Wahllisten zeigen: Grüne setzen auf junge Frauen, SVP auf ältere Männer
Die Listen für die Gemeinderatswahlen offenbaren, wie die Parteien ihre Macht organisieren: Wer setzt auf junge Kandidierende, wo erhalten Frauen Chancen und welche bekannten Namen sollen Stimmen bringen. Eine Übersicht in sechs Punkten.
Seit Mittwoch liegen sie auf dem Tisch: die Parteilisten für die Gemeinderatswahlen im März 2026. Sie verraten, wer in welchem Wahlkreis auf welchem Listenplatz kandidiert.
Und damit, wie die Parteien ticken.
1. Links stellt deutlich mehr Frauen auf
Von 1081 Kandidierenden sind laut der Stadt 482 Frauen, was einem Anteil von 45 Prozent entspricht. Dieser Wert ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. 2018 lag der Frauenanteil noch bei 38 Prozent.
Im Verhältnis kandidieren am meisten Frauen für SP, Grüne und AL. In den Wahlkreisen 1 bis 5 stellen diese Parteien gleich viele Frauen wie Männer auf – teilweise auch mehr Frauen respektive FLINTA-Personen* (Frauen, Lesben, inter, non-binäre, trans und agender Personen). Auffällig ist, dass SP und Grüne FLINTAs konsequent auf den vorderen Listenplätzen platzieren.
Bei der GLP schwankt der Frauenanteil von Wahlkreis zu Wahlkreis. In mehreren innerstädtischen Kreisen ist das Geschlechterverhältnis relativ ausgewogen, teils mit mehreren Frauen in der oberen Listenhälfte. Ein Gegenbeispiel ist der Wahlkreis 9, dessen GLP-Liste deutlich männlich geprägt ist.
Die FDP bewegt sich ebenfalls im Mittelfeld, allerdings mit einer klaren Priorisierung. Frauen sind auf fast allen FDP-Listen vertreten, stehen jedoch seltener an Spitzenpositionen. Damit bleibt die Machtverteilung konservativ.
Die Mitte schneidet beim Frauenanteil noch schwächer ab als die FDP. Doch am tiefsten ist der Frauenanteil bei SVP und EVP. In mehreren Wahlkreisen bestehen die oberen Listenhälften fast ausschliesslich aus Männern.
*Die Daten basieren auf Daten der Stadt, die keine genauen Aussagen zu queeren oder nichtbinären Kandidierenden zulassen. Hieraus ergibt sich ein Unschärfebereich.
2. Bürgerliche setzen auf ältere Kandidierende
Beim Alter zeigt sich ein ähnliches Muster. Bei SP, Grünen und AL kandidieren vergleichsweise viele junge Personen. In fast allen Wahlkreisen finden sich Jahrgänge nach 2000, teils auf aussichtsreichen Plätzen.
Die GLP liegt altersmässig zwischen links und bürgerlich. Die FDP positioniert sich nochmals etwas älter; der Median des Alters der FDP-Kandidierenden liegt bei rund 46 Jahren. Bei der Mitte-Partei liegt er bei rund 50 Jahren. Die ältesten Listen stellen SVP und EVP. Dort häufen sich Jahrgänge vor 1965.
Bemerkenswert ist, dass es auch räumliche Unterschiede gibt: In den Wahlkreisen 1 bis 5 treten über alle Parteien hinweg deutlich jüngere Kandidierende an. In den Wahlkreisen 9 bis 12 sind sie deutlich älter, besonders bei bürgerlichen und konservativen Parteien.
3. Viele Akademiker:innen bei FDP, GLP und SP
Gemäss den angegebenen Berufen bleibt der Gemeinderat ein Gremium der Akademiker:innen.
Am meisten Studierte finden sich bei GLP und FDP, gefolgt von der SP. In diesen Parteien kandidieren überdurchschnittlich viele Jurist:innen, Ökonom:innen, Ingenieur:innen sowie Personen mit ausgewiesenen Hochschulabschlüssen.
Dabei fällt weniger der Abschluss selbst ins Gewicht als die Konzentration bestimmter Themenfelder.
Bei der SP stammen viele Kandidierende aus den Bereichen Bildung, Sozialem und Gesundheit. GLP und FDP setzen stärker auf Profile aus Verwaltung, Recht, Finanzen und Wirtschaft. Auch die Grünen werden ihrem Namen gerecht. Viele ihrer Kandidierenden kommen aus Umweltwissenschaften, dem Schulwesen oder arbeiten bei Umweltorganisationen.
Am tiefsten ist die Akademikerdichte bei der AL und der SVP, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Die AL bringt viele Kandidierende aus Kultur, Pflege, Sozialarbeit, Gewerkschaften und handwerklichen Berufen ein, mit einem Fokus auf Quartier- und Sozialpolitik. Bei der SVP dominieren KMU, Gewerbe und technische Berufe, ergänzt durch einzelne akademische Profile.
4. Grüne setzen auf Wechsel, FDP auf Kontinuität
Auffällig ist, dass besonders die Grünen viele neue Namen weit oben auf ihren Listen platzieren. Im Wahlkreis 6 führt Linda Junz die Liste an, im Wahlkreis 7+8 steht Simone Widmer an der Spitze, beide unter 30 Jahren. Die Grünen setzen damit sichtbar auf einen Generationenwechsel und machen neue Gesichter zu Aushängeschildern.
Weniger radikal erneuert die SP ihre Listen. Bisherige Gemeinderät:innen stehen weiterhin vorne, doch dahinter folgen regelmässig neue Namen auf aussichtsreichen Plätzen.
Ganz anders bei FDP und SVP. In fast allen Wahlkreisen führen bisherige Gemeinderät:innen oder langjährige Parteifiguren die Listen an. Neue Namen sind zwar präsent, rücken aber meist erst in der zweiten Listenhälfte nach.
5. Bekannte Namen als Zugpferde
Auch bekannte Persönlichkeiten kandidieren, oft aber auf nicht aussichtsreichen Plätzen. Ziel ist weniger der Einzug in den Gemeinderat als zusätzliche Sichtbarkeit für die Liste.
Für die AL kandidiert zum Beispiel der ehemalige Zürcher Stadtrat Richard Wolff auf der Liste des Wahlkreis 7+8, allerdings auf dem letzten Platz. Weiter führt die Partei drei bekannte Namen aus dem Kulturbereich auf. Da ist Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji, der Autor und Schriftsteller Willi Wottreng und Moritz Haegi, besser bekannt als Rapper unter dem Künstlername MzumO.
Bei den Grünen im Wahlkreis 9 bildet Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber das Schlusslicht der Liste, die EVP hat die Islamismuskritikerin Saïda Keller-Messahli für den Wahlkreis 7+8 aufgestellt.
6. Kleinstparteien dürften kaum Chancen haben
Auch Kleinstparteien wie die Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) und die Partei der Arbeit Zürich (PdAZ) oder Kandidierende auf der Freien Liste wollen in den Gemeinderat einziehen, dürften bei den Wahlen aber kaum eine Chance haben.
In Zürich gilt pro Wahlkreis eine Fünf-Prozent-Hürde. Nur Parteien oder Listen, die diese Schwelle erreichen, erhalten einen Sitz.
Auch bei der EVP ist offen, ob sie ihre Sitze verteidigen kann. Aktuell ist die Partei mit drei Gemeinderät:innen vertreten, in den Wahlkreisen 9, 11 und 12. Ob ihr dieser Einzug erneut gelingt, hängt davon ab, ob sie die Fünf-Prozent-Hürde in diesen Kreisen wieder überspringen kann.
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Studium der Politikwissenschaft und Philosophie. Erste journalistische Erfahrungen beim Branchenportal Klein Report und der Zürcher Studierendenzeitung (ZS), zuletzt als Co-Redaktionsleiter. Seit 2023 medienpolitisch engagiert im Verband Medien mit Zukunft. 2024 Einstieg bei Tsüri.ch als Autor des Züri Briefings und Berichterstatter zur Lokalpolitik, ab Juni 2025 Redaktor in Vollzeit. Im Frühjahr 2025 Praktikum im Inlandsressort der tageszeitung taz in Berlin.