Neuer kurdischer Verein

Kurd:innen in Zürich: «Wir schauen mit grosser Angst nach Rojava»

Die militärischen Angriffe auf kurdische Gebiete in Syrien führen auch in Zürich zu Demonstrationen. Gleichzeitig gründen junge Kurd:innen den Verein «Hêvî», um politisches Engagement neu zu organisieren.

Demonstration Demo Zürich Kurdistan 2026
«Freiheit für Kurdistan»: Tausende protestierten am 24. Januar in Zürich. (Bild: Kritisches Fotografiekollektiv)

Die aktuellen Entwicklungen in Nordsyrien bringen die bedrohte Lage von Kurd:innen in die Weltöffentlichkeit und auf die Strassen Zürichs.

Seit Anfang Januar rückt der syrische Interimspräsident Ahmed al-Scharaa immer weiter in das selbstverwaltete kurdische Gebiet Rojava ein – trotz Waffenstillstand. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), welche die kurdischen Gebiete kontrollieren, haben seit Januar 2026 etwa ein Drittel ihres Territoriums verloren.

Die neue syrische Regierung fordert die vollständige Integration der SDF in die nationale Armee. Die Türkei unterstützt die syrische Offensive, während die USA unter Präsident Trump die langjährige Unterstützung der SDF beendet.

Für kommenden Samstag haben diverse Organisationen zur nationalen Demonstration in Bern aufgerufen. Am selben Tag wird in Zürich ein neuer Verein gegründet. Die Initiative «Hêvî» will jugendlichen Kurd:innen in der Schweiz eine Stimme gegeben. Doğuş B.*., 30 Jahre alt, ist eines der fünf Vorstandsmitglieder.

Nina Graf: Die Gründungsfeier Ihres Vereins wird überschattet von den aktuellen politischen Ereignissen in den kurdischen Gebieten. Alle Mitglieder von Hêvî haben dort Familienangehörige. Wie geht es Ihnen?

Doğuş B.: Wenn ich ehrlich bin: schlecht. Wir glauben an die Kraft der Kurd:innen vor Ort und an die Macht von Demonstrationen im Rest der Welt. Aber wir schauen mit grosser Angst nach Rojava. Viele befürchten, dass die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien verloren geht.

Gleichzeitig sind wir wütend, dass in Rojava Kinder erfrieren, und dass der US-Sonderbeauftragte in Syrien sagt, die Rolle der Kurd:innen als Kämpfer gegen den Islamischen Staat (IS) habe ausgedient. Die Kurd:innen waren es, die im Nahen Osten die demokratischen Werte vertreten haben. Und jetzt ist es, als würde Kurdistan als Friedhof dienen, damit andere ihre Weltpolitik machen können.

Die kurdische Widerstandsbewegung ist in Zürich schon lange sichtbar, etwa an den 1.-Mai-Demonstrationen oder auch am 8. März. Ist an den aktuellen Demonstrationen etwas anders?

Ich spüre zum ersten Mal, dass die Kurd:innen eine Einheit bilden. Das ist ja auch eine Folge davon, dass unser Volk auf vier Länder aufgeteilt wurde. Jede:r hat eine eigene Lebensrealität, was es schwierig macht, etwas Gemeinsames zu finden. Als Reaktion auf die Anschläge in Syrien sind aber auch im Irak Millionen Menschen auf die Strasse gegangen.

«Kurdisch zu sein, ist automatisch politisch.»

Doğuş B., Vorstandsmitglied des neuen Vereins «Hêvî»

Sind die Mitglieder von Hêvî auch an den Demonstrationen involviert?

Als Verein sind wir gerade mit dem Vorbereiten des Gründungskongresses beschäftigt. Alle Mitglieder sind aber in kurdischen Strukturen aktiv und organisieren dort Demonstrationen mit. Ich bin zum Beispiel im kurdischen Gesellschaftszentrum aktiv, und  organisiere dort Demonstrationen mit.

Innerhalb der kurdischen Diaspora gibt es eine starke Tradition zum politischen Widerstand. War das bei Ihrer Familie auch so?

Ich glaube, kurdisch zu sein, ist automatisch politisch. Kurd:innen sind eine alte Minderheit. Sie werden in allen vier Teilen Kurdistans in ihrer Freiheit eingeschränkt, verfolgt oder sogar gefoltert. Gleichzeitig wird uns die kurdische Identität abgesprochen: Im Irak sind wir Iraker, in Syrien Syrerinnen.

Fast alle Familien haben solche Traumata, und das verbindet uns. Als Kurd:in, gehört es dazu, Bildungsveranstaltungen, Lesekreise und Podiumsdiskussionen zu besuchen. Ich habe schon als Jugendlicher Bücher und Artikel über die kurdische Geschichte gelesen – von meinen Schweizer Freund:innen war in diesem Alter kaum jemand politisch aktiv.

Hevi kurdischer Verein
Die erste Infoveranstaltung des Vereins Hêvî im Zollhaus diesen Januar. (Bild: Initiative Hêvî)

Inwiefern hat das Ihren Verein geprägt? Sie richten sich ja explizit an jugendliche Kurd:innen in der Schweiz.

Das war der Grund, warum wir überhaupt einen Verein gründen: Wir bauen auf der 40-jährigen Arbeit und den Erfahrungen unserer Eltern und Verwandten auf. Ohne diese Strukturen gäbe es keine kurdische Präsenz in der Schweiz.

Als Kinder der zweiten Generation, die hier geboren und aufgewachsen sind, bringen wir andere Erfahrungen und neu politische Handlungsmöglichkeiten mit. Wenn wir zum Beispiel an Demonstrationen gehen, wird mein Vater wegen der sprachlichen Barriere keine Rede halten können.

Was wollen Sie mit dem Verein erreichen?

In erster Linie wollen wir stärker auf die Lage in Kurdistan aufmerksam machen: über Social Media, mit Podiumsdiskussionen und indem wir uns mit Politiker:innen vernetzen.

Uns geht es aber auch darum, strukturelle Probleme der Schweiz zu benennen. Ich bin hier geboren, und meine kurdische Seite fühlt sich unsichtbar. In diesem System gelte ich immer noch nicht als Kurd:in. Auf meinem Pass bin ich Türke. Das Einmischen in politische Prozesse erfordert Selbstbewusstsein und genau das wollen wir fördern.

Was ist das erste Projekt von Hêvî?

Zuallererst sind wir mit administrativen Dingen beschäftigt, etwa damit, den Verein aufzubauen, Mitglieder zu finden und Arbeitsgruppen zu gründen. Heute sind wir fünf Vorstandsmitglieder aus der ganzen Deutschschweiz. Für die Gründungsfeier am Samstag haben wir bisher über 100 Anmeldungen.

Gibt es Möglichkeiten, wie nicht-kurdische Menschen den Verein unterstützen können?

Mitglied im Verein können nur Kurd:innen werden. Denn es geht darum, dass wir uns selbst organisieren. Wir wollen aber mit anderen Kollektiven zusammenarbeiten und gemeinsame Projekte ausarbeiten. Wir wollen uns nicht abschotten, sondern den Kampf für das kurdische Volk bekannt machen.

*Zum Schutz der Person und seiner Familie vor Repressionen bei einer Einreise ins Heimatland wird sein Nachname nicht genannt.

Ohne Deine Unterstützung geht es nicht.

Unsere Community ermöglicht den freien Zugang für alle. Dies unterscheidet uns von anderen Medien. Wir begreifen Journalismus nicht nur als Produkt, sondern auch als öffentliches Gut. Unsere Artikel sollen möglichst vielen Menschen zugutekommen. Mit unserer Berichterstattung versuchen wir das zu tun, was wir können: guten, engagierten Journalismus. Alle Schwerpunkte, Berichte und Hintergründe stellen wir dabei frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade jetzt müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Was uns noch unterscheidet: unsere Leser:innen. Sie müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Mittlerweile sind 3000 Menschen dabei und ermöglichen damit den Tsüri-Blick aufs Geschehen in unserer Stadt. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 3500 – und mit deiner Beteiligung können wir es schaffen. Es wäre ein schönes Zeichen für Tsüri.ch und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 8 Franken bist du dabei!

Jetzt unterstützen!
tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren

Kommentare