Neues Parlament

Waser weg, Çelik kommt: Das sind die überraschendsten Wechsel im Gemeinderat

Capaul, Gallizzi, Waser: Die Zürcher Wahlen haben prominente Opfer gefordert. Gleichzeitig gelang einer 20-Jährigen und einem Polizisten der Einzug in den Gemeinderat. Die Übersicht zu den personellen Überraschungen.

Vera Celik vor der Bullingerkirche
SP-Politikerin Vera Çelik hat Jahrgang 2005. Damit ist sie ab Beginn der neuen Legislatur die jüngste Parlamentarierin Zürichs. (Bild: Jenny Bargetzi)

Zürich hat ein neues Parlament gewählt – mit markanten Folgen: Während die SP vier Sitze zulegt, verlieren die Grünen ebenso viele. FDP und SVP gewinnen je zwei Mandate dazu, die EVP scheitert an der 5-Prozent-Hürde.

Das Stühlerücken trifft auch prominente Namen.

Die Newcomer

Vera Çelik (SP)

Schon vor den Wahlen hat sie sich in der Öffentlichkeit einen Namen gemacht: Die SP-Politikerin Vera Çelik trägt Kopftuch und setzt sich als Muslima gegen antimuslimischen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein. Ihre ganze Kindheit verbrachte sie in Zürich Nord, passend wurde sie nun für den Wahlkreis 11 mit überraschend 4’772 Stimmen in den Gemeinderat gewählt. 

Gegenüber Tsüri.ch erzählte sie kürzlich, wie sie zur Politik fand: «Nach dem Lehrabschluss verschickte ich 150 Bewerbungen – und erhielt nur Absagen. In rund 40 Fällen wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre, ohne Kopftuch zu arbeiten. Das war der Moment, in dem ich begann, politisch aktiv zu werden.» Heute ist sie ausgebildete Dentalassistentin und Mitglied der Geschäftsleitung der SP Migrant:innen Schweiz. Mit Jahrgang 2005 wird sie die jüngste Gemeinderätin Zürichs.

Sascha Rüegg (SVP) 

Die SVP gehört zu den grossen Gewinnerinnen der Wahlen. Davon profitiert auch Sascha Rüegg, Jahrgang 1973. Über ihn ist bis anhin wenig bekannt, ausser sein Beruf: Er ist Polizist. So steht es auf der Website der Stadt und so bestätigt es auch sein LinkedIn-Profil. Dort heisst es, Rüegg arbeite bereits seit 28 Jahren für die Polizei, aktuell als Sachbearbeiter bei der Verkehrspolizei Zürich. 

Sein Leitspruch für die Wahlen lautete: «Mehr Sicherheit für Eusi Lüt». Um das zu erreichen, fordert er, dass keine Polizeiwachen in den Quartieren geschlossen werden. Er wurde im Kreis 11 gewählt. 

Mischa Schiwow (AL)

Er ist eigentlich kein Neuling: Mischa Schiwow sass für die Alternative Linke (AL) bereits von 2016 bis 2023 im Stadtparlament und amtete in dieser Zeit auch ein Jahr als Ratspräsident. 

Dann verkündete er mitten in der Legislatur seinen Rücktritt. Als Gründe nannte er damals seine beiden Enkel, die noch jung seien und ihren Grossvater bräuchten. Aber auch für mehr Zeit für seine Arbeit beim Filmverleih Frenetic Films und für eine Verjüngung der Fraktion machte er damals Platz.

Und nun ist Schiwow, Jahrgang 1961, bereits wieder zurück – so schnell kann es gehen. Im Wahlkreis 7+8 wurde er erneut in den Gemeinderat gewählt. Daneben ist er Co-Präsident des Mieterinnen- und Mieterverbands Zürich.

Mischa Schiwow
Mischa Schiwow (AL) war bereits Ratspräsident, trat dann aber aus dem Gemeinderat aus. Dieses Jahr wird er sein Comeback geben. (Bild: Steffen Kolberg)

Simon Hatt (FDP)

Nachdem Albert Leiser, Direktor des Zürcher Hauseigentümerverbands (HEV), Ende der letzten Legislatur aus dem Gemeinderat ausgetreten ist, hat der HEV mit Simon Hatt jetzt einen neuen prominenten Lobbyvertreter im Parlament. Der 35-Jährige leitet beim Verband den Bereich Finanzen und gehört der Geschäftsleitung an.

Auf seiner Website schreibt Hatt, er setze sich ein für «tiefere Steuern, mehr Wohnraum durch weniger Vorschriften und eine Mobilität, die für alle funktioniert». Gewählt wurde er im Wahlkreis 9 auf dem zweiten Platz, hinter Përparim Avdili.

Apropos HEV: Ebenfalls neu gewählt wurde FDP-Politiker Alex Guggenheim, der beim Verband als Immobilienbewirtschafter arbeitet. Er schaffte den Sprung im Wahlkreis 1+2. Zusammen mit den wiedergewählten Yasmine Bourgeois-Strasser (FDP) und Christian Traber (Mitte) ist der HEV nun mit insgesamt vier Köpfen im Gemeinderat vertreten.

Cornelia Taiana (GLP) 

Bemerkenswert ist das Abschneiden von Cornelia Taiana. Auf dem vermeintlich aussichtslosen achten Listenplatz der GLP im Kreis 11 angetreten, gelang es der Newcomerin, fünf Ränge gutzumachen und damit gar den bisherigen Mandatsträger Markus Merki zu verdrängen. In der parteiinternen Rangliste musste sie sich lediglich der Stadtratskandidatin Serap Kahriman und dem profilierten Gemeinderat Sven Sobernheim geschlagen geben.

Dabei trat Taiana im Wahlkampf medial kaum in Erscheinung; weder in den Medien noch auf den sozialen Netzwerken war sie präsent. Ihre Wahl dürfte daher primär ihrer beruflichen Reputation geschuldet sein: Als Teamleiterin für Arealentwicklung und Planung beim städtischen Amt für Städtebau verfügt sie über Expertise in den politisch brisanten Dossiers Bauen und Wohnen.

Die Abgewählten

Bernhard im Oberdorf (Die Mitte)

Bernhard im Oberdorf war bis anhin das langjährigste Gemeinderatsmitglied – seit 1996 ist er mit dabei. Erst stieg er bei der FDP ein, wechselte dann 2001 zur SVP, weil sie die einzige Partei gewesen sei, die sich klar gegen einen EU-Beitritt ausgesprochen habe, wie er gegenüber Tsüri.ch sagte.

Letztes Jahr kam es dann zum Knall. Im Oberdorf, längst durch seine Initialen «Bio» bekannt, ist Ende September aus seiner Partei ausgetreten und zur Mitte gewechselt. Grund dafür war die Neutralitätsinitiative, die er mit seinen «innersten Werten nicht vereinbaren» könne.

Für seine Kandidatur für die Mitte-Partei erhielt er nun knapp 700 Stimmen und kam in seinem Wahlkreis 6 auf den dritten Platz. Da sich die Mitte in diesem Quartier keinen Platz sichern konnte, ist es auch nicht wahrscheinlich, dass Bio im Laufe der Legislatur nachrutscht. Eine Ära geht also zu Ende.

Dominik Waser (Grüne)

Dominik Waser, der umtriebige Grüne, der sich besonders bei Energiethemen einen Namen gemacht hat und gerne gegen die Bürgerlichen austeilte, wurde nicht wiedergewählt. Noch vor vier Jahren kandidierte Waser neben dem Gemeinderat auch gleich für den Stadtrat – und holte damals mit 35'678 Stimmen einen Achtungserfolg, auch wenn es nicht für die Exekutive reichte.

Bei der diesjährigen Wahl trat der 28-Jährige im Wahlkreis 7+8 auf dem zweiten Listenplatz an. Direkt vor ihm positioniert war Simone Widmer, die zum ersten Mal für den Gemeinderat kandidierte und auf Anhieb reüssierte. Widmer wurde im bürgerlich dominierten Wahlkreis mit 2'628 Stimmen reingewählt. Waser erhielt 157 weniger und wurde so zum Opfer des Sitzverlusts der Grünen.

Das Ergebnis schmerze, sagt er auf Anfrage, doch wolle er sich nicht unterkriegen lassen: «Weiterzukämpfen und meine Privilegien für eine solidarischere Zukunft einzusetzen ist für mich alternativlos.» Wie und wo würde sich weisen.

Wasers Abwahl folgt auch auf eine feministische Strategie der Grünen: Die Partei hat absichtlich junge Frauen auf die besten Listenplätze gesetzt, um die Geschlechter- und Altersvielfalt im Rat zu fördern.

Sandra Gallizzi (EVP)

Auch Sandra Gallizzi muss dran glauben. Die Co-Präsidentin der EVP Stadt Zürich war als Stadtratskandidatin angetreten und sollte als Zugpferd ihrer Partei die nötige Aufmerksamkeit verschaffen, um die 5-Prozent-Hürde zu meistern. Erreicht eine Partei in keinem der Wahlkreise mindestens 5 Prozent der Stimmen, bleibt sie im Gemeinderat komplett aussen vor.

Doch die EVP scheiterte am Sonntag hauchdünn. Im Wahlkreis 12 holte die Partei lediglich 4,95 Prozent aller Stimmen. Nach offiziellen Angaben der Stadt fehlten 26 Stimmen. «Die EVP erwartet vom Stadtrat, dass er eine Nachzählung in Auftrag gibt und behält sich vor, andernfalls Stimmrechtsbeschwerde zu erheben», liess die Partei noch am Sonntag per Medienmitteilung verlauten.

Stadthaus
Kein Stadtratssitz, keine EVP im Gemeinderat: Am Wahlsonntag gab es wenig zu lachen für Sandra Gallizzi. (Bild: Mai Hubacher)

Markus Knauss (Grüne)

Bereits seit 1998 sitzt Markus Knauss für die Grünen im Rat. Nun hat es knapp nicht mehr gereicht: Lediglich 64 Stimmen gaben den Ausschlag für seine Abwahl. Die beiden Gewählten, Janina Flückiger und Brigitte Fürer, holten in seinem Wahlkreis 4+5 mehr Stimmen und verdrängten das politische Urgestein.

Bei den Grünen hatte sich Knauss als Fachstimme in den Bereichen Verkehrswende, Parkplatzabbau, Tempo 30 und Lärmschutz etabliert. Jährlich verantwortete er eine zweistellige Anzahl an Vorstössen. Seine Expertise brachte er dabei direkt aus dem Beruf mit: Knauss ist Geschäftsführer des VCS Zürich. Im Gemeinderat präsidierte er zuletzt die Sachkommission des Sicherheitsdepartements und Verkehrs.

Flurin Capaul (FDP)

Auch Flurin Capaul hat es erwischt. Der umtriebige FDP-Politiker war seit 2021 Mitglied des Gemeinderats und machte in dieser Zeit mit farbiger Sprache und einer grossen Themenbreite auf sich aufmerksam. Er hielt die Stadtverwaltung in der nun ausklingenden Legislatur mit insgesamt 83 Vorstössen auf Trab. 

Besonders schriftliche Anfragen hatten es ihm angetan: So ersuchte Capaul den Stadtrat etwa wiederholt um detaillierte Angaben zur Auslastung und Finanzierung des Schauspielhauses. Unvergessen bleibt auch seine Forderung für einen Tukan für die Stadtgärtnerei.

Er versuchte die Wiederwahl in seinem Kreis 3, doch die parteiinterne Konkurrenz war zu stark. Stadtratskandidatin Marita Verbali erhielt 50 Stimmen mehr als er. Noch deutlicher fiel das Resultat für Jehuda Spielman aus. Der jüdisch-orthodoxe Gemeinderat ist in Wiedikon so gut vernetzt wie kaum ein zweiter und sicherte sich seine Wiederwahl mit über 600 Stimmen Vorsprung zu Capaul. 

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