Stadtrat in der Kritik – «Michael Baumer blockiert den Solarausbau in Zürich»
Der FDP-Stadtrat Michael Baumer stellt sich am 8. März erneut zur Wahl und verspricht «solide Arbeit» als Energieminister. Anders sehen das links-grüne Kräfte: Baumer habe es versäumt, den Solarausbau in Zürich voranzutreiben.
Er gilt als unauffällig, wird von seinen Parteikolleg:innen als verlässlich beschrieben und hat den grössten Fahrplanwechsel der Zürcher Geschichte ohne Zwischenfälle über die Bühne gebracht: Stadtrat Michael Baumer will am 8. März nochmals antreten – nach acht Jahren im Departement der Industriellen Betriebe.
Dabei scheinen nicht alle begeistert von seiner Arbeit. Wie eine aktuelle Umfrage zeigt, könnte es für ihn und seine Partei eng werden. Nicht zum ersten Mal: Bereits 2022 schaffte Baumer nur knapp die Wiederwahl. Hinzu kommt der Druck aus der Politik. Links-Grün kritisiert schon seit längerem seine Energiepolitik.
Solarausbau auf Sparflamme?
Der Grüne-Gemeinderat Dominik Waser sitzt in der Sachkommission der Industriellen Betriebe und gibt sich enttäuscht von Baumers Politik der letzten Amtsperiode. Diese bezeichnet er als «mutlos» und «ausweichend». Viele Vorstösse aus dem Gemeinderat seien in den Schubladen des Departements verschwunden.
Statt die Energiewende aktiv voranzutreiben, warte der FDP-Stadtrat darauf, bis er vom Bund oder Kanton oder der linken Mehrheit gezwungen werde, zu handeln, sagt Waser. Für ihn ist klar: «Michael Baumer blockiert den Solarausbau in Zürich.»
Ein Beispiel: Vergangenen Sommer kündigte die Stadt eine Offensive mit lokalen Elektrizitätsgemeinschaften an, kurz LEG. Die Möglichkeit, Strom mit der Nachbarschaft zu teilen, soll Photovoltaik für Hauseigentümer:innen attraktiver machen. Doch die Idee stamme nicht vom zuständigen Stadtrat, kritisiert Waser.
Stattdessen sind LEG Teil der Umsetzung des neuen Bundesgesetzes über eine sichere Stromversorgung, das am 1. Januar 2026 in Kraft getreten ist. «Baumer blieb gar keine andere Wahl, als das Bundesrecht umzusetzen.»
Auch die aktuelle Photovoltaik-Strategie sei erst von der Stadt erarbeitet worden, nachdem links-grüne Kräfte Druck gemacht hätten, sagt Waser. «Was Baumer uns letzten Herbst präsentierte, forderten wir bereits 2019, aber sein Departement schob es auf die lange Bank.»
«Das Interesse der Stadtzürcher Bevölkerung an Solarenergie ist sehr gross.»
David Stickelberger, stellvertretender Geschäftsleiter von Swissolar
Entsprechend sei das jetzige Ziel schon wieder veraltet, weil sich die Technologien verbessert hätten. Die Strategie verlangt, dass die Stadt das gesamte Potenzial auf den Dachflächen bis 2040 ausschöpft. Expert:innen zufolge entspricht das jährlich rund 500 Gigawattstunden. Zum Vergleich: 2025 waren es nur rund 53 Gigawattstunden.
«Kein Interesse an der Energiewende»
Waser glaubt, dass noch mehr möglich ist. Seine Partei hat zusammen mit SP und AL zwei städtische Initiativen lanciert, um den Ausbau von Solarstrom zu fördern. Berechnungen des Bundesamtes für Statistik zufolge wäre ein Produktionsziel von 1200 Gigawattstunden pro Jahr möglich – die Initiant:innen fordern 900 Gigawattstunden. Damit könnte die Stadt ein Drittel des jährlichen Stromverbrauchs decken.
David Stickelberger, stellvertretender Geschäftsleiter von Swissolar, könne sich zwar zu Baumers Energiepolitik nicht äussern, sieht aber grundsätzlich viel Potenzial: «Das Interesse der Stadtzürcher Bevölkerung an Solarenergie ist sehr gross.» Es sei durchaus noch mehr möglich als heute.
Doch er relativiert auch: Im Gemeindevergleich hinkten alle Schweizer Städte nach, was die Ausschöpfung auf Dächern und Fassaden betreffe. Grund dafür sei unter anderem der Denkmalschutz, kleinteilige Dachstrukturen oder der Fakt, dass überdurchschnittlich viele Gebäude Immobiliengesellschaften gehören, die kaum einen Anreiz hätten, auf Solarsysteme umzustellen.
Auch Michael Baumer hat laut dem SP-Gemeinderat Tom Cassee «kein Interesse an der Energiewende». Cassee ist ebenfalls Mitglied der entsprechenden Sachkommission. So weit will die GLP mit ihrer Kritik nicht gehen. Aber: «Wir fordern, dass der Stadtrat mutiger auftreten und das gesamte Potenzial der verschiedenen erneuerbaren Energieträger konsequenter nutzen muss», schreibt der Co-Präsident Nicolas Cavalli auf Anfrage.
Abstimmungsresultate sprechen für Baumer
Für Baumer selbst gehört das «Klappern zum Handwerk» – gerade jetzt im Wahlkampf. Statt sich die Kritik zu Herzen zu nehmen, betont er seine Erfolge: Dank konkreten Massnahmen habe sich die Solarstromproduktion auf Stadtgebiet in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt.
Die Potenzialberechnungen der aktuellen Strategie würden auf einer Studie von externen Expert:innen beruhen, welche die spezifischen Verhältnisse in der Stadt Zürich berücksichtigen, schreibt Baumer.
Auch dass die FDP um ihre beiden Sitze in der Regierung zittern könnte, lässt den 52-Jährigen kalt. Die einzige Umfrage, die er kommentieren werde, seien die Wahlresultate am 8. März.
Seiner Einschätzung nach hat er bei der Stimmbevölkerung gute Chancen: «Ich leiste solide Arbeit für die Menschen in der Stadt.» Tatsächlich wurden alle Abstimmungen der letzten vier Jahren aus seinem Departement angenommen.
Dies sei auch der Grund, weshalb Baumer nicht wie vergangenen Sommer angekündigt als Stadtpräsident kandidieren wollte: Er sei zum Schluss gekommen, dass ihm das Fachdepartement mehr liege – und dort sieht er sich auch in Zukunft.
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!
Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.