Gastronominnen eröffnen Quartierbeiz «Huberta»
Im Kreis 9, an der Ecke Letzigraben/Albisriederstrasse, gibt es ein neues Restaurant. Geführt wird es von zwei Köchinnen und im Team arbeiten bewusst ausschliesslich Frauen.
Der orange Anstrich ist geblieben. Ein bisschen zu mediterran für Albisrieden, erinnert er an die griechische Taverne, die hier über zehn Jahre an der Ecke Letzigraben und Albisriederstrasse hauste. Am 14. Februar öffnet hier ein neues Lokal seine Türen: die Huberta.
Sie soll die neue Quartierbeiz werden: Keine klassisch dunkle Spunte mit Stammtisch und Zapfhahnromantik. Stattdessen rosa Wände, frisches Holz, eine glänzende Theke und ein Team, das ausschliesslich aus Frauen besteht.
Vom Pop-up und Sternerestaurant zur Quartierbeiz
Inhaberinnen der Huberta sind Nina Wild und Mirjam Eberle. Sie arbeiten hauptberuflich als Köchinnen. Wild absolvierte eine Lehre als Köchin und Confiseurin, leitete Pop-ups, wurde als Newcomerin des Jahres ausgezeichnet. Eberle lernte in Paris, arbeitete in einem 3-Michelin-Sterne-Restaurant, zog nach New York und gründete zurück in der Schweiz ein Catering.
Die beiden lernten sich 2019 kennen, als Wild eine Partnerin für ein Frauen-Pop-up suchte. Die Corona-Pandemie durchkreuzte die Pläne, doch der Kontakt blieb. «Wir haben immer wieder zusammengearbeitet. Es hat einfach gut gepasst», sagt Eberle.
Der Standort am Hubertus im Kreis 9 ergab sich zufällig. Eberle wohnt im Quartier, kennt das Haus und das frühere Restaurant. Als das Lokal ausgeschrieben wurde, war schnell klar: Das passt.
Im Innenraum gibt es 54 Plätze, dazu kommen rund 40 Aussenplätze im Gartenbereich. (Bild: Mai Hubacher) Nina Wild sammelt leidenschaftlich Dekorationsobjekte, die die Huberta schmücken. (Bild: Mai Hubacher) Wo früher eine griechische Taverne hausierte, ist nun die Huberta. (Bild: Mai Hubacher)
Der Entschluss, ein rein weibliches Team zu führen, entstand aus Erfahrung – und aus Frust, sagt Eberle. «In Männerteams spielt oft das Ego mit. Jeder will sein Ding durchsetzen oder die anderen übertrumpfen.»
Wild erzählt von der Lehrzeit: «Ich musste mich richtig durchkämpfen, um respektiert zu werden.» Sie erinnert sich an ihr Team in St. Moritz. 47 Männer, 6 Frauen. «Es artete aus. Sie schubsten sich, wurden handgreiflich. Es war der absolute Horror.» Drei Wochen, dann war sie weg.
In einem Frauenteam passiere das nicht. «Es ist viel mehr Miteinander», sagt Eberle. «Man bereitet Dinge engagiert vor, arbeitet konzentriert, aber es ist auch lustig, wenn Raum dafür da ist.»
Sexismus in der Gastrobranche
Die Erfahrungen werden von Zahlen des Eidgenössischen Büro für Gleichstellung und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) gestützt: Das Gastgewerbe kommt es überproportional häufig zu belästigenden Verhaltensweisen. Abwertende Sprüche, Witze, Gesten, Blicke, pornografisches Material. All diese Formen von Grenzüberschreitungen häufen sich.
Auch die Zürcher Gastronomin Naomi Biaduo, Vorstandsmitglied von Gastro Stadt Zürich, dem Branchenverband für Gastronomie in Zürich, bestätigt das. Sie betreibt die Kantine im Kreis 5 und kennt solche Situationen. «Aus meiner Erfahrung passiert vieles auf der psychischen Ebene, mit Sprüchen, Abwertungen, sexistischen Kommentaren», sagt sie. «Gerade als Frau wird man weniger ernst genommen – besonders von Gäst:inen, etwa bei Schliessungszeiten.»
Die Studie des Bundes zeigt: Frauen empfinden Vorfälle deutlich häufiger als störend und als sexuelle Belästigung im rechtlichen Sinn. Männer nehmen die gleichen Vorfälle eher als «unangenehm» oder «störend» wahr. Entsprechend liegt die subjektive Betroffenheit bei Frauen deutlich höher.
Laut Biaduo sind die Betriebe in der Verantwortung. Es sei wichtig, genau hinzuschauen, gerade auch bei den Gästen, «Unser Credo ist: Der Gast ist nur so lange König, wie er sich auch wie ein Gast verhält.»
Das sei in vielen klassischen Betrieben schwierig durchzusetzen, denn dort befänden sich Mitarbeitende oft in einer schwächeren Position. Umso wichtiger sei es, schon bei der Einstellung auf Sensibilität und Haltung zu achten und Anlaufstellen offen zu halten. «Früher wurde vieles akzeptiert oder totgeschwiegen. Heute bekommt Sexismus mehr Gehör», sagt sie.
Gastro Suisse, der Verband für Hotellerie und Restauration in der Schweiz, liefert mit einem Merkblatt Hilfestellung: Es erklärt, wie Arbeitgebende auf sexuelle Belästigung reagieren und sie vorbeugen können. Die Stadt Zürich ergänzt dies mit dem Projekt «Zürich schaut hin». Der «Werkzeugkoffer» liefert klare Handlungsanleitungen für Gastronom:innen, von Abgrenzung über Prävention bis zu Schulungen für Mitarbeitende.
Sara Hochuli, Vizepräsidentin von Gastro Stadt Zürich, begleitet die Kurse. Sie sagt: «In praktisch jedem Kurs gibt es mindestens eine Person, die sagt: ‹Sexismus gibt es gar nicht mehr› oder ‹Wir passen schon auf unsere Frauen auf›.» Hinzukomme, dass sie vor allem Betriebe erreichen würden, die ohnehin sensibilisiert sind. «Die, die das Problem leugnen, kommen gar nicht erst», sagt sie.
Ein Lösungsansatz wäre ein erweitertes Patent, eine Art Qualitätssicherung für die Gastronomie. «Es sollte nicht nur darum gehen, mehr Betriebe zu haben, sondern gute Betriebe: mit klarer Führung und respektvollem Umgang.»
Zusätzlich sollen die Schulungen sollen künftig stärker auf respektvollen Umgang im Team setzen, statt nur auf Begriffsklärung.
Ein sicherer Ort für Gäste und Team
Die Huberta im Kreis 9 will die Risiken mit einem Team aus fünf Frauen entschärfen. «Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem man gerne arbeitet – mit Respekt, guter Stimmung, Freude an der Arbeit.»
Biaduo hält Frauenteams für eine mögliche Lösung, besonders für Frauen, die lange in der Gastronomie arbeiten wollen und schlechte Erfahrungen gemacht haben. Gleichzeitig warnt sie: «Ein reines Frauenteam schützt nicht automatisch vor Grenzüberschreitungen, die oft auch von Gäst:innen kommen.»
Wild und Eberle lassen offen, ob irgendwann auch Männer Teil des Teams werden. Ob das Konzept für alle die richtige Lösung sei, wisse sie nicht, sagt Wild. «Aber für uns funktioniert es zurzeit so.»
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Bachelorstudium der Psychologie an der Universität Zürich und Masterstudium in politischer Kommunikation an der Universität von Amsterdam. Einstieg in den Journalismus als Redaktionspraktikantin bei Tsüri.ch. Danach folgten Praktika bei der SRF Rundschau und dem Beobachter, anschliessend ein einjähriges Volontariat bei der Neuen Zürcher Zeitung. Nach einigen Monaten als freie Journalistin für den Beobachter und die «Zeitung» der Gessnerallee seit 2025 als Redaktorin zurück bei Tsüri.ch.