Stadtforscher im Interview

Kritik an Zürcher Stadtplanung: «Der Kreis 5 ist nicht urban»

Der Soziologe Christian Schmid erforscht seit über 30 Jahren, wie sich Zürich entwickelt – und schaut besorgt zurück. Die linke Regierung habe es versäumt, die Stadt nachhaltig umzubauen, erklärt er im Interview. Seine Hoffnung: Die Wahlen im März.

Der Stadtforscher Christian Schmid steht auf den Treppen der ZHdK im Toni-Areal.
Bei der Entwicklung des Toni-Areals sei vieles schiefgelaufen, sagt der Stadtforscher Christian Schmid. (Bild: Isabel Brun)

Isabel Brun: Sie haben als Treffpunkt für dieses Interview das Toni-Areal vorgeschlagen. Warum?

Christian Schmid: Weil es stellvertretend für die Stadtplanung Zürichs der letzten Jahre steht. Statt eines lebendigen Boulevards, der uns versprochen wurde, stehen wir hier an der Pfingstweidstrasse auf einer grossen, weiten und leeren Asphaltfläche mit einer Tramlinie dazwischen. 

Wie konnte das passieren?

Der Plan der Stadt verlangte ursprünglich, dass sich das Toni-Areal mit den beiden Hochschulen auf die Aussenräume hin öffnet und so zur Belebung des Quartiers beiträgt. Realisiert wurde aber ein Projekt, das sich nach innen orientiert und sich gegen aussen abschottet. 

Deshalb herrscht hier draussen gähnende Leere?

Obwohl die Strecke bis zur Hardbrücke nur wenige hundert Meter lang ist, verzichten viele Studierende darauf, den Weg zu Fuss zurückzulegen und nehmen stattdessen das Tram. Das Gebiet ist zum Flanieren zu unattraktiv.

Das ist ein rein funktionaler Raum mit grossflächigen, glatten, geschlossenen Fassaden. Er wirkt kalt. Es gibt keinen Grund für die Bevölkerung, sich hier aufzuhalten, weil Läden, Cafés und öffentliche Nutzungen im Erdgeschoss fehlen. 

Zürich-West ist auch für seine tiefe Wohnquote bekannt. In keinem Kreis gibt es weniger Wohnungen als hier: Über 80 Prozent der Fläche werden für Büros oder Gewerberäume genutzt. 

Genau, das ist ein wichtiger Teil des Problems. Es bräuchte viel mehr Menschen, die sich durch die Strassen bewegen, damit ein Grossstadt-Gefühl entstehen könnte. Doch es braucht auch eine andere Gestaltung. Das zeigt sich im gegenüberliegenden Pfingstweidpark sehr eindrücklich. Trotz ansprechender Grünfläche mit Spielplatz und nahegelegenen Wohntürmen wird der Park kaum genutzt – unabhängig von der Jahreszeit. 

Der Park wurde erst 2015 eröffnet. Braucht es nicht einfach mehr Zeit, bis sich die Bevölkerung einen Ort aneignet?

Damit argumentiert die Stadt seit vielen Jahren. Es ist klar, dass Neubauquartiere Zeit brauchen, bis sie sich entfalten können. Doch wenn Menschen einen Ort nach zehn Jahren immer noch nicht nutzen, dann ist etwas schiefgelaufen. 

Das Gebiet entlang der Pfingstweidstrasse wird also tot bleiben?

Ja, ich sehe nicht, wie sich das noch ändern liesse. Dieser Raum ist fertig gebaut. Praktisch alle Zwischennutzungen, die das Quartier belebt hatten, sind mittlerweile verschwunden.

Wie kam es dazu?

Nachdem die Industriebetriebe Ende der 90er-Jahre den Kreis 5 verlassen hatten, entstanden in den alten Hallen die unterschiedlichsten Zwischennutzungen – Zürich-West wurde zum «Trendquartier». Gleichzeitig aber sahen die Grundbesitzer:innen ein enormes Gewinnpotential. Ursula Koch von der SP, die damalige Vorsteherin des Hochbauamtes, hatte versucht, mittels einer neuen Bau- und Zonenordnung Gestaltungsräume zu eröffnen.  

Aber?

Der Kanton Zürich hat die vom Volk angenommene Bauordnung zurückgewiesen und eine eigene erlassen – mit der Begründung, dass es zu viele Rekurse gegeben habe, und die weitere Planung deshalb über Jahre blockiert gewesen wäre. Es war ein unerhörter Vorgang.

Kochs Nachfolger und Parteikollege, Elmar Ledergerber, verfolgte dann eine andere Strategie. Diese fokussierte sehr stark auf die Interessen der Investor:innen. Man könnte sagen, Zürich-West ist das Resultat neoliberaler Stadtplanung.

«Die Zwischenräume sind sehr wichtig – sie wurden gerade in Zürich-West völlig vernachlässigt. »

Christian Schmid, emeritierter ETH-Professor

Neoliberal? Die Stadt wird doch seit jeher links regiert: Auch jetzt sitzt mit André Odermatt seit 2010 ein SP-Politiker im Hochbaudepartement.

Ich denke, Odermatts Stadtentwicklungspolitik entsprach nicht wirklich den Forderungen der Basis seiner Partei: Anstatt mutig in die Fussstapfen Ursula Kochs zu treten, folgte er eher Ledergerber. Er wirkte eingeschüchtert von einflussreichen Entwickler:innen.

Ganz schön harsche Kritik.

Diese Politik entstand natürlich nicht im luftleeren Raum. Wir haben vor einigen Jahren am Departement Architektur ein grosses Forschungsprojekt abgeschlossen und dabei auch gesehen, dass die Zürcher Behörden oft eine falsche Vorstellung davon haben, wie Urbanität entsteht.  

Auf den ersten Blick wirkt der Kreis 5 mit Primetower, Hardbrücke und modernen Wohntürmen durchaus urban.

Ja, vor allem auf den Nachtaufnahmen beeindruckt die Szenerie, und der Blick vom Restaurant im obersten Stock des Primetowers ist schon spektakulär. Aber leider sind diese «Lichter der Grossstadt» nur eine Verheissung. Zürich-West ist nicht wirklich urban. Dafür fehlen die sozialen Interaktionen. Urbanität entsteht durch die Aktivitäten der Menschen, nicht durch kühne Pläne und tolle Bilder. 

Ich wusste gar nicht, dass es im Primetower ein Restaurant gibt. Kommt man dort auch ohne Anzug und Aktentasche rein?

Natürlich. Aber dass Sie nichts davon wussten, zeigt, was wichtig ist: Räume entlang der Strasse, vielfältige und abwechslungsreiche Erdgeschossnutzungen. Viele Hauseingänge statt monotone Fassaden. Und vor allem die Diversität von Menschen und Nutzungen, die Möglichkeit für Interaktionen, und eine Gestaltung, die es erlaubt, dass die Menschen sich den Raum selbst aneignen können.  

Wichtig ist also auch, was zwischen den Gebäuden passiert?

Die Zwischenräume sind sehr wichtig – sie wurden gerade in Zürich-West völlig vernachlässigt. Und bei alledem ist es auch entscheidend, die Menschen mitreden zu lassen, die diese Räume künftig beleben sollen. Die Bevölkerung muss eigene Ideen einbringen können.

Christian Schmid steht auf der Brücke über der Pfingstweidstrasse im Kreis 5.
Christian Schmid hofft, dass im März die Weichen für eine nachhaltige Stadtentwicklung gestellt werden. (Bild: Isabel Brun)

Deshalb setzt die Stadt vermehrt auf Dialogveranstaltungen mit den Quartierbewohner:innen – zum Beispiel beim alten Schlachthof-Areal in Altstetten, das ab 2030 transformiert werden soll.

Ja, in den letzten fünf Jahren hat ein Umdenken stattgefunden. Und es gibt auch wichtige Vorschläge aus dem Quartier zur Erhaltung des Maag-Areals und zur Umgestaltung der Hardbrücke. 

André Odermatt wird sein Zepter diesen Frühling weitergeben. Seine letzte Errungenschaft soll die neue Bau- und Zonenordnung, kurz BZO, werden. Sie stellt die Weichen für die Zürcher Stadtentwicklung der nächsten 10 bis 15 Jahren. Mitte März wird sie öffentlich aufgelegt. Was erhoffen Sie sich davon?

Ein wichtiger Hebel ist die Verteilung des Bevölkerungswachstums auf mehrere Schultern. Die Stadt versucht seit Jahren, durch weitere Verdichtung möglichst viel des prognostizierten Bevölkerungswachstums für die Region aufzunehmen.

Weil in der Stadt mittlerweile aber praktisch alle Landreserven aufgebraucht sind, bedeutet Verdichtung meistens auch Abriss von günstigem Wohnraum. Dabei geht aber vergessen, dass die Agglomeration noch viel ungenutztes Potenzial zur Verdichtung bietet. 

Die Stadt soll die Verantwortung abschieben?

Nicht abschieben, sondern aufteilen. Als Gemeinde ist sie dafür verantwortlich, die Stadt lebenswert zu erhalten. Und sie hat bereits enorm viel zusätzlichen Wohnraum ermöglicht. Zwischen 2000 und 2025 ist die Wohnbevölkerung von rund 360’000 auf fast 450’000 Menschen angewachsen.  

Die stimmberechtigte Wohnbevölkerung wird am 8. März den Gemeinde- und Stadtrat neu wählen. Nach all der Kritik an der linken Regierung. Braucht Zürich eine bürgerliche Mehrheit?

Wenn wir deren Vorschläge anschauen, würden sie vor allem versuchen, die Verdichtung noch weiter voranzutreiben und den Mieterschutz zu schwächen. Es braucht aber das Gegenteil: praktische Vorschläge dafür, wie wir ohne Abbruch verdichten – und wie wieder mehr günstige Wohnungen geschaffen werden können. Ideen dazu sind vorhanden. Aber sie müssen auch umgesetzt werden.

Ohne Deine Unterstützung geht es nicht.

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!

Jetzt unterstützen!
isabel

Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin bei der Tierklinik Obergrund Luzern. Danach zweiter Bildungsweg via Kommunikationsstudium an der ZHAW. Praktikum bei Tsüri.ch 2019, dabei das Herz an den Lokaljournalismus verloren und in Zürich geblieben. Seit Anfang 2025 in der Rolle als Redaktionsleiterin. Zudem Teilzeit im Sozialmarketing bei Interprise angestellt.  

tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare