Yunus Durrer: «Wir im Moods wollen zeigen, dass Jazz sexy ist»
Das Moods lockt viele Besucher:innen an, doch das Geld ist trotzdem knapp. Booker Yunus Durrer im Gespräch über Planungs-Puzzles, knappe Budgets und welches Genre noch schneller ist, als Drum & Bass.
Dominik Fischer: Gemeinsam mit zwei Kolleg:innen sind Sie für das Booking im Moods zuständig. Wie schafft ihr es, über 230 Konzerte im Jahr auf die Beine zu stellen?
Yunus Durrer: Es ist ein grosses Puzzle aus vielen Einzelteilen. Zum einen müssen wir die Acts hören und entscheiden, ob sie in unser Programm passen. Zudem müssen wir die Geschmäcker unseres Publikums treffen, den Zeitgeist spüren und einen guten Mix erreichen. Zum anderen müssen wir auch Vorgaben und Quoten erfüllen. Auch der Vereinsgedanke darf nicht zu kurz kommen.
Das Moods wurde vor über 30 Jahren als Verein von der lokalen Jazzszene gegründet und erhält heute Subventionsgelder. Was ist euer Auftrag?
Kurz gesagt: Musik mit Menschen teilen. Dafür erhalten wir Unterstützung von Kanton, Stadt und unserem Hauptsponsor, der ZKB. Die Gelder sind an Auflagen geknüpft. Zum Beispiel müssen wir mindestens 230 Konzerte im Jahr veranstalten. Zwei Drittel davon müssen aus dem Bereich Jazz oder World-Music stammen, mindestens die Hälfte der Musiker:innen müssen aus der Schweiz sein oder hier wohnen. Zudem gehört auch die Kulturvermittlung, die Förderung des Musik-Nachwuchs und der -vielfalt sowie soziale, ökologische und inhaltliche Nachhaltigkeit dazu. Mir ist es allerdings wichtig zu betonen, dass wir zu 75 Prozent eigenfinanziert sind. Von vier Franken, die das Moods einnimmt, sind drei selber erwirtschaftet.
Eure musikalische Breite ist in Zürich ziemlich einzigartig. Wie bewältigt ihr das?
Als Booker ist es wichtig, informiert zu bleiben – was passiert momentan in Zürich? Welche Artists spielen wo, wann für wen? Mit den Fragen beschäftigen wir uns tagein, tagaus. Meine Booking-Gspändli und ich teilen uns zudem das Moods-Musik-Spektrum auf. Mein Steckenpferd ist der Jazz, Adrian Hofer ist ein Global-Sound-Kenner und Brigitta Grimm bewegt sich in der zeitgenössischen und experimentellen Musik. Die Grenzen sind aber fliessend.
Und auch unsere Partnerschaften helfen uns dabei: Mit Jazzhane präsentieren wir Jazz und Psychedelika aus der Türkei und der Levante, mit Kultur Shock fokussieren wir uns auf Musik aus dem Balkan, gemeinsam mit Adalu feiern wir Brazil Beats und Samba ab und einmal im Monat schmeisst die K.O.S. Crew eine Reggae- und Dancehall-Party.
Funktioniert diese Bandbreite denn? Man hört ja immer wieder von Clubschliessungen und Publikumsschwund.
Man spürt den Druck. Aber in den letzten Jahren konnten wir unseren Zuschauerschnitt pro Konzert kontinuierlich steigern. Im vergangenen Jahr hatten wir im Schnitt fast 200 Personen pro Show. Auch bei den Künstler:innen erfreuen wir uns grosser Beliebtheit. Wir erhalten täglich zwischen 30 und 100 Anfragen von Menschen, die auf unserer Bühne spielen wollen.
Hinter dieser Tür spielt sich wahlweise Jazz, Psychedelica, Brazil Beats, Balkan Music oder jamaikanischer Dancehall ab. (Bild: Dominik Fischer) Im Schnitt pro Konzert hatte das Moods 2025 so viele Besucher:innen wie noch nie. Doch auch hier sind die Bareinnahmen eingebrochen. (Bild: Dominik Fischer) Das Foyer des Schiffbau sieht hingegen sehr oft so aus: leer. (Bild: Dominik Fischer)
Wie erklärt ihr euch die guten Besucherzahlen?
Das weiss unser Publikum am besten. Wenn ich tippen müsste, wäre es zum einen das breite Programm und die Möglichkeit, «Living Legends» zu sehen, wie auch neue Musik zu entdecken. Und die Leute scheinen sich im Moods wohlzufühlen. Ich persönlich bin auch grosser Fan von der Soundqualität. Unsere Anlage kann was. Leider heisst dieser Erfolg nicht automatisch, dass wir die Löhne und Gagen zahlen können, die wir uns wünschen würden. Fairpay ist ein grosses Thema.
Damit sind faire Gagen für Künstler:innen gemeint. Kann das Moods Fair Pay umsetzen?
Fair Pay wird zunehmend politisch gefordert und als Voraussetzung für Leistungsaufträge verlangt. Doch viele Clubs und Veranstaltende, darunter auch das Moods, können sich die empfohlenen Honorare bei der momentanen Förderung nicht leisten. Werden die Leistungsaufträge an Fair Pay geknüpft, aber nicht erhöht, bleiben wir auf den Mehrkosten sitzen.
Was heisst das konkret?
Das Moods hätte für Fair Pay im 2024 rund eine halbe Million Franken mehr benötigt. Würde dies nicht im zukünftigen Leistungsauftrag berücksichtigt, müssten die Eintrittspreise, selbst für unbekanntere Künstler:innen, auf mindestens CHF 50.– erhöht werden. Zudem müssten wir die Vielfalt unseres Programms reduzieren und könnten etwa grossen Orchester oder Newcomern seltener eine Bühne bieten, weil die Konzerte finanziell nicht tragbar sind.
Wieso fehlt es dem Moods trotz der vielen Besucher:innen am Geld?
Das liegt unter anderem daran, dass unser Umsatz an der Bar eingebrochen ist. Die Leute trinken und konsumieren einfach weniger auswärts. Dazu steigen die Kosten überall, während unsere Abokosten seit 10 Jahren gleich und die Ticketpreise tief sind. Wir sind nicht profitorientiert. Unser Wunsch ist, dass sich möglichst viele Menschen Live-Musik leisten können, und das nicht bloss 3 Mal im Jahr, sondern mehrmals im Monat.
Was bräuchte es, um noch mehr Menschen für Jazz und Live-Musik zu begeistern?
Es braucht Geduld und Vertrauen. Und: Wir müssen aufzeigen, dass zeitgenössische experimentelle Musik, Jazz und Bebop super sexy sind. Viele Leute sehnen sich nach immer schnellerer elektronischer Musik. Aber was ist noch schneller als Drum n' Bass? Bebop!
Auf welche Konzerte freuen Sie sich in den nächsten Wochen am meisten?
Müsste ich mich entscheiden, dann würde ich dir in den nächsten Wochen zwei Abende mitgeben.
Am 1. März kommt die Bassistin und Sängerin Meshell Ndegeocello zu uns. Das ist für mich fast schon ein Jahreshighlight. Ihr neustes Album heisst «No More Water – The Gospel of James Baldwin» und ist zeitgenössische Black American Music.
Am 10. März gibts ein Doppelpack. Das Schweizer Quartett Sc’ööf, zusammen mit dem Instrumental-Trio Antistatic aus Dänemark werden modernen Jazz erlebbar machen. Es wird punky, glitchy, experimentell und groovy.
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Bachelorstudium in Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich, Master in Kulturanalyse und Deutscher Literatur. Während des Masters Einstieg als Redaktionsmitglied in der Zürcher Studierendenzeitung mit Schwerpunkt auf kulturellen und kulturkritischen Themen. Nebenbei literaturkritische Schreiberfahrungen beim Schweizer Buchjahr. Nach dem Master Redaktor am Newsdesk von 20Minuten. Nach zweijährigem Ausflug nun als Redaktor zurück bei Tsüri.ch