Zürcher Wohnpolitik

Diese 8 Wohnthemen muss der neue Stadtrat in Angriff nehmen

Zürich hat einen neuen Stadtrat gewählt. Wie die Ämter künftig verteilt werden, ist noch offen. Klar sind hingegen die wohnpolitischen Herausforderungen, die sich der neuen Regierung stellen. Eine Übersicht.

Baustelle Zürich
Nirgends in der Schweiz werden so viele Wohnungen abgerissen wie in Zürich. (Bild: Dominik Fischer)

1. Leerkündigungen verringern 

Schweizweit wird nirgends so viel leergekündigt wie in Zürich. Auch bereinigt auf die Einwohnerzahl ist Zürich der klare Spitzenreiter.

Zum Vergleich: In Genf war im gleichen Zeitraum nur jede tausendste Person von einer Leerkündigung betroffen. Auch kantonal werden inzwischen jährlich rund 1000 Wohnungen mehr abgerissen, als noch vor 15 Jahren, wie neue Zahlen des Kantons zeigen. 

Die neue Stadtregierung wird Wege finden müssen, die Zahl der Leerkündigungen zu reduzieren. Denn diese haben erhebliche Auswirkungen auf die hiesige Bevölkerung: So wurde in Zürich im Zeitraum von 2015 bis 2020 jede hundertste Person verdrängt, wie ETH-Forscherin Fiona Kauer gegenüber Tsüri.ch erklärte.

Der Zürcher Mieter:innenverband fordert deshalb mit seiner Wohnschutz-Initiative, dass nach einer Sanierung Mieten nicht mehr übermässig erhöht werden dürfen. Ausserdem sollen Eigentümer:innen nach einem Abriss eine vergleichbare Anzahl preisgünstiger Wohnungen erstellen. 

Die SVP wiederum fordert mit der Initiative «Recht auf Heimat – Wohnige für eusi lüüt» einen Mietvorrang für Schweizer:innen und für Personen, die seit über zehn Jahren im Kanton Zürich wohnen.  

2. Mehr (günstige) Wohnungen schaffen

Schon jetzt ist der Wohnraum knapp, die Leerwohnungsziffer ist notorisch tief: nur eine von tausend Wohnungen in der Stadt steht frei. Aktuell leben 452’000 Menschen in der Stadt Zürich, bis ins Jahr 2040 prognostiziert die Stadt ein Wachstum auf 510’000.

Für alte Menschen, Menschen mit körperlicher Behinderungen und für Menschen mit knappen Budgets – etwa Studierende oder Sozialhilfebeziehende – ist die Suche nochmals schwieriger. 

Auch hier versucht die Stadt, gegenzusteuern. Das tut sie etwa mit der Altersstrategie 2035. Diese sieht bis 2035 rund 1000 neue Alterswohnungen vor. Den Kredit für das Jugendwohnnetz (Juwo) will der Gemeinderat von 20 auf 40 Millionen Franken verdoppeln.

Der neue Stadtrat muss diese Arbeit weiterführen, sowohl bei Alterswohnungen wie auch beim Wohnangebot für Studierende werden die Wartelisten immer länger, zuletzt schlug deshalb sogar der Uni-Rektor Michael Schaepman Alarm. 

3. Die neue Bau- und Zonenordnung durchsetzen

Die Bau- und Zonenordnung (BZO) wird auch die neue Stadtregierung noch beschäftigen. Die BZO hätte eigentlich der letzte grosse Wurf von Noch-Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) werden sollen.

Doch nach einer ersten Diskussion im Gemeinderat blieb von seinen Plänen nicht viel übrig. Die Zonen, in denen Hochhäuser erlaubt werden sollen, wurden erheblich eingeschränkt und konzentrieren sich vor allem auf Gleisnähe. Ausserdem verlangt der Gemeinderat Entscheidungshoheit über Bauprojekte ab einer Höhe von 60 Metern. 

Mitte März soll die Teilrevision öffentlich aufliegen, danach wird das Parlament miteinbezogen. Auch Bauherr:innen blicken gespannt auf die neue BZO. Einige befürchten, dass darin so viele Einschränkungen formuliert werden, dass sich das Bauen gar nicht mehr lohnt.

Der neue Stadtrat muss also einen Weg finden, die neue BZO an den verschiedenen Interessensgruppen durchzubringen.

Hardautürme Zürich
Wie viele Hochhäuser werden künftig in Zürich gebaut, und wo? Darüber wird die neue BZO massgeblich entscheiden. (Bild: Ikiwaner, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

4. Sozialverträglich verdichten 

Die Bevölkerungsdichte von Paris liegt viereinhalb Mal höher als die von Zürich, die von Genf liegt zweieinhalb Mal so hoch und die von Basel eineinhalb Mal so hoch. Wenn Zürich nicht in die Breite wachsen will, bleibt nur noch die Innenverdichtung. 

Auch auf die Frage, wie dicht man bauen darf, soll die neue Bau- und Zonenordnung (BZO) Antwort geben. Entscheidend wird dabei auch sein, ob sich etwas an der Ausnützungsziffer tut. Steigt diese, darf man auf einem Grundstück dichter bauen. Doch auch dies könnte eine Welle an Leerkündigungen bewirken. 

Sanftere und sozialvertäglichere Verdichtung liesse sich durch Aufstockungen erreichen, ebenso wie durch Neubauten in Siedlungslücken oder am gut angeschlossenen Rand von Siedlungsflächen, so der ETH-Forscher David Kaufmann gegenüber Tsüri.ch.

5. Sanierungen erleichtern

Sanierungen im Bestand und Aufstockungen müssen attraktiver werden. Auf kantonaler Ebene gibt es Pläne, die eine Lockerung der Regeln vorsehen.

Der Grund: Gerade wenn alte Häuser saniert werden, gibt es so viele bauliche Vorschriften, dass ein Abriss und Neubau oft die günstigere und einfachere Variante ist. Eine Lockerung des Planungs- und Baugesetzes könnte hier Abhilfe schaffen.

Für Aufstockungen hatte sich auch die FDP mit der Initiative «Mehr Wohnraum durch Aufstockung» stark gemacht. Diese ist jedoch aktuell sistiert, bis die neue BZO vorliegt. 

Ohnehin reiche die kantonale Gesetzgebung nicht aus, gab der Architekt Andreas Haug gegenüber Tsüri.ch zu bedenken. Auch die Verantwortlichen auf Gemeindeebene müssten sich überlegen, welche Rolle ihre Gesetze dabei spielen. Hier ist der neue Stadtrat gefragt.

Baustelle Zürich
Wer in Zürich aufstocken oder im Bestand sanieren will, muss ziemlich viele Regeln beachten. (Bild: Isabel Brun)

6. Boom von Airbnb's und Business-Apartments eindämmen

In Zürich gibt es so viele Airbnbs und Business Apartments wie noch nie. Ende November 2025 lag die Zahl gemäss Auswertungen der Stadt bei 5320. Im Kreis 1 beträgt ihr Anteil inzwischen ganze 13,8 Prozent.

Um dagegen vorzugehen hat die SP vor einem Jahr die Initiative «Wohnraum schützen – Airbnb und Business-Apartements regulieren» lanciert. Dass man im Kampf gegen Business-Apartments einen langen Atem haben muss, beweist jedoch ein anderer Fall.

Bereits 2021 beschloss der Gemeinderat eine Anpassung der BZO, wodurch Business-Apartments eingeschränkt werden sollten. Doch der Beschluss wird von kommerziellen Anbieter:innen vor dem Bundesgericht blockiert.

7. Dem Drittelsziel näherkommen 

Der Anteil gemeinnütziger Wohnungen in der Stadt muss wachsen. Über 63 Prozent der Zürcher Wähler:innen sprachen sich im Jahr 2011 für das Drittelsziel aus. Die Zielgerade wartet 2050.

Die Zürcher Stadtregierung investiert seit einigen Jahren jährlich hunderte Millionen Franken in Grundstückskäufe – und trotzdem hat sich der Anteil gemeinnütziger Wohnungen seit 2011 lediglich von 25 auf 27,5 Prozent erhöht. 

Gemäss Zahlen der Stadt sind seit 2014 rund 3000 zusätzliche städtische und rund 4000 genossenschaftliche Wohnungen entstanden. Das Problem: Der Anteil privater Unternehmen stieg in der gleichen Zeit um über 20’000 Wohneinheiten an. 

Mit der kantonalen Wohnungsinitiative – lanciert durch die Grünen – kommt am 14. Juni ein weiteres Wohnthema zur Abstimmung. Diese sieht vor, das Angebot an gemeinnützigen Wohnungen mit Kostenmiete im ganzen Kanton auszubauen.

8. Fachpersonen und das Quartier stärker einbinden 

Expert:innen kritisieren, dass bei Neubauprojekten das Qaurtier und Fachpersonen zu wenig eingebunden werden. Zwar hat laut dem Stadtforscher Christian Schmid in den letzten fünf Jahren ein Umdenken stattgefunden. So stehe etwa das Schlachthof-Areal als positive Ausnahme hervor.

Doch auch beim städtischen Baukollegium gibt es Fragezeichen: Durch das Baukollegium erhoffe sich die Stadt, Einfluss auf grössere Bauprojekte nehmen zu können, erklärte Mischa Schiwow (AL) gegenüber Tsüri.ch. Dieser Einfluss beschränke sich jedoch «hauptsächlich auf ästhetische Kriterien» und «nicht auf Sozialverträglichkeit».

Ein hängiges Postulat von Mischa Schiwow und Marco Denoth (SP) verlangt mehr Transparenz und eine Neugestaltung der Auswahlverfahren für die externen Mitglieder des Baukollegiums.

Ohne Deine Unterstützung geht es nicht.

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!

Jetzt unterstützen!
tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare