Gentrifizierung im Kreis 4

Beliebter Vintageladen «love at the bus stop» muss Neubau weichen

Neun Jahre lang hat Juergen Schabes Zürich mit Vintage-Kleidung versorgt. Nun muss «love at the bus stop» wegen eines Ersatzneubaus seinen Standort verlassen. Für den Besitzer ist jedoch klar, dass der Laden an einer neuen Adresse weiterleben soll.

Juergen Schabes
Am 14. Februar feiert der Laden sein neunjähriges Bestehen. (Bild: Minea Pejakovic)

Wer in Zürich nach besonderen Vintage-Kleidungsstücken sucht, landet früher oder später bei «love at the bus stop» an der Badenerstrasse.

Seit mittlerweile neun Jahren berät Juergen Schabes in seinem Laden Kund:innen mit einem vielfältigen Angebot. Das Geschäft ist für den Besitzer mehr als nur ein Arbeitsplatz: «Für mich ist es nicht so, als ob ich zur Arbeit gehe, sondern ich gehe zu meinem Kleiderschrank», sagt er.

Doch Ende dieses Jahres ist vorerst Schluss: das Gebäude, in dem sich der Laden befindet, soll im Rahmen eines geplanten Ersatzneubaus abgerissen werden.

Mit Aufstockung zu neuem Wohnraum

Als der Kündigungsbrief im vergangenen Sommer eintraf, war das für Schabes keine grosse Überraschung. Bereits vor vier Jahren, als er seinen Laden umbauen liess, hiess es, dass die Liegenschaft bald einmal abgerissen werden würde. «Schlussendlich hofft man dennoch, dass man vielleicht länger Zeit hat», sagt er.

Hinter den neuen Bauplänen steckt die Swiss Finance and Property Group (SFP). Die Anlagestiftung hat die drei Liegenschaften an der Badenerstrasse 153 und 155 sowie an der Körnerstrasse 10 im Januar 2020 erworben.

Vorgesehen ist ein Ersatzneubau mit Aufstockung, der die drei Grundstücke zu einem einheitlichen Block zusammenführt. Auf Anfrage erklärt die SFP, dass die Anzahl der Wohnungen so von heute 20 auf künftig rund 33 Einheiten erhöht werde. Die Wohnungsgrössen liegen zwischen 2,5- bis 5-Zimmer-Wohnungen, vergleichbar mit dem heutigen Bestand.

Die Räume im Erdgeschoss sollen auch nach dem Neubau als Gewerbefläche vermietet werden. Ein konkreter Termin für den Baustart steht noch nicht fest. Vorerst ist dieser jedoch für Herbst 2026 vorgesehen.

Laden love at the bus stop
Von Prada über Dior bis hin zu Jean Paul Gaultier: Im Laden finden sich ausgewählte Vintage-Designerstücke. (Bild: Minea Pejakovic)

Zu den Mietzinsen der neuen Wohnungen will die Stiftung zum heutigen Zeitpunkt noch keine verbindlichen Aussagen machen. Die Preise werden sich aber «am Marktniveau orientieren und im mittleren Preissegment liegen», heisst es. Von einem klaren Anstieg der Mietpreise ist somit auszugehen. 

Aktuelle Mieter:innen würden bei einer erneuten Bewerbung bevorzugt, eine verbindliche Zusage könne derzeit aber noch nicht gemacht werden, schreibt die Stiftung weiter. Bei Bedarf unterstütze sie Mieter:innen bei der Suche nach Ersatzwohnungen.

Schabes möchte seinen Laden auf jeden Fall weiterführen und hat sich bereits nach Alternativen umgesehen, da er befürchtet, sich den neuen Mietpreis für das Lokal nicht mehr leisten zu können. «Ich möchte mir nicht jeden Monat Sorgen um die Miete machen», sagt er. Die Arbeit solle ihm schliesslich weiterhin Freude bereiten.

Eine hartnäckige Suche nach Gewerbeflächen

Seit Jahren verändert sich die Badenerstrasse sichtbar und ist zu einem beliebten Standort geworden. Es wird gebaut, neues Gewerbe zieht ein. Wer mit dem 2er-Tram entlangfährt, passiert eine Reihe von Baustellen. So entsteht derzeit auch direkt gegenüber vom «love at the bus stop» ein neues Bürogebäude.

Eine bezahlbare Gewerbefläche in Zürich zu finden, sei generell extrem schwierig geworden, sagt Schabes. «Auf dem Markt herrschen Zustände wie im Wilden Westen.»

Juergen Schabes
Die markanten Schaufensterpuppen werden von Schabes selbst gestylt. (Bild: Minea Pejakovic)

Die meisten Räume seien überteuert, und wenn sich doch einmal etwas Geeignetes finde, müsse man sehr schnell zugreifen. Die Suche nach einem neuen Laden beschreibt er entsprechend als «emotionale Achterbahn».

Dass Quartiere und Orte an Beliebtheit gewinnen, lasse sich laut Schabes kaum verhindern. Umso wichtiger sei es jedoch, bezahlbaren Wohn- und Gewerberaum zu erhalten. Sonst würden jene verdrängt, die ein Quartier erst lebendig machten. «Es kann schnell zu einem Einheitsbrei werden, wenn nur noch Ketten oder Büros einziehen – das sprengt jegliche Individualität», sagt er.

Dennoch blickt Schabes optimistisch in die Zukunft. Momentan habe er einen Raum im Niederdorf in Aussicht. Ob das klappt, ist aber noch offen. Bis spätestens Ende September müsse er jedoch eine Lösung finden. Eines steht für ihn aber jetzt schon fest: «Die Badenerstrasse wird meine Schaufenster vermissen.»

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Minea Pejakovic

Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.

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