Warum der Kreis 4 viel mehr zu bieten hat als Lärm und Dreck
Laut dem neuesten Quartierbericht ist Aussersihl laut, schmutzig und grau. Warum Zürichs vermeintliches Sorgenkind trotzdem der beste Kreis ist. Ein Kommentar.
Die Stadt hat den Quartierbericht 2025 veröffentlicht. Die Befragung zeigt, wie zufrieden die Einwohner:innen der einzelnen Stadtquartiere mit verschiedenen Aspekten sind, wie beispielsweise der Nachbarschaft oder den vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten.
Für den Kreis 4 fallen die Resultate nüchtern aus. Die Quartiere Langstrasse, Werd und Hard liegen bei vielen Fragen unter dem gesamtstädtischen Durchschnitt. Besonders das Langstrassenquartier landet bei Sicherheit, Sauberkeit und Ruhe am Ende der Tabelle.
Das zeigt: Trotz Aufwertung und wachsender Beliebtheit haftet dem «Chreis Cheib» sein berüchtigter Ruf als der vermeintlich chaotischste Teil der Stadt weiterhin an. Dabei ist der Kreis 4 viel mehr als das. Ein Fazit aus 25 Lebensjahren im Aussersihl.
Es lebe die Vielfalt
Nirgends ist das Gastroangebot so vielfältig wie im Kreis 4. Kulinarisch liegt hier die halbe Welt vor der Haustür.
Wenn sich der Hunger anbahnt, hat man die Qual der Wahl. Darfs eritreisch, libanesisch oder doch eher dominikanisch sein? In jeder Strasse gibt es eine Handvoll Möglichkeiten. Viele der Restaurantbesitzer:innen folgen dabei keinem kurzlebigen Trend, sondern kochen, was sie aus ihrer Heimat kennen. Genau das verleiht dem Angebot seine Authentizität.
Ausserdem gibt es an vielen Ecken Asia-Stores oder türkische Lebensmittelläden, in denen man Produkte findet, die grosse Detailhändler nicht anbieten. Der Einkauf wird so zur kleinen Entdeckungstour. Hier finde ich meine geliebte Eurocrem und fast immer landet auch ein neues Softgetränk im Einkaufskorb.
Doch Vielfalt zeigt sich im Kreis 4 nicht nur auf Speisekarten und Ladenregalen, sondern vor allem auf der Strasse. Im ehemaligen Arbeiterquartier treffen Kulturen aufeinander. Zu sehen, dass die Gentrifizierung jene trifft, die sich über Generationen ein Leben im Quartier aufgebaut haben, schmerzt. Sie haben den Kreis zu dem gemacht, was er heute ist.
Mittendrin im Geschehen
Auch wenn der «Chreis Cheib» weitaus mehr zu bieten hat als Partys, kommt man natürlich nicht darum herum, über die Langstrasse zu sprechen – schliesslich ist sie das pulsierende Herz der Stadt.
Wer einen lockeren Abend in einer Bar verbringen oder ausgehen möchte, landet früher oder später im Kreis 4. Selbst jene, die unter der Woche über das Langstrassenquartier schimpfen, werden am Freitagabend erstaunlich milde.
Mit dem Nachtleben kommt allerdings auch der Lärm. Das sollte vielleicht bedacht werden, bevor man hierher zieht und sich im Anschluss darüber beschwert.
Doch der grossstädtische Charakter des Quartiers beschränkt sich nicht auf die Langstrasse. Er zeigt sich ebenso in den Gebäuden, die das Stadtbild prägen: den Hardau-Hochhäusern, dem Verwaltungszentrum Werd oder dem Lochergut. Dazu kommt die gute verkehrstechnische Erschliessung. Wäre das eine Ausschreibung für ein Business-Apartment, dürfte die Beschreibung «urban» nicht fehlen.
Wenig Grün, aber trotzdem viel Platz
Dass das Aussersihl nicht mit grosszügigen Grünflächen gesegnet ist, lässt sich schwer bestreiten. Und doch gelingt es den Menschen hier immer wieder, aus den vorhandenen Räumen das Beste herauszuholen.
So bieten der Bullingerhof, die Bäckeranlage, das Kasernenareal und der Hardaupark Platz für eine Picknickdecke im Grünen. Hinter der Sporthalle Hardau befindet sich ausserdem ein städtischer Schrebergarten.
Doch belebt werden nicht nur die grünen Orte. Sobald die Sonne scheint, wird der Bullingerplatz samt Springbrunnen von Menschen überrannt. Unabhängig vom Wetter verwandelt sich der Helvetiaplatz samstags in einen grossen Flohmi und somit zum Treffpunkt für Schnäppchenjäger:innen aus der ganzen Stadt.
Wer im Kreis 4 also nach Ruhe und Ordnung sucht, wird vermutlich enttäuscht. Wer ihn aber nach Leben, Nähe und Vielfalt beurteilt, erkennt seine eigentlichen Qualitäten. Denn genau in diesen Bereichen zeigen sich seine Stärken.
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Nach der Ausbildung zur Kauffrau EFZ beim Sozialdepartement der Stadt Zürich folgte die Berufsmaturität an der KV Zürich mit Schwerpunkt Wirtschaft. Anschliessend Bachelorabschluss in Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin in der Redaktion von Tsüri.