25 Prozent Wachstum bei der SP – so viele Mitglieder haben die Zürcher Parteien
Einige Stadtzürcher Parteien sind in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Die Politologin Sarah Bütikofer erklärt, warum unruhige Zeiten neuen Zulauf bringen und weshalb die Mitgliederzahl trotzdem wenig über Wählerstimmen aussagt.
Bei den Wahlen vom 8. März werden die politischen Ämter in der Stadt neu verteilt. Schaut man auf die Mitgliederzahlen der Parteien, gibt es bereits jetzt einen klaren Sieger: die SP.
Die grösste städtische Partei verzeichnet aktuell 3610 Mitglieder und ist seit den letzten Wahlen 2022 um 740 Mitglieder gewachsen – also um mehr als 25 Prozent.
Auch andere Parteien konnten seit 2022 zulegen: So ist die AL von 266 auf 333 Mitglieder angewachsen, die Grünen von 540 auf 574. Die FDP sagte auf Anfrage, die Mitgliederzahl liege konstant bei 1600. Die EVP hingegen ist von 170 auf 145 Mitglieder geschrumpft. Die Mitte machte keine konkreten Angaben und auch SVP und GLP sprechen lediglich von einem «steten Zuwachs» der Mitgliederzahlen.
Dominik Fischer: Frau Bütikofer, überrascht Sie die Entwicklung der Mitgliederzahlen über die letzten vier Jahre?
Sarah Bütikofer: In der Forschung wird davon ausgegangen, dass knapp zehn Prozent der aktiven Stimmbevölkerung in einer Partei sind. Die von Ihnen recherchierten Zahlen kommen also ungefähr hin.
Wie ist das Wachstum einzuschätzen, ist nicht das gängige Vorurteil, dass sich immer weniger Menschen politisch engagieren wollen?
Über die letzten Jahrzehnte betrachtet gibt es schweizweit einen klaren Rückgang der Mitgliederzahlen der Parteien. Aber immer, wenn die Zeiten unruhiger sind und sich die politische Grosswetterlage verdunkelt, nehmen die Mitgliederzahlen von Parteien wieder zu.
Viele Personen haben dann das Gefühl, sich engagieren und aktiv werden zu müssen, weil sie merken, dass die Schweiz keine Insel der Glückseligen ist, sondern auch politisch oder wirtschaftlich unter Druck geraten kann.
Der Eintritt in eine Partei ist also eine Reaktion auf geopolitische Ereignisse wie den Ukrainekrieg, die Trump-Präsidentschaft oder das Vorgehen Israels in Gaza?
Das ist sicher eine mögliche Erklärung. Der Zulauf einiger, eher linker Parteien kann sicherlich teilweise damit erklärt werden, dass sie sich in Bezug auf internationale Konflikte klar positionieren, autoritäre Entwicklungen kritisieren und das Völkerrecht verteidigen. Es können aber auch konkrete, lokale Ereignisse oder Positionsbezüge von Parteien zu städtischer Politik dazu führen, dass jemand neu einer Partei beitritt.
Bei den Mitgliederzahlen fällt der Zulauf zur SP jedoch deutlich grösser aus als bei den Grünen.
Das liegt auch daran, dass sie eine Grosspartei ist. Der Aufwand neue Mitglieder zu generieren, ist für eine Partei kleiner, wenn schon eine breite Struktur und ein grosses Netzwerk besteht und sie in der Stadt mit zahlreichen Veranstaltungen präsent ist.
Wie wichtig sind die Mitglieder eigentlich für eine Partei?
Die Parteien sind auf ihre Mitglieder angewiesen, um ihre Strukturen aufrechtzuerhalten. Auch wer höhere politische Ziele hat, muss sich erstmal innerhalb der Partei mit Basisarbeit die Sporen abverdienen, sei das durch die Übernahme von Hintergrundämtern, aber auch bei Standaktionen, Büroarbeit, Flyern oder Telefonkampagnen.
Die Mitgliederzahl der SP ist klar gestiegen, die der FDP hingegen ist stabil geblieben. Lässt sich davon eine Prognose für die Wahlen ableiten?
Der Anstieg der Mitglieder ist sicher ein Indikator dafür, dass eine Partei gesund ist und es gut läuft. Aber eine Korrelation zwischen Wählerstimmen und Mitgliederzahl lässt sich nicht ziehen. Natürlich unterstützen die Mitglieder ihre Partei. Aber eine Partei kann nicht nur von der Unterstützung durch die Mitglieder leben, sondern braucht auch viele Stimmen von Nicht-Mitgliedern.
Bei den Zahlen fällt auch auf, dass die FDP städtisch fast dreimal so viele Mitglieder hat wie die Grünen. Aber 2022 erhielt die FDP nur drei Prozent mehr Wählerstimmen.
Die FDP ist ein Spezialfall, sie hat traditionell schweizweit sehr viele Mitglieder, deren Zählung aber bisweilen unklar ist. Dies zeigte vor einigen Jahren auch eine Recherche der Republik.
Der inzwischen verstorbene Schweizer Parteienforscher Andreas Ladner brachte es darin so auf den Punkt: «Nicht alle Mitglieder der FDP wissen, dass sie Mitglied der FDP sind.» Dies, weil die FDP möglicherweise manchenorts auch Sympathisant:innen zu ihren Mitgliedern zählt.
Die AL hingegen betonte auf Anfrage, die Partei habe einen «starken Bewegungscharakter» und es würden sich viele Menschen in der AL engagieren, die nicht Mitglied sind.
Auch in anderen Parteien kommt es vor, dass sich Menschen je nach Aktualität für ein bestimmtes Thema einsetzen wollen. Das sind Sympathisant:innen, die vielleicht keinen Mitgliederbeitrag zahlen, aber die Grundhaltung der Partei teilen, sie in der Regel bei Wahlen unterstützen und punktuell auch bereit sind, ein konkretes Engagement zu leisten, beispielsweise während eines Abstimmungskampfes aktiv zu sein.
Was steckt hinter dem Langzeit-Trend, dass immer weniger Personen Mitglied einer politischen Partei sind?
Früher hatten viele Familien eine klare Parteibindung, die teils über Generationen weitergegeben wurde. Auch bestimmte die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Milieus das gesellschaftliche Engagement, zu dem oft die Mitgliedschaft zur entsprechenden Partei gehörte – zum Beispiel war die Arbeiterschaft in Gewerkschaften organisiert und gehörte der SP an.
Heute agieren viele Menschen im Bereich der Politik eher punktuell und themenbezogen. Sie lassen sich auch eher von konkreten politischen Ereignissen mobilisieren, ohne sich dauerhaft an eine Organisation wie eine Partei binden zu wollen.
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Bachelorstudium in Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich, Master in Kulturanalyse und Deutscher Literatur. Während des Masters Einstieg als Redaktionsmitglied in der Zürcher Studierendenzeitung mit Schwerpunkt auf kulturellen und kulturkritischen Themen. Nebenbei literaturkritische Schreiberfahrungen beim Schweizer Buchjahr. Nach dem Master Redaktor am Newsdesk von 20Minuten. Nach zweijährigem Ausflug nun als Redaktor zurück bei Tsüri.ch