Fragwürdige Praxis: Stadt spendiert Zürcher Politiker:innen Letzigrund-Tickets
Während Fans hunderte Franken bezahlen, erhalten Zürcher Politiker:innen Gratis-Tickets für Taylor Swift oder das Sportevent «Weltklasse Zürich». Die Kritik an der intransparenten Vergabepraxis durch die Stadt wächst – es fehlen klare Regeln.
Wenn Weltstars wie Taylor Swift oder Coldplay im Letzigrund ein Konzert ankündigen, sind die Tickets innert Minuten weg. Wer im Vorverkauf eines erwischt, hat Glück und zahlt nicht selten mehrere hundert Franken.
Eine kleine Gruppe von Zürcher Politiker:innen muss sich weder rechtzeitig um den Vorverkauf kümmern, noch etwas für die Tickets bezahlen. Die gemeinderätliche Gruppe Sport (GGS), die sich für die Zürcher Sportvereine einsetzt, wird regelmässig vom Sportamt der Stadt Zürich an Konzerte oder Sport-Events eingeladen.
Die Mehrheit der Veranstaltenden im Letzigrund würde der Stadt kostenlose Tickets anbieten, heisst es beim Sportamt auf Anfrage. Wie viele Tickets vergeben werden und welche Personen davon profitieren, darüber wird jedoch keine Datenbank geführt. Für Sven Sobernheim, Fraktionschef der GLP Stadt Zürich, ist dieses Vorgehen problematisch. Die Vergabe von Tickets müsste die Stadt als Ausgabe in der Buchhaltung aufführen.
Auch David Garcia Nuñez von der Alternativen Liste (AL) stört sich daran, dass Tickets, die im Verkauf bis zu mehrere Hundert Franken kosten, unter der Hand an Parlamentarier:innen vergeben und diese mit Geschenken für ihre Arbeit belohnt werden. «Die Verwaltung sollte sich fragen, warum sie die Tickets verteilt und mit welchem Auftrag dies geschieht.»
AL verzichtet auf Teilnahme
Aus diesem Grund sei die AL nicht mehr in der GGS präsent. Die Gruppe habe grossen Einfluss im Gemeinderat, so Garcia Nuñez, sei aber nicht demokratisch legitimiert: «Es ist ein Problem, dass dort Themen besprochen werden, die eigentlich in eine parlamentarische Kommission gehören.»
Der AL-Politiker lehnt sämtliche Goodies ab, die ihm als Gemeinderat angeboten werden. Es sei ein No-Go, dass man als Politiker:innen Präsente annehme. Viel wichtiger sei eine bessere Entschädigung für die Arbeit im Gemeinderat.
In der GGS sind zehn Politiker:innen aus den Parteien SP, SVP, FDP, Mitte, GLP, EVP und Grüne versammelt. Über 40 Prozent aller Vorstösse zum Thema Sport in der laufenden Legislatur kommen von einer dieser zehn Personen.
Besonders aktiv sind Anjushka Früh (SP), Lisa Diggelmann (SP) und Balz Bürgisser von den Grünen – sie haben im vergangenen Jahr je zehn oder mehr Vorstösse eingereicht. Die drei Politiker:innen reagierten auf entsprechende Anfragen nicht.
Kritik von Lobbywatch
Beispielsweise Roger Föhn von der EVP sei je zweimal am Leichtatlehtik-Anlass «Weltklasse Zürich» und an Konzerten gewesen, schreibt er per Mail. Ähnlich Përparim Avdili von der FDP, welcher zweimal das Leichtathletik-Meeting und das Taylor-Swift-Konzert besucht hat, wie er gegenüber Tsüri.ch bestätigt.
Karin Weyermann von der Mitte schreibt, sie führe keine Statistik und die Besuche im Letzigrund würden in keinem Zusammenhang mit Geschäften im Parlament stehen. Und Florian Utz von der SP meldet, er habe keine Tickets vom Sportamt beansprucht.
Ausführlicher äussert sich Christine Huber von der GLP. Sie stellt ihre Konzertbesuche auf Einladung in einen direkten Zusammenhang mit ihrem politischen Engagement für eine bessere ÖV-Versorgung im Quartier Albisrieden. Durch den persönlichen Vergleich vor Ort habe sie aufzeigen können, dass der Verkehr bei Konzerten reibungslos funktioniere, während er bei Fussballspielen massiv eingeschränkt wurde, was schliesslich zu einem erfolgreichen parlamentarischen Vorstoss führte.
Nicht alle Mitglieder der GSS reagieren auf die Frage, wie oft sie in den Letzigrund eingeladen worden sind und ob diese Einladungen in einem Zusammenhang mit einem laufenden Geschäft im Gemeinderat stehen.
Der Verein Lobbywatch kritisiert die Geschenkannahme durch Politiker:innen: «Ob ein Geschenk tatsächlich Einfluss auf eine politische Entscheidung hat, ist nur schwer nachweisbar – das Potenzial dafür besteht aber immer», sagt Co-Geschäftsleiter Reto Naegeli.
In diesem konkreten Fall sei die Intransparenz stossend: «Wenn Politiker:innen schon Geschenke annehmen, haben Wähler:innen ein Recht zu wissen, von wem.» Es brauche klare Regelungen über die Handhabung – «idealerweise eine Offenlegungspflicht oder ein Verbot solcher Zuwendungen».
Diese Recherche wird ermöglicht von «investigativ.ch: Recherche-Fonds der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung»
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An der Universität Zürich hat Simon Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Nach einem Praktikum bei Watson machte er sich selbstständig und hat zusammen mit einer Gruppe von motivierten Journalist:innen 2015 Tsüri.ch gegründet und vorangetrieben. Seit 2023 teilt er die Geschäftsleitung mit Elio und Nina. Sein Engagement für die Branche geht über die Stadtgrenze hinaus: Er ist Vize-Präsident des Verbands Medien mit Zukunft und Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) und macht sich dort für die Zukunft dieser Branche stark. Zudem ist er Vize-Präsident des Gönnervereins für den Presserat und Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. 2024 wurde er zum Lokaljournalist des Jahres gewählt.