prozentual umso mehr abliefern muss, je mehr man verdient. Da Ehepaare gemeinsam besteuert werden, fallen sie aufgrund der Steuerprogression schnell in eine höhere Steuerklasse.
Mit den zusätzlichen Betreuungskosten kann es sein, dass das Ehepaar am Schluss mit weniger Geld dasteht, als wenn jemand zu Hause bei den Kindern geblieben wäre.
Im Juni 2025 einigten sich National- und Ständerat auf einen Gegenvorschlag zur FDP-Initiative. Daraufhin ergriffen die Mitte und EVP zusammen mit SVP und EDU das Referendum. Deswegen entscheidet die Stimmbevölkerung am 8. März über die Vorlage zur Individualbesteuerung.
Bei einer Annahme der Individualbesteuerung müssten künftig alle steuerpflichtigen Personen eine eigene Steuererklärung einreichen. Gemäss dem Steuerrechner des Ja-Komitees würde ein Ehepaar mit zwei Kindern und 180’000 Franken Bruttoeinkommen bei gleichmässiger Einkommensaufteilung bei der direkten Bundessteuer rund 1’850 Franken sparen.
Mehrheit der Steuerpflichtigen würde profitieren
Wie viel ein Ehepaar bei der Annahme der Vorlage spart, hängt jedoch von der Höhe und der Differenz der Einkommen und der Anzahl Kinder ab. Gemäss Bund würden 50 Prozent der Steuerpflichtigen profitieren. Bei 36 Prozent würde sich nichts ändern. 14 Prozent der Paare müssten mehr Steuern bezahlen.
Laut Balmer betreffe es dabei Paare mit einem sehr hohen Einkommen und bei denen nur eine Person erwerbstätig ist. Nur gerade drei Prozent der Familien lebten heute noch so. Wenn diese Paare nun nicht mehr vom Einverdienerbonus profitieren würden und etwas mehr zahlen müssten, sei das in Ordnung, so Balmer.
Da ein Grossteil der Bevölkerung von einer tieferen Steuerlast profitiert, führt die Individualbesteuerung zwangsläufig zu weniger Steuereinnahmen. Es wird mit jährlichen Ausfällen von 630 Millionen Franken gerechnet.
Balmer argumentiert, die tiefere Steuerlast motiviere Frauen, mehr Erwerbsarbeit zu leisten, was wiederum zu mehr Steuereinnahmen führen würde. Bis jetzt sei man als verheiratete Zweitverdiener:in mit höheren Steuersätzen abgestraft worden, wenn man arbeiten ging, so Balmer. Bettina Balmer: «Viele Frauen haben keinen Anreiz zu arbeiten.»
Umfrage zeigt breite Zustimmung
Für den Wahlkampf, ihr Mandat als Nationalrätin und ihre Leitungsposition im Kinderspital legt die 59-jährige Bettina Balmer zurzeit 70-Stunden-Wochen hin.
«Es gibt einen Backlash bei feministischen Themen.»
Bettina Balmer, FDP-Nationalrätin
So trägt die Individualbesteuerung auch Balmers Handschrift, die mit Gleichstellungsthemen politisiert wurde. Als Kinderchirurgin habe sie die Hürden selbst erlebt, erzählte Balmer im Gespräch mit Tsüri.ch, als Frau Teilzeit zu arbeiten und Kinder aufzuziehen. «Deswegen habe ich ursprünglich angefangen Politik zu machen.»
Gemäss Umfrage der SRG unterstützen zwei Drittel der Befragten die Individualbesteuerung. Doch Balmer traut der Sache noch nicht. Die Passant:innen seien damals Schlange gestanden, um die Initiative zu unterschreiben, «aber es gibt einen Backlash bei feministischen Themen», so Balmer. Das mache ihr grosse Sorgen. «Wir müssen Frauen befähigen, finanzielle Emanzipation zu erlangen.»
Die Entscheidung dazu fällt am 8. März. Balmers wichtigstes politisches Vorhaben könnte somit ausgerechnet am Internationalen Frauentag Tatsache werden.
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Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.