Die Mitte und EVP kämpfen bei den Zürcher Wahlen ums politische Überleben
Die Mitte und die EVP kämpfen bei den kommenden Gemeinderatswahlen um den Wiedereinzug ins Parlament. Um genügend Stimmen zu erreichen, hoffen sie darauf, dass die bisher stabile Unterstützung für linke Parteien nachlässt.
«Darf ich Ihnen eine Wahlempfehlung für den 8. März mitgeben?» Mit einer Mandarine und einem Schoggibranchli bewaffnet, versucht Karin Weyermann Wahlflyer der Mitte unter die Passant:innen an der Haltestelle Schmiede Wiedikon zu bringen. Die meisten winken ab oder murren eine flüchtige Ausrede.
Wenig überraschend: Es ist eiskalt an diesem Samstagmorgen und die Mitte hat kaum Unterstützer:innen in Wiedikon. Bei den letzten Gemeinderatswahlen erhielt die Partei gerade mal 2,7 Prozent der Stimmen im Kreis 3 – noch weniger gab es nur in den Kreisen 4 und 5. Der Einzug ins Parlament gelang nur dank des Erreichens der Fünf-Prozent-Hürde in drei Wahlkreisen. Im Kreis 7+8 schaffte es die Mitte mit nur 26 Stimmen über die Schwelle.
Dass jede Stimme zählt, weiss auch Mitte-Gemeinderätin Karin Weyermann. Seit Wochen ist sie an verschiedenen Standaktionen in der ganzen Stadt unterwegs. «Die Fünf-Prozent-Hürde hängt wie ein Damoklesschwert über uns», sagt Weyermann. Doch sie sei zuversichtlich, dass auch kleinere Parteien in der Mitte wichtig sind: «Die Leute sind der linken Regierung überdrüssig und wollen neuen Wind.»
Erfahrene Politikerinnen für den Stadtrat
Die Fünf-Prozent-Hürde stellt für kleine Parteien oft die grösste Herausforderung dar. Nur wer in mindestens einem Wahlkreis fünf Prozent oder mehr der Stimmen erreicht, zieht mit Kandidierenden ins Parlament ein. 2018 verpasste die Mitte (damals noch als CVP) diese Hürde.
Auch Gemeinderätin Weyermann musste eine vierjährige Zwangspause einlegen, bis die Partei 2022 wieder genügend Stimmen erzielte.
Die EVP schaffte nur dank 3000 Stimmen in Schwamendingen die Hürde. Die gemeinsame Mitte/EVP-Fraktion hat mit dem kürzlich von der SVP übergetretenen Bernhard im Oberdorf zehn Stimmen im Gemeinderat. Damit macht sie gerade mal acht Prozent des Parlaments aus. Die EVP und Mitte bleiben somit politisch unauffällig und können selten Vorstösse mit stadtrelevanter Tragweite umsetzen.
Das soll in der kommenden Legislatur anders werden. «Die Politik der Mitte fehlt im Stadtrat. Das muss sich ändern», kündigte die Mitte bereits im Sommer an. Sowohl die EVP als auch die Mitte schicken je eine Kandidatin ins Rennen für den Stadtrat.
Bei den letzten Wahlen trat noch Josef Widler an, der dank seiner Bekanntheit als Wahllokomotive galt. Heute soll Gemeinderätin Karin Weyermann diese Funktion übernehmen. Weyermann ist Juristin und stellvertretende Statthalterin in Pfäffikon ZH und seit 2011 – mit eben jenem Unterbruch – im Gemeinderat.
Auch EVP-Präsidentin der Stadt Zürich und Gemeinderätin Sandra Gallizzi will die erste EVP-Stadträtin seit 32 Jahren werden.
Auf Anfrage gibt Gallizzi an, dass sie sich für ein Zürich, in dem es genügend bezahlbaren Wohnraum gibt, soziale Sicherheit und eine faire Bildungspolitik einsetze.
Angesichts der Wahlergebnisse der letzten Jahre bleiben die Stadtratskandidaturen von Karin Weyermann und Sandra Gallizzi aussichtslos. Trotzdem können EVP und Mitte so für ihre stärksten Kandidatinnen aufmerksam machen und damit möglicherweise die Hürde von fünf Prozent erneut überwinden.
Alle gegen Links-Grün
Statt auf einen öffentlichkeitswirksamen Wahlkampf, setzen die beiden Zentrumsparteien darauf, dass Rot-Grün nicht mehr auf die bedingungslose Unterstützung des Stimmvolkes zählen kann.
Um der linken Dominanz entgegenzuhalten, unterstützt die Mitte neben ihrer eigenen Kandidatin Ueli Bamert (SVP) für den Stadtrat und keine Kandidat:innen aus SP, Grüne, GLP oder AL.
«Wir sind für Diversität, aber dafür braucht es keine 1001 individuellen Anreden.»
Die Mitte Stadt Zürich
Diese Strategie schlägt sich auch in ihrer Social-Media-Strategie nieder. Auf den sozialen Medien wirbt die Mitte gegen sogenannte «Velo-Raser» und diverse Pronomen. «Wir sind für Diversität, aber dafür braucht es keine 1001 individuellen Anreden», heisst es in einem der Videos.
Die EVP indessen hat mit 46 Follower auf Instagram den Wahlkampf in den sozialen Medien bereits verpasst.
Für Mitte und EVP entscheidet sich am 8. März, ob sie ihre fragile Präsenz im Gemeinderat halten können. Schon wenige Dutzend Stimmen können darüber entscheiden, ob die Parteien weiterhin politisch mitreden oder erneut aus dem Parlament fallen werden.
Dass die Zürcher:innen überdrüssig sind, merkt man an diesem Samstagmorgen zwar deutlich. Es könnte aber auch an der Kälte liegen – und nicht an der politischen Grosswetterlage.
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Yann hat an der Universität Zürich einen Master in Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie abgeschlossen. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er bei 20Minuten, Tsüri.ch und der SRF Rundschau. Beim Think & Do Tank Dezentrum war Yann als wissenschaftlicher Mitarbeiter und in der Kommunikationsleitung tätig. Seit 2025 ist er Teil der Tsüri-Redaktion.