«Ein Wahlkampf, der stark auf Identität setzt, ist mit Risiken verbunden»
Im Wahlkampf um das Stadtpräsidium setzen die Kandidierenden auf unterschiedliche Strategien. Besonders auffällig ist Përparim Avdili, der seine Biografie ins Zentrum stellt. Doch wie wirksam ist ein solcher Ansatz? Soziologin Ilona Pap ordnet ein.
Minea Pejakovic: Përparim Avdili thematisiert seine Herkunft im Wahlkampf sehr offensiv, etwa auf Plakaten, in Videos oder mit dem Song «Ëine vo ois», den er gemeinsam mit dem Rapper EAZ aufgenommen hat. Was steckt dahinter?
Ilona Pap: Es könnte erstens eine präventive Strategie sein. Bevor politische Gegner:innen oder Kritiker:innen mit Vorurteilen arbeiten können, greift er seine Herkunft selbst auf und deutet sie positiv. Denn durch seinen Namen wird diese ohnehin sichtbar.
Zweitens kann die Betonung auch der Profilbildung dienen, sie erhöht Wiedererkennbarkeit, schafft Nähe und Identifikation und vermittelt Authentizität.
Neigen denn Wähler:innen dazu Kandidierende nach biografischen Merkmalen wie Herkunft, Religion oder dem sozialen Hintergrund zu wählen?
Nicht unbedingt. Biografische Merkmale spielen vor allem dann eine Rolle, wenn eher wenig Informationen über Kandidat:innen vorhanden sind – etwa bei Personen, die neu in der Politik sind oder erstmals für ein Amt kandidieren. In solchen Fällen können Herkunft, Geschlecht oder sozialer Hintergrund als sogenannte Heuristiken dienen.
Das müssen Sie erklären.
Heuristiken sind gedankliche Abkürzungen, die helfen, Entscheidungen zu treffen, wenn Informationen fehlen oder unklar ist, was von jemandem zu erwarten ist. Bei Wahlen spielen sie häufig eine Rolle, da viele Wähler:innen keine Zeit haben, sich umfassend zu informieren. Deshalb orientieren sich manche an leicht erkennbaren Merkmalen wie Parteizugehörigkeit, biologischem Geschlecht oder eben der Herkunft.
Gegenüber «TeleZüri» sagte EAZ, er sei eher unpolitisch. Dennoch wollte er Avdili mit dem Song unterstützen, da er «die gleiche Geschichte teilt». Wie verbreitet ist denn die Annahme, dass nur «Gleiche» einander politisch vertreten können?
Die meisten Wähler:innen gehen nicht davon aus, dass sie nur von jemandem vertreten werden können, der die gleiche Herkunft oder Lebensgeschichte teilt. Entscheidend ist vor allem die politische Übereinstimmung. Gleichzeitig möchten viele das Gefühl haben, dass jemand ihre Lebensrealität versteht.
Biografische Ähnlichkeit kann dabei ein Signal von Glaubwürdigkeit sein. Wenn jemand eine Geschichte erzählt, in der sich Menschen wiedererkennen, entsteht Vertrauen. Narrative dienen also weniger als Ersatz für politische Inhalte, sondern helfen dabei, Vertrauen in Politiker:innen aufzubauen. Ein Wahlkampf, der stark auf Identität setzt, ist aber auch mit Risiken verbunden.
Wie meinen Sie das?
Die Forschung zeigt, dass Kandidierende mit Migrationsgeschichte unter bestimmten Bedingungen im Nachteil sein können, vor allem wenn sie neu und noch wenig bekannt sind. Gemäss einer aktuellen Studie zu Kommunalwahlen in Zürich erhalten Kandidierende mit migrantisch klingenden Nachnamen rund fünf Prozent weniger Stimmen, wenn sie zuvor noch nicht im Amt waren.
Es besteht also auch die Gefahr, stereotypisiert zu werden.
Genau. Wenn Wähler:innen Kandidierende nicht kennen, können stereotype Zuschreibungen greifen. Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass bei fehlenden Informationen, Frauen und Minderheiten eher mit politischer Schwäche, mangelnder Führungsstärke oder geringem Durchsetzungsvermögen assoziiert werden.
Wie gut gelingt denn die Mobilisierung der Wählerschaft durch die Betonung der eigenen Identität?
Ob Identität tatsächlich mobilisiert, ist empirisch nicht eindeutig und kontextabhängig. Politische Beteiligung hängt stark von Ressourcen, politischer Sozialisation sowie dem Zugang zum politischen System ab. Ebenso wichtig ist die Einbindung der Wähler:innen in Parteien und lokale Netzwerke, wie etwa Vereine, über die Menschen überhaupt angesprochen und mobilisiert werden.
Viele Menschen mit Migrationsgeschichten, die Avdili unter anderem ansprechen will, beteiligen sich eher weniger an Wahlen – nicht aus Desinteresse, sondern weil ihnen lange politische Rechte fehlten, politische Teilhabe nicht eingeübt wurde oder Ressourcen und Netzwerke fehlen, die sie aktiv in die Politik einbinden.
Gleichzeitig zeigt sich, dass Menschen mit Migrationsgeschichte oder junge Menschen sich oft ausserhalb der institutionalisierten Politik engagieren, etwa bei Protesten oder in den Sozialen Medien.
Dass ein identitätsbasierter Wahlkampf aber auch funktionieren kann, zeigte sich beim Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani.
Der Fall dort ist allerdings ganz anders gelagert. Seine Herkunft stand nicht nur symbolisch im Vordergrund, sondern war mit klaren politischen Forderungen verbunden. Dadurch entstand eine erkennbare Kohärenz zwischen Biografie, Partei und Inhalten, was seine Positionen für Wähler:innen glaubwürdig machte.
Wäre ihm ein solcher Erfolg auch in der Schweiz gelungen?
Eher weniger stark. Die politischen Wahlsysteme funktionieren unterschiedlich und dadurch unterscheiden sich auch die Wahlkampagnen. In den USA sind Wahlkämpfe stärker auf einzelne Kandidaten ausgerichtet, in der Schweiz hingegen spielen Parteien, Programme und lokale Netzwerke eine grössere Rolle.
Für seine Strategie wurde Avdili auch schon kritisiert. Einige empfinden es als widersprüchlich, dass ein FDP-Politiker über seine Identität politisiert.
Ich würde das weniger als Widerspruch lesen. Die Erzählung seiner Geschichte entspricht einem liberalen Leistungsnarrativ: der Idee sozialer Mobilität durch individuelle Anstrengung und Eigenverantwortung. Damit wird Herkunft nicht als kollektiver Anspruch, sondern als Beispiel gelungener Integration gerahmt, was zum Programm der FDP anschlussfähig ist.
Meiner Interpretation nach positioniert er sich damit nicht als Vertreter einer einzelnen Community, sondern als allgemein wählbaren Kandidaten, was strategisch nachvollziehbar ist.
Inwiefern?
Um als Stadtpräsident gewählt zu werden, muss man mehrheitsfähig sein. Das bedeutet, dass man keiner bestimmten Gruppe das Gefühl geben sollte, dass man sich nur für sie und ihre Anliegen einsetzt.
«Die Herkunft kann Aufmerksamkeit und Vertrauen schaffen, dauerhaft entscheidend ist jedoch, ob er als kompetent und regierungsfähig wahrgenommen wird.»
Ilona Pap, Soziologin
Er möchte der migrantischen und albanischen Community Nähe signalisieren und über Symbolpolitik Identifikation stiften, sodass die Menschen sagen: «Das ist einer von uns.» Gleichzeitig bleibt er inhaltlich vage, um die Mehrheitsbevölkerung nicht abzuschrecken. So vermeidet er hohe Erwartungshaltungen und reduziert das Risiko, dass sich Wähler:innen später enttäuscht oder übergangen fühlen.
Glauben Sie, dieser Spagat geht für Avdili auf?
Ob der Spagat aufgeht, hängt davon ab, ob zur biografischen Erzählung auch erkennbare politische Inhalte kommen. Die Herkunft kann Aufmerksamkeit und anfängliches Vertrauen schaffen, dauerhaft entscheidend ist jedoch, ob er als kompetent und regierungsfähig wahrgenommen wird.
In einer urbanen Stadt kann das eher gelingen, weil vielfältige Lebensrealitäten Anschlussmöglichkeiten bieten. Scheitern kann es, wenn die Wahrnehmung zu stark auf Symbolik fokussiert bleibt und unklar bleibt, wofür er politisch konkret steht.
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Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.