Das «Banga Studio» schafft einen Safe-Space für die Schwarze Community
Viele Schwarze Menschen machen in Schweizer Coiffeursalons schlechte Erfahrungen. Ein Paar aus Zürich hat deshalb einen Barbershop eröffnet, der sich auf krauses Haar spezialisiert. Im Kreis 5 entsteht so ein Raum für die Community.
Als Teenager rasierte ein Friseur Adérito Mutumbuas Haare so grob, dass er ihm in den Kopf schnitt. Bis heute wachsen an dieser Stelle keine Haare mehr. Der Vorfall war für Mutumbua ein Wendepunkt. Von da an beschloss er, sich die Haare nur noch selbst zu schneiden.
Auch Xenia de Carvalho kennt ähnliche Situationen nur zu gut. «Uns wird immer versichert, man könne mit unseren Haartypen umgehen und dann machen sie einfach irgendwas», erzählt sie. Am Ende sitze man da mit geschädigtem Haar, das Jahre brauche, um sich zu erholen. «Das hat fast schon übergriffige Züge», fügt sie hinzu.
Die Angst davor, auf dem Coiffeurstuhl nicht richtig ernst genommen zu werden, sei innerhalb der Schwarzen Community laut de Carvalho weit verbreitet.
Aus diesem Grund hat das Paar vor knapp drei Monaten gemeinsam den Barbershop «Banga Studio» in der Nähe des Limmatplatzes eröffnet. Der Salon ist dabei ein erster Schritt, um weitere kulturgeprägte Räume zu schaffen – darunter ein Café, in dem Besucher:innen gemeinsam in den Austausch treten können.
Inspiriert durch die Barbershops aus Angola
Der Salon trägt den Geist jener Barbershops in sich, die Mutumbua und de Carvalho aus ihrer zweiten Heimat Angola kennen. Der Warteraum ist eine kleine Sitzecke, in der die Kundschaft auf Plastikhockern verweilen kann. Daneben stehen karierte Tragetaschen aus Kunststoff als Dekoration – vertraute Alltagsobjekte, die neu inszeniert werden.
An den Wänden hängen ausgewählte Vinylplatten, darunter eine der Hip-Hop-Legenden «A Tribe Called Quest». In den Holzregalen stehen bunte Haarprodukte ausgestellt, dazwischen liegen Afrokämme. «Es soll ein Zusammenspiel von Modernität und Elementen sein, wie man sie aus vielen angolanischen Haushalten kennt», sagt Mutumbua.
«Banga» ist ein Begriff aus der angolanischen Sprache Kimbundu und bedeutet sinngemäss «du siehst gut aus». Der Ausdruck geht über ein Kompliment hinaus und steht für Stil und ein selbstbewusstes Auftreten, erklärt de Carvalho. Genau dieses Gefühl möchten sie ihrer Kundschaft mitgeben: Wer den Salon verlässt, soll sich «fresh» fühlen.
Beim «Banga Studio» stehen die Bedürfnisse Schwarzer Menschen im Fokus. Auch der visuelle Auftritt spiegelt das wider: Schwarze Models sind mit Afro, Fade, Cornrows sowie Braids in verschiedenen Variationen zu sehen. Dass sich ihre Community repräsentiert fühlt, ist dem Paar ein wichtiges Anliegen. «Unsere Kundschaft soll anhand unseres Konzeptes auch erkennen – eure Haare sind in guten Händen», so de Carvalho.
Zur Eröffnung zeigte das «Banga Studio» eine von de Carvalho konzipierte Fotoserie. (Bild: Oikhalart) Für ihre Bilder erhalten sie in den sozialen Medien viel Zuspruch aus der Community. (Bild: Oikhalart) Demnächst sollen weitere Fotoserien folgen und dabei wechselnde Themen aufgreifen. (Bild: Oikhalart)
Eine Lücke in der Coiffeurbranche
Das «Banga Studio» richtet sich dennoch nicht nur an Schwarze Menschen. «Bei uns sind sämtliche Haartypen willkommen, egal ob ganz glatt oder dicht kraus», erklärt Mutumbua. Alle sollen in ihrem Salon Platz nehmen können. Die Haarstruktur sei nicht entscheidend.
Eine Selbstverständlichkeit, die in vielen Schweizer Coiffeursalons noch fehlt. Der Umgang mit krausem Haar werde laut de Carvalho in der westlichen Coiffeurbranche kaum thematisiert. «Es gibt uns das Gefühl, nicht wichtig genug zu sein», sagt sie. Es mangelt ganz klar am Willen, etwas am System zu ändern.
«Besonders junge Schwarze Menschen wollen sich nicht mehr verstellen.»
Xenia de Carvalho, Co-Inhaberin «Banga Studio»
In den letzten Jahren sei das Bewusstsein für diese Problematik zwar etwas gewachsen, sagt de Carvalho. Trotzdem könnten Schwarze Menschen bis heute nicht einfach in einen beliebigen Salon gehen, sondern müssten gezielt nach spezialisierten Angeboten suchen. «Das kann sehr frustrierend sein», sagt sie.
So sitzt an diesem Tag eine Kundin im «Banga Studio», die eigens dafür aus Liechtenstein angereist ist, da sie dort keinen geeigneten Salon gefunden hat.
Zwischen Anpassung und Selbstbestimmung
Haarstyles, die in afrikanischen Gemeinschaften verwurzelt sind, seien heute deutlich präsenter im öffentlichen Raum als noch vor einigen Jahren, wie de Carvalho beobachtet. Zuletzt sorgten etwa die Cornrow-Frisuren der Frauen-Nati während der Europameisterschaft schweizweit für Aufmerksamkeit.
«Besonders junge Schwarze Menschen wollen sich nicht mehr verstellen», sagt sie. Genau das hätten viele ihrer Eltern jahrzehntelang getan. Sie haben glatthaarige Perücken getragen oder ihre Haare chemisch geglättet, nur um nicht aufzufallen. «Die negativen Zuschreibungen, die krauses Haar während der Kolonialzeit erfahren hat, sitzen immer noch tief», sagt Mutumbua.
Die eigenen Haare in kulturell verankerten Frisuren zu tragen, sei deshalb mehr als eine Frage des Geschmacks. «Es ist identitätsstiftend», sagt de Carvalho.
Dennoch erleben Schwarze Menschen aufgrund ihrer Haare weiterhin Diskriminierung. Erscheint de Carvalho mit Braids, bleibt das selten unkommentiert. Das Unverständnis darüber, wie jemand eine Woche zuvor noch lockiges Haar tragen und kurz darauf eine völlig andere Frisur haben kann, sei gross. «Man muss sich ständig erklären und rechtfertigen», sagt sie. Das sei auf Dauer ermüdend.
«Mit jeder Kundin und jedem Kunden, dem wir helfen konnten, wissen wir, dass wir etwas richtig machen.»
Adérito Mutumbua, Co-Inhaber «Banga Studio»
Besonders im Arbeitsumfeld werde das Haar von Schwarzen Personen immer wieder problematisiert, sagt Mutumbua. Bestimmte Frisuren oder auch das Tragen eines Durags – eines schützenden Kopftuchs – gelten schnell als «unprofessionell».
Vom Salon zum Begegnungsort
Die Resonanz auf das «Banga Studio» ist bisher überwältigend positiv. Für Mutumbua und de Carvalho ist das ein Zeichen dafür, dass es einen solchen Ort gebraucht hat. «Mit jeder Kundin und jedem Kunden, dem wir helfen konnten, wissen wir, dass wir etwas richtig machen», sagt Mutumbua.
Ursprünglich trug de Carvalho den Wunsch in sich, eines Tages ein eigenes Café zu eröffnen. Dieser soll sich nun im Frühling erfüllen. In einem Nebenraum des Salons entsteht ein Café, das den angolanischen Flair weiterträgt.
Gleichzeitig soll der Raum als Ausstellungsfläche dienen. Eigene Fotos werden dort ebenso gezeigt wie Arbeiten anderer Künstler:innen. «Es soll ein Ort werden, an dem Menschen zusammenkommen können», sagt de Carvalho.
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Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.