Stadt und Kanton planen auf dem Areal des alten Kinderspitals Asylunterkünfte
Während sich die Umsetzung des neuen Zentrums für Zahnmedizin weiter verzögert, prüft der Kanton Zwischennutzungen auf dem Areal des leerstehenden Kinderspitals. Neben Unterkünften für Geflüchtete seien auch andere Konzepte denkbar – sofern sie kostengünstig umgesetzt werden können.
Es ist ein spezieller Patient: Eingebettet in das Quartier am Zürichberg wirkt das ehemalige Kinderspital wie ein Fremdkörper. Denn seit die Klinik im Herbst 2024 in den Neubau nach Zürich-Lengg umgezogen ist, steht das 20’000 Quadratmeter grosse Areal in Hottingen leer. Eigentlich plant der Kanton, dem das Grundstück gehört, an der Adresse ein neues Zentrum für Zahnmedizin (ZZM), doch aktuell ist unklar, wann es umgesetzt wird.
Während das Hauptgebäude noch bis Mitte 2026 schadstoffsaniert wird, plant der Regierungsrat in anderen Gebäuden auf dem Areal Zwischennutzungen, wie er in einem Bericht zu einem dringlichen Postulat aus dem Kantonsrat festhält. Darin forderten Ratsmitglieder von AL bis GLP, dass in den leerstehenden Gebäuden aus den späten 1960er-Jahren vorübergehend Studierende oder Geflüchtete unterkommen können.
«Zwischennutzungen möglich, aber aufwendig»
Mit ihrem Entscheid setzt die Kantonsregierung zur Kehrtwende an: Vor einem Jahr wollte die zuständige Baudirektion von einer Zwischennutzung nichts wissen – zu aufwendig, zu teuer.
Ganz scheint die Skepsis nicht gewichen zu sein: Im Bericht betont der Regierungsrat die langwierigen Prozesse, die bei Baubewilligungen üblich seien. Bis die Gebäude wieder bewohnbar wären, könne es bis zu zwei Jahre dauern. Eine «erhebliche Investition», die nicht gerechtfertigt sei, wenn die Zwischennutzung nur einige Jahre bestehen könne, heisst es.
Trotz dieser Bedenken seien die Verantwortlichen schon seit längerem an der Prüfung und Planung von Zwischennutzungen, wie im Postulat gefordert. So plant der Kanton in drei Gebäuden auf dem Areal Unterkünfte für Geflüchtete – wobei in zwei Fällen auch die Stadt involviert sei. Die Nutzungsdauer will der Kanton auf mindestens zehn Jahre auslegen.
Auch im Kernareal und in weiteren Gebäuden sind laut Bericht «Zwischennutzungen möglich, aber je nach Nutzung sehr aufwendig». Daher würden auch niederschwellige, partielle Nutzungen geprüft, «die ohne grössere Investitionen realisierbar wären».
Architekt:innen wollen Abriss verhindern
Dass der Kanton den Weg ebnet, könnte nicht nur die Postulant:innen freuen. In den letzten Monaten hat sich Widerstand aus dem Quartier sowie Fachkreisen gebildet, die sowohl den Leerstand auf dem «Kispi»-Areal als auch das ZZM kritisieren. Das ehemalige Kispi soll nicht nur zwischengenutzt, sondern langfristig erhalten und das Projekt sistiert werden, so die Forderung.
«Der Abriss intakter Gebäudestrukturen ist aus ökonomischer sowie ökologischer Sicht nicht mehr zeitgemäss», sagt Tamino Kuny von der Zürcher Arbeitsgruppe Städtebau – kurz ZAS*. Zudem habe sich in der Zwischenzeit gezeigt, dass der Flächenbedarf des ZZM geringer sei als die am jetzigen Standort an der Plattenstrasse vorhandenen Kapazitäten.
«Wir wollen, dass die aktuelle Situation neu beurteilt und die Bevölkerung sowie die Stadt in den Planungsprozess eingebunden wird.»
Tamino Kuny, Architekt und Mitglied bei der ZAS*
Gemeinsam mit anderen Architekt:innen erarbeitete Kuny deshalb ein Argumentarium, warum der Kanton die Zukunft des Kispi-Areals überdenken sollte: «Wir wollen, dass die aktuelle Situation neu beurteilt und die Bevölkerung sowie die Stadt in den Planungsprozess eingebunden wird.»
Ideen liefert die Gruppe gleich mit: Statt eines teuren Neubaus für medizinische Zwecke schwebt den Architekt:innen ein Umbau im Bestand vor, der anschliessend als Alterszentrum oder Personalhaus für systemrelevante Berufsgruppen genutzt werden könnte.
Auch bezahlbaren Wohnraum für die breite Stadtbevölkerung würde die Gruppe begrüssen, allerdings bräuchte es dafür eine Umzonung, da das Kispi in der Zone für öffentliche Bauten liegt.
«Das Zentrum für Zahnmedizin ist klinisch tot»
Bei der kantonalen Baudirektion stossen die Ideen der jungen Architekt:innen grundsätzlich auf offene Ohren, wie der Mediensprecher Dominik Bonderer auf Anfrage mitteilt. Die Weiterentwicklung im Bestand entspreche dem heutigen Zeitgeist. Im Fall des «Kispi»-Areals kommt aber jede Hilfe zu spät. Das ZZM soll ihm zufolge nach wie vor wie geplant umgesetzt werden, zumal die Planungsarbeiten bereits abgeschlossen sind.
Doch wann der entsprechende Objektkredit von fast 400 Millionen Franken dem Kantonsrat vorgelegt wird, weiss auch Bonderer nicht, denn darüber entscheidet der Regierungsrat. Vor einem Jahr beschloss dieser, das Projekt aus finanziellen Gründen zurückzustellen – obwohl der Kanton seit 2018 daran arbeitet. Über die Umsetzung wird gemäss aktuellem Bericht des Regierungsrats frühestens 2027 wieder diskutiert.
Für Mischa Schiwow ein eindeutiges Zeichen: «Das Zentrum für Zahnmedizin ist klinisch tot», diagnostiziert der ehemalige AL-Gemeinderat. Schiwow wohnt selbst in Hottingen und versuchte bereits vor dem Umzug des «Kispi» mit einer Petition auf den drohenden Leerstand aufmerksam zu machen. Zusammen mit der EVP-Politikerin Stéphanie von Walterskirchen und dem pensionierten Architekten Hugo Wandeler sammelte Schiwow über 1100 physische Unterschriften gegen das ZZM.
Die Skepsis im Quartier sei schon damals spürbar gewesen, so Schiwow. Trotzdem blieb die grosse Empörung aus. Zwar gab es im Laufe der letzten Jahre verschiedene Vorstösse im Kantonsrat, die sich mit der Zukunft des Kinderspitals beschäftigten, doch zur entscheidenden Kursänderung kam es nicht.
Wohnraum statt Operationssäle
Umso erleichterter ist Schiwow, dass der Regierungsrat nun doch Zwischennutzungskonzepten zustimmt. Seine Forderung geht jedoch noch einen Schritt weiter: Er könne sich vorstellen, dass der Kanton das ehemalige Kinderspital der Stadt abtritt und in den bestehenden Gebäuden bezahlbarer Wohnraum im Alter und für die Pflege sowie kulturelle Einrichtungen entstehen können.
«Was wir brauchen, ist nicht ein Zahnmedizinzentrum, sondern ein Lebensraum für die Stadtbevölkerung», sagt Schiwow. Dafür würde sich das zentral gelegene Areal gut eignen.
Obwohl es Hinweise darauf gibt, dass die Stadt mit dem Kanton im Gespräch ist, um einen Teil des Grundstücks in Hottingen zu erwerben, schweigt diese eisern. «Zu laufenden Verhandlungen äussert sich die Stadt nicht», schreibt eine Mediensprecherin auf Anfrage.
Ein Vakuum, das Schiwow in Kauf nimmt, solange Teile des alten Kinderspitals zumindest temporäre Aufgaben bekommen. Und auch die Mitglieder der ZAS* geben sich hoffnungsvoll – auch wenn das eigentliche Ziel, die Bauten langfristig zu erhalten, damit noch nicht erreicht ist.
«Wir verstehen, dass bereits viel Geld und Zeit in das Neubauprojekt geflossen ist», sagt Tamino Kuny, «aber es liegt auch in der Verantwortung des Kantons, zu prüfen, ob Pläne neu beurteilt werden müssen, weil sich die Ausgangslage verändert hat». Deshalb schreckt die Architektengruppe auch nicht davor zurück, ihre Forderungen, falls nötig, durch eine Volksinitiative geltend zu machen.
Trotz eines ersten Therapieerfolgs bleibt der Patient am Zürichberg also weiterhin in Behandlung.
Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!
Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.