Andreas Hauri: Vom «Mr. Nice Guy» zum Stadtrat ohne Wahlbündnis
Er eckte kaum an, erzielte sichtbare Erfolge und ist in der Bevölkerung beliebt. Trotzdem bleibt Stadtrat Andreas Hauri isoliert: keine Zürcher Partei empfiehlt den GLP-Politiker zur Wiederwahl.
Am 8. März entscheiden die Stadtzürcher:innen, wer für die nächsten vier Jahre im Stadtrat sitzt. Sechs der neun bisherigen Mitglieder treten erneut an. Auch Andreas Hauri, GLP, kandidiert wieder. Zum dritten Mal.
Lange galt Hauri als sachlicher, umgänglicher Stadtrat. Einer, der Ergebnisse lieferte – in Gesundheit, Alter und Umwelt. Doch heute steht er politisch isoliert da: Keine andere Partei empfiehlt ihn offiziell zur Wiederwahl.
Dabei begann alles vielversprechend.
Erfolge in Gesundheit, Alter und Klima
Es ist 2018, als Andreas Hauri als erster GLP-Politiker überraschend in den Stadtrat gewählt wird. Als Achter, eingeklemmt im FDP-Sandwich zwischen Filippo Leutenegger und Michael Baumer. Die Republik nennt ihn damals den «Mr. Nice Guy», gar «das hellgrüne Wunder von Zürich».
Hauri übernimmt das Gesundheits- und Umweltdepartement (GUD) von Claudia Nielsen (SP), die sich einen Monat vor den Wahlen überraschend aus dem Rennen zurückgezogen hat. Es ist ein Departement im Ausnahmezustand. Die Stadtspitäler Waid und Triemli sind finanziell angeschlagen, das Vertrauen ist auf dem Tiefpunkt.
Vier Jahre später, 2022, wird Hauri wiedergewählt. Der Tages-Anzeiger attestiert ihm «die Kunst des Nichtaneckens».
Hauri gelang es, die Stadtspitäler finanziell zu stabilisieren, das Pilotprojekt «42+4» zur Entlastung von Assistenzärzt:innen durchzusetzen, die Arbeitsbedingungen im Pflegepersonal zu verbessern. Im Umgang mit der Pandemie erhält er ein gutes Zeugnis.
Auch in der Alterspolitik brachte Hauri Veränderungen. Mit der «Altersstrategie 2035» förderte Hauri rund 1000 zusätzliche Alterswohnungen, um selbstbestimmtes Altern zu ermöglichen und zugleich bezahlbaren Wohnraum für jüngere Haushalte zu schaffen. In der Klimapolitik brachte er trotz blockierter Dossiers auf Bundes- und Kantonsebene das Netto-Null-Ziel voran. Im Beliebtheits-Ranking von Tsüri.ch lag er im vorderen Feld.
Heftige Kritik an der neuen Vergabe von Alterswohnungen
Doch ganz ohne Widerstand blieb seine Politik nicht. Der Vorschlag, Alterswohnungen künftig per Los zu vergeben, sorgte 2021 für heftigen Protest, vor allem bei Senior:innen. Der Stadtrat zog daraufhin den Entscheid zurück, die Wartelisten für Alterswohnungen blieben bestehen.
Kritik gab es ebenfalls an den Tarifen für die städtischen Altersheime. Um die höheren Fixkosten auszugleichen, beschloss Hauri, die Preise um bis zu neun Prozent zu erhöhen. Linke Parteien stellten sich dagegen, ebenso die SVP. Hauri blieb hart und verlor den Machtkampf. SP, Grüne und AL entzogen dem Stadtrat die Kompetenz, die Gebühren festzulegen. Auch der Versuch, das Stadtspital Triemli auszugliedern, scheiterte. Die linke Mehrheit des Gemeinderats blockierte das Vorhaben.
Die Leichtigkeit der Anfangszeit verschwand zunehmend. Hauri musste Kompromisse eingehen, seine Initiativen gegen Widerstand verteidigen, Niederlagen einstecken.
Die Unterstützung schwindet
Die Folge: Hauri steht heute ohne parteipolitische Allianzen da. Zwar rangiert er in zwei Umfragen auf dem siebten beziehungsweise sechsten Platz, doch in der öffentlichen Debatte wird er vergleichsweise wenig wahrgenommen.
Hinzukommt, SP, Grüne und AL treten mit einem gemeinsamen Wahlbündnis an und unterstützen ausschliesslich ihre eigenen Kandidierenden. Auch die mitte-bürgerlichen Parteien setzen auf Personen aus ihren jeweiligen Bündnissen.
Droht Hauri, den Anschluss zu verlieren?
«Hauri ist ein guter Verkäufer, clever und flexibel. Wenn er merkt, dass etwas funktioniert, verkauft er es als seine Idee.»
David Garcia Nuñez, AL-Gemeinderat
Klare Worte findet die AL. Sie werde Andreas Hauri nicht unterstützen, sagt AL-Gemeinderat David Garcia Nuñez. «Wir haben uns im Verlauf seiner Amtszeit immer wieder mit Hauri gestritten.» In vielen Bereichen seien sie sich uneinig gewesen – sowohl im Gesundheitsbereich als auch beim Umweltressort, sagt Garcia Nuñez.
Besonders im Gesundheitswesen habe sich die AL gegen Hauri durchsetzen müssen, etwa bei der Nicht-Auslagerung des Stadtspitals oder bei der Durchsetzung der 35-Stunden-Woche im Spitalschichtbetrieb, sagt Garcia Nuñez.
Dennoch, Hauri habe durchaus Stärken: «Hauri ist ein guter Verkäufer, clever und flexibel. Wenn er merkt, dass etwas funktioniert, verkauft er es als seine Idee.»
Projekte wie «Soziale Rezepte» oder medizinische Angebote für Sans-Papiers seien aus der AL gekommen. Hauri habe sie zunächst bekämpft, später übernommen. Im Umweltbereich habe er Fortschritte gemacht, sagt Garcia Nuñez, zeige aber zu wenig politische Vision.
Auch die SP verweist auf Differenzen, etwa bei der Auslagerung des Stadtspitals und bei den Alterszentrumstarifen. Diese seien aus ihrer Sicht falsch beschlossen worden.
Die Grünen begründen ihre ablehnende Haltung so: Man habe von der GLP keine Unterstützungsanfrage erhalten; in sozialen Fragen wie Mindestlohn, Steuersenkungen oder Spitalausgliederungen sei man oft weit voneinander entfernt. Unterstützen würden die Grünen Hauri in Bereichen wie Klimakommunikation und Netto-Null-Ziel, nicht jedoch bei der Ausgliederung der Stadtspitäler.
«Viele machen Hauri persönlich für die Tarife der Altersheime verantwortlich. Ihm das anzulasten, ist falsch.»
Wolfgang Kweitel, Präsident der Mitte Stadt Zürich
Ohne Allianz von Mitte bis rechts
Von der Mitte-Partei erhält Hauri ebenfalls keine offizielle Unterstützung. Dabei scheint es weniger um die Person Hauri, als vielmehr die Partei GLP zu gehen. Denn diese sei politisch schwer einzuordnen, sagt Wolfgang Kweitel, Präsident der Mitte Stadt Zürich auf Anfrage. «Bei vielen Sachfragen stimmt die GLP im Parlament nicht mit der Mitte, sondern mit SP, AL und Grünen.» Diese Mehrheit sei «eine Schieflage, die es zu korrigieren gilt».
Zur Kritik an Hauri sagt Kweitel, er habe umgesetzt, was im Gemeinderat beschlossen wurde. «Viele machen Hauri persönlich für die Tarife der Altersheime verantwortlich», sagt Kweitel. «Ihm das anzulasten, ist falsch.»
Die FDP habe die Zusammenarbeit mit der GLP gesucht, doch diese sei nicht zustande gekommen – «zu unserem Bedauern», schreibt Përparim Avdili, Präsident der FDP Stadt Zürich. Von Seiten der FDP gebe es deshalb keine einseitige Wahlempfehlung für Stadtrat Andreas Hauri. «Als zweitgrösste Partei erheben wir einen Führungsanspruch, den wir geltend machen.» Die GLP tue sich schwer, sich politisch klar einzuordnen, sagt Avdili. Für die FDP stünden neue Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat und Gemeinderat im Vordergrund.
Die EVP und SVP unterstützen die Kandidierenden der Mitte, Karin Weyermann, und der FDP, Përparim Avdili.
Die GLP weist die Kritik zurück
Bei der GLP zeigt man sich gelassen. Nicolas Cavalli, Co-Präsident der GLP Stadt Zürich, schreibt auf Anfrage, Andreas Hauri sei bereits 2018 ohne parteiübergreifendes Ticket gewählt und 2022 problemlos bestätigt worden. Er geniesse hohes Vertrauen der Bevölkerung.
Zur Kritik von links, zentrale Fortschritte im Gesundheitsbereich seien vor allem durch parlamentarische Vorstösse zustande gekommen, schreibt Cavalli: Das Stadtspital Zürich stehe heute «so gut da wie seit Jahren nicht mehr», geniesse hohes Vertrauen und gelte als attraktive Arbeitgeberin. Auch Programme wie «Stärkung Pflege», das Pilotprojekt «42+4», die «Altersstrategie 2035» oder die Umsetzung der Netto-Null-Strategie hätten Verbesserungen gebracht. Kritik und Vorstösse gehörten zur politischen Arbeit, schreibt Cavalli. Entscheidend sei, dass daraus Fortschritte entstünden.
Gespräche mit anderen Parteien zur gegenseitigen Wahlunterstützung habe es gegeben, bestätigt Cavalli. Gleichzeitig müsse die politische Mitte gestärkt werden. «Da ist die GLP genau richtig – als Gegenpol zu weiterer Polarisierung.»
Auch Andreas Hauri selbst misst Wahlempfehlungen wenig Bedeutung bei. Entscheidend sei nicht, wer ihn offiziell unterstütze, sondern ob seine Arbeit Wirkung zeige, schreibt er auf Anfrage. Diese stosse sowohl in der Bevölkerung als auch über Parteigrenzen hinweg auf Vertrauen. Den Vorwurf, Fortschritte seien vor allem parlamentarisch erzwungen worden, weist Hauri zurück. Unterschiedliche Meinungen gehörten zur Politik. Die grosse Mehrheit der Geschäfte aus seinem Departement würde im Gemeinderat breit unterstützt.
Massgeblich sei die Bilanz, sagt Hauri. «Wir haben in zentralen Bereichen wichtige Grundlagen gelegt; in der Gesundheitsversorgung, mit der Altersstrategie, beim Stadtspital, beim Klimaschutz und in der modernen Drogenpolitik.»
In Wahlkämpfen werde oft viel versprochen. Ihm sei wichtiger, zu zeigen, was tatsächlich mit politischer Arbeit und bestehenden Mehrheiten erreicht worden sei. Ohne grosses Getöse.
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Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.