Das sind die 5 wichtigsten Fragen zum Wahlsonntag
Kippt die linke Mehrheit? Verliert die FDP einen Sitz in der Regierung? Damit du bestens vorbereitet in die Schlussphase der Zürcher Wahlen startest, haben wir dir die wichtigsten Fragen beantwortet. Ein Kommentar.
Am Sonntag wählen die Zürcher:innen ihr neues Parlament (Gemeinderat) und die neue Regierung (Stadtrat). Die Wahlen sind so spannend, wie schon lange nicht mehr – diese entscheidenden Fragen werden geklärt.
1. Kippt die linke Mehrheit im Gemeinderat?
Welcher Block hat die kommenden vier Jahre die Mehrheit im Parlament? Bis anhin konnten die linken Parteien SP, Grüne und AL entscheiden, wo es langgeht – sie waren mit einer Stimme mehr im Rat vertreten.
Kippt diese hauchdünne Mehrheit, würde sich das auf das Leben der Zürcher:innen auswirken. Neu bräuchte es für Entscheide im Gemeinderat beispielsweise die Stimmen der GLP. In diesem Falle dürften die Veloförderung weitergehen (mit den Linken), die Steuern gesenkt werden (mit den Bürgerlichen) und die Wohnbauförderung wohl gebremst werden.
Meine Prognose: Die linke Mehrheit wird leicht gestärkt.
2. Verliert die FDP einen Sitz im Stadtrat?
«Der stolze Zürcher Freisinn ist Geschichte», sagte Politologe Oliver Strijbis im Interview mit Tsüri.ch nach der letzten Wahlumfrage. Nachdem sich Stadtrat Filippo Leutenegger aus der Regierung zurückgezogen hat, muss die FDP um ihren zweiten Sitz bangen.
Der bisherige Stadtrat Michael Baumer ist in der Bevölkerung weder besonders beliebt, noch bekannt. Der Partei droht gar ein Horrorszenario: Der angriffige Parteipräsident Përparim Avdili könnte Parteikollege Baumer aus dem Stadtrat werfen.
Das realistischste Szenario ist allerdings, dass Baumer wiedergewählt wird und Avdili den Sprung in die Regierung knapp verpasst. Stattdessen dürften die Grünen mit dem bekannten Balthasar Glättli der FDP den Sitz wegschnappen.
Meine Prognose: Glättli stürzt die FDP ins Elend.
3. Gibt es einen zweiten Wahlgang ums Stadtpräsidium?
Die bürgerlichen Parteien konnten sich nicht auf eine:n Kandidat:in einigen, weshalb sich die Stimmen ums Stadtpräsidium rechts der Mitte auf drei Personen verteilen: Ueli Bamert (SVP), Përparim Avdili (FDP) und Serap Kahrimann (GLP).
Links der Mitte ist der Machtanspruch der SP unbestritten, weshalb der amtierende Stadtrat Raphael Golta der einzige Kandidat für das Stadtpräsidium ist.
Der grösste Erfolg für die Bürgerlichen wäre, wenn Golta nicht auf Anhieb über 50 Prozent der Stimmen schafft und es einen zweiten Wahlgang gibt. Dass aber die SP mit Golta das Stadtpräsidium behalten kann, ist längst klar.
Meine Prognose: Raphael Golta schafft es im ersten Wahlgang.
4. Welche Parteien gewinnen dazu und welche verlieren?
Die Parteistärken werden sich wohl kaum verschieben, wie die letzte Wahlumfrage von Tsüri.ch zeigt. Einzig SP und SVP könnten ein bisschen gewinnen, während die FDP ein wenig verlieren dürfte. Die anderen Parteien sind relativ stabil.
Weil im Gemeinderat derzeit nur eine Stimme den Ausschlag gibt, haben bereits kleinste Verschiebungen grosse Auswirkungen auf Entscheide. Den mächtigsten Motor hat die SP, die in den vergangenen vier Jahren ihre Mitgliederbasis um rund ein Viertel vergrössern konnte. Das deutet auf einen Erfolg hin.
Die FDP hat das grösste Wahlkampfbudget, ihre Rezepte und Angebote scheinen bei der Bevölkerung aber nicht richtig zu punkten. Und die Grünen stehen vor der Herausforderung, dass sich die Klimakrise weiter verschärft, das Thema in der Öffentlichkeit aber kaum mehr aufrüttelt.
Meine Prognose: Die SP gewinnt leicht, die FDP verliert minim und die EVP fliegt aus dem Parlament (siehe unten).
5. Fliegen die Mitte und die EVP aus dem Parlament?
Ums nackte Überleben geht es bei den Kleinstparteien die Mitte und der EVP. Denn um den Sprung ins Parlament zu schaffen, muss jede Partei in mindestens einem Wahlkreis mindestens fünf Prozent der Stimmen holen.
Vor vier Jahren gelang dies der Mitte und der EVP nur knapp. Ob es diesmal wieder reicht?
Meine Prognose: Die etwas grössere Mitte (Ex-CVP) schafft es wieder, die EVP nicht.
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An der Universität Zürich hat Simon Politikwissenschaften und Publizistik studiert. Nach einem Praktikum bei Watson machte er sich selbstständig und hat zusammen mit einer Gruppe von motivierten Journalist:innen 2015 Tsüri.ch gegründet und vorangetrieben. Seit 2023 teilt er die Geschäftsleitung mit Elio und Nina. Sein Engagement für die Branche geht über die Stadtgrenze hinaus: Er ist Vize-Präsident des Verbands Medien mit Zukunft und Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK) und macht sich dort für die Zukunft dieser Branche stark. Zudem ist er Vize-Präsident des Gönnervereins für den Presserat und Jury-Mitglied des Zürcher Journalistenpreises. 2024 wurde er zum Lokaljournalist des Jahres gewählt.