«Avdilis Kampagne war gut, aber die Linken konnte er nicht von sich überzeugen»
Die Zürcher Wahlen 2026 sind Geschichte. Während die SP zulegen konnte, gelang es den Bürgerlichen nicht, ihren zweiten Stadtratssitz zu verteidigen. Was dahintersteckt, erklärt Politologe Oliver Strijbis im Interview.
Isabel Brun: Die SP gilt als grosse Gewinnerin der Zürcher Wahlen: Im Stadtrat konnte sie ihre vier Sitze halten und im Gemeinderat vier Sitze dazugewinnen. Sie hatten also recht mit Ihrer Prognose vergangenen Februar.
Oliver Strijbis: Ja, die Umfragen wiesen bereits darauf hin, dass die SP als Siegerin vom Platz gehen wird. Das ist wenig erstaunlich: Studien zeigen, dass Städte in der Schweiz immer linker werden. Grundsätzlich waren die diesjährigen Wahlen aber vor allem ein Zeichen für unsere politische Stabilität.
Wie meinen Sie das?
Es gab in den letzten acht Jahren in Zürich weder einen massiven Rechts-, noch einen Linksrutsch. Nach der grünen Welle bei den Wahlen 2022 sind wir heute, was den Wähleranteil anbelangt, ungefähr wieder am Punkt von 2018.
Der Erfolg der SP ging also auf die Kosten der Grünen?
Zumindest im Gemeinderat. Sie müssen vier ihrer Sitze an die SP abtreten. Diese Verschiebung ist nicht nur in der Stadt Zürich zu beobachten – sowohl kantonal als auch national haben die Grünen und auch die GLP an Strahlkraft verloren.
Trotzdem gelang Balthasar Glättli der Sprung in den Stadtrat. Damit sitzen mit Daniel Leupi und Karin Rykart neu drei statt wie bisher zwei grüne Vertreter:innen in der Zürcher Regierung.
Glättlis Coup ist auf eine reine Personenwahl zurückzuführen. Seine Wählerschaft entschied sich nicht für ihn, um die Grünen zu stärken, sondern weil er als Nationalrat und ehemaliger Parteipräsident ein bekanntes Gesicht ist.
Dasselbe war auch bei Céline Widmer der Fall – obwohl sie in den Medien vor den Wahlen kaum präsent war, schaffte sie es auf den dritten Platz und damit ohne Probleme in den Stadtrat. Eine solche Person fehlte den Bürgerlichen.
Die beiden Bisherigen Andreas Hauri (GLP) und Michael Baumer (FDP) mussten sich mit dem Schlusslicht zufriedengeben – die vorderen Plätze besetzten alles linke Politiker:innen. Was lief da bei den Bürgerlichen schief?
Die Mitte-Parteien und die Bürgerlichen haben sich meiner Ansicht nach zu breit aufgestellt. Anstatt sich gegenseitig zu unterstützen, fuhr jede Partei ihre eigene Strategie, schickte zu viele Kandidierende ins Rennen. Das führte dazu, dass sich die Stimmen «verzettelten».
Der FDP-Kandidat Përparim Avdili erreichte den undankbaren zehnten Platz und verpasste damit knapp den Einzug in den Stadtrat. Sind die Zürcher Stimmberechtigten nicht bereit für einen bürgerlichen Stadtpräsidenten mit Migrationsgeschichte?
Ich sehe die Gründe eher darin, dass Avdili nur seine eigene Wählerbasis mobilisiert hat – und das reicht in einer links-geprägten Stadt nicht aus, um in die Regierung gewählt zu werden. Seine Kampagne war gut und teuer, aber die Linken konnte er nicht von sich überzeugen.
Es ist das Dilemma der Bürgerlichen in Zürich: Zum einen sind sie auf die linke Wählerschaft angewiesen, zum anderen wollen sie ihre eigenen Leuten nicht verärgern.
«Für die SVP ist es in einer Stadt wie Zürich bereits ein Erfolg, wenn sie ihren Wähleranteil halten kann.»
Oliver Strijbis, Politologe
Während die Bürgerlichen bei der Stadtratswahl einen schweren Stand hatten, konnten sie bei der Gemeinderatswahl punkten: Sowohl die FDP als auch die SVP konnten je zwei Sitze dazugewinnen. Überrascht Sie dieses Ergebnis?
Nicht wirklich. Die FDP konnte von Avdilis Mobilisierung profitieren und der Erfolg der SVP ist auf die Niederlage der EVP zurückzuführen, die in keinem Wahlkreis die 5-Prozent-Hürde geschafft hat und damit ihre Sitze im Gemeinderat räumen muss.
Aber dadurch wird die SVP mit 16 Sitzen neu die drittstärkste Kraft im Zürcher Parlament, noch vor der GLP mit 15 Sitzen. Ist das kein Erfolg?
Doch klar, für eine rechtskonservative Partei wie die SVP ist es in einer Stadt wie Zürich bereits ein Erfolg, wenn sie ihren Wähleranteil halten kann. Aber an den Verhältnissen im Parlament wird sie trotzdem nicht rütteln können, weil die linke Mehrheit stabil bleibt. Zudem handelt es sich um derart kleine Prozentpunkte, dass sie die erste Partei wäre, die bei einer Korrektur das Feld wieder räumen müsste.
Weil die EVP die 5-Prozent-Hürde nur ganz knapp verpasst hat, fordert sie eine Nachzählung. Für wie realistisch halten Sie es, dass sich an der Sitzverteilung noch etwas verändert?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber angesichts dessen, dass der EVP nur 26 Stimmen fehlten, kann ich den Wunsch nachvollziehen. Für die Bevölkerung ist es aber kaum relevant.
Also bleibt alles beim Alten?
Im Grunde schon. Die Zürcher Wahlen 2026 gehen nicht als Spektakel in die Geschichte ein. Was sie aber zeigen, ist, dass der Stadt-Land-Graben weiter wächst, weil die Stadt linker und das Land bürgerlicher wird.
Das wird zunehmend zu Spannungen innerhalb des Kantons führen. Gut möglich, dass die Mobilitäts-Initiative erst der Anfang war. Für die neue Regierung wird es deshalb eine zentrale Herausforderung werden, Kompromisse einzugehen und gleichzeitig die Anliegen der städtischen Bevölkerung zu vertreten.
Was den Zürcher:innen noch fehlt, ist eine Nachfolge von Corine Mauch (SP). Der Favorit fürs Stadtpräsidium, Raphael Golta (SP), schaffte das absolute Mehr am Wahlsonntag noch nicht, weshalb es am 10. Mai zum zweiten Wahlgang kommen wird. Wird ihn noch jemand aus dem Stadtrat herausfordern?
Nein, Raphael Golta ist de facto Stadtpräsident. Es passt nicht zur Schweizer Politkultur und zum Demokratieverständnis, einen solchen Angriff zu starten.
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Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.